Getraud Gauer-Süß und Randy Haubner über Konsum

„Es ist ein bisschen wahnsinnig“

Kaufen, Weihnachten, umtauschen, mehr kaufen – das Projekt „Konsum mit Köpfchen“ will nicht mitmachen und bietet Alternativen an: nachhaltigen Konsum

Jetzt aber schnell: Nach Weihnachten ist vor dem Winterschlussverkauf Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

taz: Frau Gauer-Süß, Frau Haubner, wie verschenkt man konsumkritisch?

Gertraud Gauer-Süß: Ich schenke gerne, und bekomme auch gerne Geschenke. Aber ich überlege mir vorher genau, was ich wem schenken möchte und gehe dann gezielt in Geschäfte, die nachhaltig produzierte Waren anbieten. Da gibt es mittlerweile ein großes Angebot und ich finde eigentlich immer etwas.

Randy Haubner: Die größte Freude bereitet man anderen, wenn man sich Gedanken macht. Wenn man wirklich etwas aussucht, was zu der Person passt, vielleicht etwas Selbstgemachtes oder gemeinsame Zeit schenkt.

Sie setzen sich für nachhaltigen Konsum ein. Der Einzelhandel hat 2016 in Deutschland über 90 Milliarden Euro umgesetzt. Ein Großteil davon wird in der Weihnachtszeit verdient. Haben Sie eine konsumkritische Weihnachts-Utopie?

Gauer-Süß: Ich fände es gut, wenn wieder ein angemessenes Maß erreicht werden könnte und Schenken wieder bewusster abläuft. Wenn ich mir gut überlege, was ich verschenke, reduziere ich auch das Umtauschen. Dann hätten wir wahrscheinlich auch nicht so viele überlastete Menschen im Einzelhandel und abgearbeitete Paketboten. Es ist mittlerweile völlig normal, dass man sich zehn Sachen bestellt und vorher weiß, dass man acht wieder zurückschicken wird. Das alles ist ein bisschen wahnsinnig. Es geht ja niemandem besser dadurch.

Wie kann man diesem Wahnsinn entgegentreten?

Gauer-Süß: Natürlich können wir nicht alle wieder selbst unsere Kartoffeln anbauen. Wir sollten allerdings eine Debatte darüber führen, welche Werte wir mit unserem Konsum unterstützen. In was für einer Gesellschaft möchten wir leben? Was ist wirklich wichtig: Ist es das neueste Handy oder sind es vielleicht doch andere Werte?

Man sollte also das Richtige konsumieren und nicht komplett aufhören zu konsumieren?

Haubner: Es kommt auf die Definition an: Konsum ist der Gebrauch und Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen. Nachhaltiger Konsum bedeutet, die Bedürfnisse der jetzigen wie auch künftigen Konsument*innen zu erfüllen. Er sollte bei der Herstellung, Nutzung und Entsorgung Umwelt und Ressourcen schonen, sozial gerechte und faire Arbeitsbedingungen einhalten sowie ökonomisch tragfähig sein. Natürlich konsumieren wir und müssen das auch. Wir hinterfragen den Überfluss an Konsumgütern und sind nicht für einen reinen Verzicht, sondern dafür, dass man nachdenkt, ob man wirklich das zehnte günstige Shirt braucht oder ob es nicht auch ein fair produziertes tut.

Wie kann man Konsum anders gestalten?

Haubner: Bewusster und persönlicher: Neben dem Verschenken von nachhaltigen Produkten kann man tauschen, teilen und kokonsumieren. Für uns ist Kleidung ein großes Thema – Ökofaire-Mode und Altkleidersammlungen zum Beispiel. Bei uns bekommt man Anregungen und Ideen, wie und wo man nachhaltiger konsumieren kann.

Was gibt es in Bremen?

Haubner: Es gibt Tauschringe, bei denen man Dinge oder Dienstleistungen anbietet und durch ein Punktesystem „entlohnt“ wird. Mit diesen Punkten kann man dann weiter tauschen. Oder auch Initiativen, die sich für Kokonsum einsetzen, also Dinge teilt und nicht nur alleine besitzt. Auch gibt es zahlreiche Kleidertauschbörsen. Die haben wir anfänglich noch stark unterstützt, aber mittlerweile sind sie Selbstläufer.

