Gewalt gegen Journalistin: Böse Überraschungen

Am 1. Mai schlug ein Polizist der Kamera-Assistentin Lea R. ins Gesicht. Die Folgen für R. sind massiv, sie klagt auf 10.000 Euro Schadenersatz.

Polizisten und DemonstrantInnen stehen in der Dämmerung auf einer Kreuzung

Einsatzkräfte und Protestierende trafen am 1. Mai in Kreuzberg aufeinander Foto: Michael Kappeler/dpa

Medienleute, die Gewalt erfahren haben, wissen: Wenn die Schmerzen nachlassen, geht der Stress oft erst richtig los. Auf Angriffe folgen Krankenhausbesuche, Interviews, Anwaltstermine, Vernehmungen. Bei Lea R. kamen noch andere böse Überraschungen hinzu.

Die Kamera-Assistentin berichtet, dass sie am 1. Mai in Berlin von einem Polizisten gezielt mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden sei. Ihr Team war dabei, Fernsehaufnahmen für die Agentur Nonstopnews zu machen, als die Polizei in ihrer Nähe eine Festnahme durchführte. Ein Video dokumentiert den Moment, nicht aber den Faustschlag.

Ihre Schneidezähne sind abgebrochen, sie blutete und erlitt Prellungen, wie sie wenige Tage nach dem Vorfall der taz berichtet. Aber ihre Geschichte geht zunächst etwas unter – nach dem 1. Mai wird vor allem über eine andere Attacke gesprochen: die von Unbekannten gegen das Team der ZDF-„heute show“.

Durch ihre beruflichen Kontakte sorgt R. dafür, dass Kol­le­g*in­nen von dem Faustschlag erfahren. Sie selbst dreht unter anderem für die Welt, Pro 7 und das ZDF. „Die Ersten, die mich angerufen haben, waren taz und rbb“, erzählt sie. Dann sei es Schlag auf Schlag gegangen, rund 15 Interviews habe sie seitdem gegeben.

Schwerwiegende Verletzungen

Bei einem Arzttermin stellt sich heraus, dass ihre Verletzungen schlimmer sind als anfangs vermutet. Ob ihre Schneidezähne überhaupt repariert werden können, ist laut einem Gutachten, das der taz vorliegt, unklar. Mit ihrem Anwalt verlangt R. 10.000 Euro Schmerzensgeld von der Berliner Polizei.

Aus „zuverlässiger Quelle“, wie sie selbst sagt, habe sie erfahren, dass der Tatverdächtige schon gefunden worden sei. Wer die Quelle ist, möchte sie zu dessen Schutz nicht öffentlich machen. Die Aufnahmen des Fernsehteams, die auch von der rbb-„Abend­schau“ ausgestrahlt wurden, zeigen sechs Polizisten der 15. Einsatzhundertschaft gegen 23 Uhr vor dem Restaurant „Kreuzburger“ bei einer Festnahme.

R. und ihr Team vermuten, dass ihr Schläger zu dieser Gruppe gehören könnte. Auch der Teamchef und der Kameramann berichten, dass sie von den Uniformierten angegangen und geschlagen worden seien.

Bislang keine öffentliche Aufklärung

Medienleute erleben bei ihrer Arbeit häufig „unzureichenden Schutz, teilweise sogar Behinderungen“ durch die Polizei, stellte das European Centre for Press an Media Freedom in Leipzig vor zwei Jahren fest. 2018 haben „Körperverletzungen im Amt“ laut Berliner Polizeistatistik im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent zugenommen.

Für öffentliche Aufklärung sorgt die Polizei auch im Fall von Lea R. bislang nicht. Ein Sprecher teilt auf taz-Anfrage lediglich mit, dass noch kein Tatverdächtiger identifiziert worden sei, und verweigert weitere Auskünfte mit Verweis auf laufende Ermittlungen. Sind die Verdächtigen bis zum Abschluss des Verfahrens wenigstens vom Dienst suspendiert?

Auch das teilen weder die Polizei noch deren oberster Dienstherr, Innensenator Andreas Geisel (SPD) mit. Lea R. sagt, sie habe Vertrauen in die Sicherheitskräfte verloren, betont jedoch: „Ich finde immer noch, dass die Polizei ein wichtiges Staatsorgan ist.“

Diese ermittle wegen des Faustschlags zwar intern, teilte sie mit. Fachleute versprechen sich davon jedoch wenig. Laut Forschenden aus dem Projekt „Körperverletzung im Amt durch Polizei­beam­t*innen“ der Ruhr-Universität Bochum kommt es in nur 1,97 Prozent der Fälle von Polizeigewalt überhaupt zu Gerichtsverfahren. Polizist*innen sagen ungern gegeneinander aus und Staatsanwaltschaften erheben nur selten Klage gegen die Behörde, von deren Informationen sie für ihre tägliche Arbeit abhängig sind.

Häme auf Twitter

Nun muss R. auch noch Häme und Beleidigungen im Netz ertragen. „Wird’s schon verdient haben“ oder „blöde Kuh“ schrei­ben Rechtsextreme auf Twitter. Erst nachdem Nutzer*innen diese Beiträge melden, löscht der Dienst sie. Andere scheinen nicht zu wissen, dass eine „Kamera-Assistentin“, die mit einem „Fernsehteam“ Nachrichten produziert, „Journalistin“ ist. Sie versuchen, ihr diese Bezeichnung abzusprechen.

Und auch von einzelnen Kolleg*innen ist die Journalistin enttäuscht. Einer habe Fotos von ihr an ein Boulevardmedium verkauft – mit ihrer Zustimmung, sagt er, gegen ihren Wunsch, sagt sie. Eine freie Journalistin wirft auf Twitter gleich dem gesamten Team vor, sie würden in jedem Artikel etwas anderes sagen, die Kollegin führt aber keine Belege für diese Behauptung an.

„Die meisten Kommentare unter den Zeitungsberichten sind zum Glück positiv“, ist die 22-Jährige froh. Sie will auf jeden Fall weitermachen und überlegt sogar, Journalismus an der Universität zu studieren.

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