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Gewalt in Iran10.000 Euro für einen Leichnam

In Iran sollen Angehörige getöteter Demonstranten für die Munition aufkommen. Augenzeugen berichten am Telefon, wie sie die letzten Tage erlebt haben.

Spuren der Proteste auf dem Sadeghieh-Platz in Teheran, Iran, am 15. 1. 2026 Foto: Atta Kenare/afp

Aus Berlin

Kourosh Ardestani

Was in den letzten Tagen in Iran geschehen ist, hat jede Familie anders erlebt – und doch fallen immer wieder dieselben Worte, um den Horror zu beschreiben. Von „blutgetränkten Straßen“ ist die Rede, von „Massentötungen unvorstellbaren Ausmaßes“ – und: „Spricht der Rest der Welt über das, was in Iran passiert? Kommt endlich Hilfe?“

Die Menschenrechtsgruppe Hrana hat bislang 2.677 Tote bestätigt. Überprüfen lässt sich die Zahl nicht, aber vieles deutet darauf hin, dass sie noch höher sein dürfte. Im Schatten eines anhaltenden totalen Internet-Shutdowns bleibt das tatsächliche Ausmaß der Gewalt verborgen, so wie auch die aktuelle Stimmung im Land.

Dennoch sind seit Dienstag internationale Anrufe aus Iran wieder möglich. Deshalb konnten in den vergangenen Tagen Mütter, Väter, Geschwister ihren besorgten Angehörigen im Ausland erstmals wieder mitteilen, wie es ihnen geht – und wie sie die Tage der Gewalt erlebt haben.

In den sozialen Netzwerken der iranischen Diaspora kursieren gerade Dutzende, zum Teil schockierende Tonaufnahmen dieser Anrufe. Die taz konnte mit Exil-Iranern sprechen, die in den letzten Tagen mit ihren Angehörigen in Iran im Kontakt standen.

„Tötet sie nicht, tötet sie nicht!“

Eine von ihnen ist Mahsa, eine 30-jährige iranische Designerin aus Teheran, die heute in Deutschland lebt. Mahsa ist ein Pseudonym – ihr Name wurde geändert, um sie und ihre Familie zu schützen. Nachdem sie fünf Tage lang keine Nachrichten von ihrer Familie hatte, klingelte am Dienstag endlich das Smartphone, „Maman“ war am Apparat.

Was ihre Mutter schilderte, deckt sich weitgehend mit Augenzeugenberichten, die auch von der iranischen Diaspora online geteilt werden. So verlange das Regime von trauernden Angehörigen die Kosten der Munition zurück, mit der Demonstranten getötet wurden – meistens handle es sich um umgerechnet mehrere tausend Euro. Werde nicht bezahlt, würden die Sicherheitskräfte die Leichname einbehalten.

„Erst ermorden sie uns, dann machen sie ein Geschäftsmodell daraus“, habe ihre Mutter am Telefon gesagt, erzählt Mahsa. Ihrer Mutter, die als Hausfrau in Teheran lebt und sich um die greise Großmutter kümmert, gehe es aber gut. Sie habe die Proteste nur vom Balkon ihrer Wohnung beobachtet, die auf einer Hauptstraße mit mehreren Regierungsbüros liegt. Mahsa hat aufgeschrieben, was ihre Mutter erzählt hat:

„Wirklich intensiv wurden die Proteste ab 21 Uhr. Demonstranten überfluteten die Straße. Zunächst hielten sich die Sicherheitskräfte zurück. Als sich die Menschenmasse den Regierungsgebäuden näherte, kam es zu Zusammenstößen. Die Demonstranten überwältigten einen Agenten, verprügelten ihn und rissen ihm die Kleider vom Leib – dann ließen sie ihn laufen.

Wenige Minuten später kamen die Regime-Agenten zurück und schossen direkt in die Menge. Ich hörte Schreie. Gemeinsam mit den Nachbarn rief ich aus dem Fenster: ‚Tötet sie nicht, tötet sie nicht!‘ Aber die Agenten schossen weiter. Einmal auch in Richtung unseres Hauses.“

Das Regime versucht, die Opferzahlen herunterzuspielen

Ein Nachbar, der an jenem Abend auf der Straße war, wurde – so erfuhr Mahsas Mutter später – durch einen Kopfschuss getötet. Kurz darauf sei seine Familie von Sicherheitskräften kontaktiert worden. Wenn sie den Leichnam des Sohnes haben wollten, müssten sie für die Munition aufkommen. Für die Herausgabe des Leichnams hätten sie daraufhin umgerechnet fast 10.000 Euro verlangt – und befohlen, dass es keine Trauerfeier geben dürfe.

Alternativ hätte die Familie auch erklären können, dass es sich bei ihrem Sohn um einen Basiji gehandelt habe – einen Angehörigen regimetreuer Milizen, die für die Niederschlagung von Protesten zuständig sind. Auf diese Weise versuche das iranische Regime gezielt, die Zahl getöteter Sicherheitskräfte in die Höhe zu treiben und jene der getöteten Demonstranten herunterzuspielen, erklärte das Boroumand-Zentrum für Menschenrechte in Iran am Mittwoch.

Wo sich die Augenzeugenberichte einig sind: Auf Irans Straßen sei es inzwischen wieder ruhig, aber nur auf den ersten Blick. Aktuelle Bilder aus Teheran zeigen, wie vermummte Kämpfer mit Maschinengewehren auf Pick-up-Trucks durch die Stadt fahren. „Iran steht gerade faktisch unter Kriegsrecht“, kommentiert der iranischstämmige Fotojournalist Afshin Ismaeli.

„Manche sind mit den Nerven am Ende“

Nach den Massentötungen haben die Menschen jetzt Angst, auf die Straße zu gehen“, sagt Arezoo, die als Architektin in Basel lebt. Das habe sie von mehreren Freunden in Iran erfahren, mit denen sie telefonisch in Kontakt stehe. Ohne Zugang zum Internet sei die Staatspropaganda derzeit die einzige verbliebene Informationsquelle: Dort werden Demonstranten als „Terroristen“ bezeichnet, Hinrichtungen gefordert und erzwungene Geständnisse ausgestrahlt – den ganzen Tag.

„Manche sind mit den Nerven am Ende. Sie haben erlebt, wie Menschen vor ihren Augen erschossen wurden“, sagt Arezoo. Auch sie heißt eigentlich anders. „Andere sind noch voller Kampfgeist, sie planen Streiks und hoffen, dass bald Hilfe vom Westen kommt. Viele sind auf die Straße gegangen, weil sie Trump geglaubt haben, er würde ihnen zu Hilfe kommen“, sagt Arezoo. Inzwischen scheint ein Militärschlag der USA allerdings weniger wahrscheinlich.

Nicht alle wollten am Telefon über die Proteste sprechen, aus Angst, abgehört zu werden, sagt Arezoo. Als sie mit ihren Eltern telefoniert und die Proteste erwähnt habe, hätten sie sie unterbrochen: „Sie überwachen gerade alles. Bitte sag nichts, wir wollten nur deine Stimme hören.“

Druck auf trauernde Angehörige, Waffengewalt, Überwachung und eine anhaltende Internetblockade – so gelingt es dem Regime der Islamischen Republik aktuell, die Straßen und vorerst auch das Narrativ zu kontrollieren.

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