Aber wie viel bringt das? Kann man so Großkonzerne bekämpfen?

Gauer-Süß: Für mich ist die Frage, was ich will und was ich nicht will. Wenn ich eine Strecke mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto fahre, weiß ich, dass es ökologischer ist. Und vielleicht tut mir das sogar selbst noch gut. Und auch wenn vielleicht unter den verschiedenen fair produzierten Kaffeesorten ein paar wenige dabei sind, die den angestrebten Standards nicht voll entsprechen, ist der immer noch besser produziert als der konventionelle Kaffee aus dem Discounter. Für mich ist nachhaltiger Konsum eine politische Handlung. Ich weiß, dass ich mit bestimmten Produkten ein System unterstütze, das ich nicht unterstützen möchte. Wenn es eine Alternative dazu gibt, entscheide ich mich immer für diese. Ich kann nicht einerseits ein System kritisieren und es andererseits durch Konsum unterstützen.

Ist Konsumkritik auch immer Gesellschaftskritik?

Gauer-Süß: Im Prinzip schon. Wir sind eine Konsumgesellschaft. Das hat sich einfach verselbstständigt.

Haubner: Es geht darum, welche Werte einem wichtig sind. Und das nicht nur im ökonomischen Kontext, sondern vor allem im ökologischen und sozialen. Es ist wichtig, nicht nur alles schnell und günstig anzubieten und zu verbrauchen, sondern eine gute Balance zwischen dem Konsum und der Gesellschaft zu finden.

Welche Werte meinen Sie konkret?

Gauer-Süß: Den Respekt vor den Bedürfnissen meiner Mitmenschen auf dieser Welt. Ebenso die zukünftigen Generationen. Ich versuche so zu leben, dass ich anderen ein ähnliches Leben wie meines ermögliche.

Haubner: Für mich ist es vor allem die Fairness für Mensch und Natur. Jedem Menschen steht etwas zu. Mit dem eigenen Konsum kann man ein Stück weit mitbestimmen.

Liegt nachhaltiger Konsum im Trend?

Haubner: Ich glaube, es gibt zwei große Trends. Zum einen wollen viele höher, schneller, weiter und genießen unsere Konsumwelt. Zum anderen gibt es immer mehr – gerade jüngere – Leute, die sich bewusst damit auseinandersetzten, wie sie leben und was sie unterstützen wollen.

Gauer-Süß: Dazu kommt, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht. Und wenn man bei Höher-schneller-Weiter nicht mithalten kann, gibt es zwei Kompensationsmöglichkeiten: Entweder man kauft sehr günstige Produkte oder man setzt diesem Wettbewerb etwas entgegen und entscheidet sich bewusst, dabei nicht mehr mitzumachen.

Wie erreichen Sie diejenigen, die weiterhin übermäßigen Konsum genießen?

Gauer-Süß: Man kann diese Gruppen gar nicht klar trennen. Das Wissen von Nachhaltigkeit ist eigentlich bei allen da. Jeder weiß, dass das eigene Verhalten Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft hat.

Haubner: Aber wir versuchen natürlich, auch Leute anzusprechen, die wir sonst nicht erreichen würden. Zum Beispiel mit unserer Modenschau auf der Breminale, wo wir vielen Leuten zeigen, dass Ökofair-Mode durchaus tragbar und schick sein kann.

Es heißt, dass Konsum nicht glücklich macht. Sie sagen, dass kein Konsum auch nicht glücklich macht. Macht dann nachhaltiger Konsum glücklich?

Gauer-Süß: Also, ich persönlich freue mich, wenn ich ein Produkt gefunden habe, das mir gefällt und ich mit dem Kauf eine faire Firma unterstütze. Diese Mode trage ich viel lieber und mit einem besseren Gefühl.

Haubner: Wenn ich weiß, dass mein Konsumverhalten das unterstützt, was ich möchte und was ich mir wünsche für diese Welt, dann macht mich das glücklicher. Weihnachtsgeschenke sind ein gutes Beispiel: Der Beschenkte ist glücklich, alle, die am Produkt mitgewirkt haben, können ein gutes Leben führen und die Umwelt wurde so wenig belastet wie möglich. Das macht mich glücklich.w

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