Gletscher in Tirol: Graugesichtiger Nacktmull

Das soll ein Gletscher sein? Was einst ein weißer Riese war, ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst.

Gletsche in den Bergen

Dahinschmelzender Rest: Gletscher in den Ötztaler Alpen Foto: Martina Raedlein/chromorange/picture alliance

BERLIN taz | Mein Sohn war nicht so beeindruckt: „Das soll ein Gletscher sein?“, fragte er nach vier Stunden Aufstieg. Wir standen vor der Braunschweiger Hütte in Tirol, hatten gerade 1.000 Höhenmeter in den Beinen und ein großes graues, steiniges, schrundiges Etwas vor uns. „Doch, doch“, sagte ich und zeigte auf den Ötztaler Gletscher und seine Umgebung. „Das ist ein Riesending.“

Ich dagegen war ein bisschen sprachlos. So wie das ist, wenn man mal wieder die Realität dessen sieht, was sich sonst hinter Konferenzen, Gutachten, Strategien, Warnungen und Routine versteckt: Klimawandel zum Anfassen, auf 2.759 Metern. Vor 19 Jahren, als der junge Mann neben mir noch ein entfernter Gedanke war, hatte ich schon mal hier gestanden. Aber da war der Eisfluss vor mir noch ein weißer Riese gewesen und nicht dieser graugesichtige Nacktmull, dessen schlammiger Abfluss in einem großen Wasserfall ins Tal donnerte.

Im Corona-Urlaub waren wir kurz entschlossen aufgebrochen: Wir liefen durch die Ferne (Fernwanderweg E5 Oberstdorf bis Sölden), aber mehr so „unter ferner liefen“. Mit Sack und Pack hoch auf die Scharten, runter in die Täler. Ich wunderte mich darüber, welche Strecken wir früher so klaglos marschiert waren und welche Strecken unsere Kinder heute so klaglos marschierten. Der Weg war immer noch toll, der Rucksack immer noch zu schwer, das Wetter viel besser als 2001 und das tägliche Bad im Fluss eine Wohltat.

Aber aus manchen einsamen, wilden Tälern war ein Abenteuerspielplatz für Tageskletterer geworden, aus verschlafenen Dörfern Touristenhotspots mit Vollversorgung. Wandergruppen mit Tourguide ließen ihr Gepäck mit der Materialseilbahn auf die Hütten schweben, die alten Schummler (wir durften nur einmal mitschummeln). Damals war das eine einsame Gegend. Heute gondeln Leute hier hoch, die ihre Hunde mitnehmen, und auf einer Schotterpiste kam uns ein Lkw entgegen. Damals hatten wir uns im Schneetreiben auf dem Gletscher verirrt. Heute lag er weit neben unserem Weg.

Das tägliche Klima-9/11

Damals waren die beiden Kinder, die uns nun mit langen Schritten voranliefen, noch bloß zwei Möglichkeiten unter vielen. Auf dem Rückweg sahen wir 2001 im Fernsehen an 9/11 die Twin Towers in New York zusammenfallen. Am nächsten Tag war die Welt eine andere.

Damals war auch der heutige Klimawandel noch nur eine Möglichkeit unter vielen. Und die Welt ist heute eine andere, auch ohne ein spektakuläres Klima-9/11. Oder besser: Jeder Tag ist heute 9/11. Wir blickten vor der Braunschweiger Hütte auf das angeblich ewige Eis: einen von unzähligen Ground Zeros.

Schon damals hatte ich mich über das eigensinnige Österreicherisch gefreut: Fauscheln heißt klauen, beflegeln bedeutet anpöbeln und Paradeiser sind Tomaten. Heute lernte ich: Gletscher heißen hier Ferner. Vor uns lag der Mittelbergferner. Ich dachte an Hitzerekorde, CO2-Emissionen und dieses schwitzende, tropfende, rauschende Eisgebirge und verstand: Ferner liefen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben