Gewalt in den Niederlanden : Deutlicher Mittelfinger
Nicht nur in den Unruhen von Rotterdam zeigt sich ein Frust auf das Establishment – mit einer klaren rechtspopulistischen Ausrichtung.
Foto: Kilian Lindenburg/dpa
D ie Krawalle sind zurück. Im Januar löste die Einführung der Sperrstunde nächtelange Gewalt in den Niederlanden aus, nun war es die heftig geführte Impfpflichtdebatte. Wobei das mit der Kausalität eher vage ist: Anders als die eskalierte Anti-2G-Demonstration in Rotterdam, bei der die Polizei mit scharfer Munition auf Protestierende schoss, waren die Riots der folgenden Nächte, an denen vor allem Jugendliche beteiligt waren, eher Ritual denn Teil einer politischen Agenda.
Ein Krisensymptom aber, ein inhaltlich vager, aber symbolisch umso deutlicherer Mittelfinger gegen das gesellschaftliche Establishment sind sie dennoch. Dass sich dahinter kein emanzipatorischer Anspruch zu verbergen braucht, erleben die Niederlande seit knapp zwei Jahren auf Kundgebungen gegen die Coronamaßnahmen oder zuvor bei den Bauernprotesten. Beide Bewegungen haben übrigens eine starke rechtspopulistische Unterströmung.
Frustrationen und Wut auf die vermeintlich etablierte Politik äußern sich nach gut anderthalb Jahren Pandemie auf verschiedene Weise: die in dieser Saison wieder aufgeflammte Hooligan-Gewalt bei Fußballspielen, die massenhafte Impfverweigerung der Fundamental-Calvinisten im sogenannten Bibelgürtel, Bedrohungen von Ärzten oder von Kameraleuten, die auf Coronademos nur noch mit Security-Begleitung ihrer Arbeit nachgehen.
In der Impfpflichtdebatte verdichten sich diese Faktoren. Besonders in Erscheinung tritt dabei das rabiat identitäre „Forum voor Democratie“. Die völkischen Impfgegner bilden ein Scharnier zwischen Straße und Parlament. Dass einer ihrer Abgeordneten unlängst einem liberalen Kollegen androhte, er werde dereinst vor ein Tribunal gestellt, war ein extremer Moment des aufgeheizten Covid-Diskurses. Zugleich zeugt er davon, dass Einschüchterung dabei ein zunehmend gängiges Stilmittel ist.
Dass die aktuellen Koalitionsverhandlungen von der Zustimmung der calvinistischen „ChristenUnie“ zum 2G-Konzept abhängig sind, ist in diesem Kontext besonders brisant.
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