Gesundheits-Ökonom über Ärzte-Studium

„Für Bremen nicht zu machen“

Der Gesundheitsökonom Norbert Schmacke rät, Bremens Fantasien von einem Medizin-Studiengang fallen zu lassen. Es gebe Alternativen.

Gemeinsame Geschichte: Geburtshilfe- und Medizin-Lehre Foto: (Topkapi Palast-Bibliothek/ MS H 1479)

taz: Braucht Bremen einen Medizinstudiengang, Herr Schmacke?

Norbert Schmacke: In dieser Diskussion sollte man erst einmal in den Fokus rücken, was wir wollen: Die einen glauben, mit der Einrichtung einer Ärzte-Fakultät in Bremen, Leuchttürme in der klinischen Medizin schaffen zu können. Da kann ich nur sagen: Erbarmen! Die Geno hat genug damit zu tun, zu überleben. Die kann nicht Leuchtturm spielen. Die muss selbst erst einmal die Klippen umschiffen. Die anderen sagen, wir brauchen Ärzt*innen in den schwieriger zu besetzenden Regionen. Das ist eine eigene Debatte.

Droht denn ein Ärztemangel?

Man darf sich in dieser Frage nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wir haben im jetzigen System Schwierigkeiten, bestimmte Sitze an bestimmten Standorten wieder zu besetzen. Davon sind aber Städte wie Bremen noch kaum betroffen. Das zeigt sich eher in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern…

Bremerhaven gilt aber schon auch als schwierig?

Schwieriger als die Stadt Bremen, das trifft zu. Und in manchen Bremer Stadtteilen ist es ähnlich: Weil jüngere Leute da nicht so gerne hin wollen. Die knubbeln sich regelrecht in den Innenstadtbereichen. Insofern, wenn man über vermeintlichen Ärztemangel in Bremen spricht, sollte man überlegen, was sich unternehmen lässt, damit jüngere Leute motiviert werden können, sich an solchen primär nicht beliebten Standorten niederzulassen.

Was ist Ihr Vorschlag?

Wir müssen um die werben. Man kann ja niemanden gewaltsam nach Bremerhaven zerren oder nach Gröpelingen.

70, Gesundheitsökonom, Mitglied des Instituts für Public Health und Pflegeforschung, war zunächst Internist, bevor er über die Gesundheitsverwaltung in die Versorgungsforschung wechselte, Feld, in dem er 1995 habilitierte. Schmacke gehört seit 2004 als Unparteiischer dem Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten deutschen Selbstverwaltungsgremium des Gesundheitssektors an, seit 2008 in stellvertretender Funktion.

Mit Prämien?

Die gucken nicht nur aufs Geld. Ich glaube, man müsste mit den Ärzt*innen, die in der Weiterbildung sind oder im Betrieb eines der Lehrkrankenhäuser Kontakt aufnehmen und gemeinsam überlegen: Was kann die Arbeit in diesen ach!, so schwierigen Stadtteilen attraktiver machen? Das mag anstrengend sein, aber diese Mühe muss man auf sich nehmen.

Manche glauben, ein Studiengang Medizin wäre die richtige Lösung: Heidrun Gitter, die Präsidentin der Ärztekammer, regt an, ihn auf Allgemeinmedizin fokussiert zu konzipieren…

Das ist prinzipiell eine vernünftige Idee. Man muss aber fragen: Wie viel Aufwand müsste Bremen betreiben, um da hin zu kommen? Und den halte ich für viel zu groß. Denn die Geno-Kliniken sind nicht darauf ausgerichtet, Allgemeinmediziner*innen auszubilden. Da sollte man meiner Ansicht nach eher gucken, wie man mit Hannover oder Göttingen ins Geschäft kommt, die exzellente Allgemeinmedizinische Lehrstühle haben, und die Zusammenarbeit verbessern.

Warum ist das leichter, als hier Hausärzte auszubilden?

Ein Fokus Hausarztmedizin setzt ja ein entsprechendes Curriculum voraus. Bei dem müssten hier die Geno-Chefärzte mitmachen. Die haben aber von Hausarztmedizin meist keine Ahnung.

Und das ist so kompliziert?

Schon allein die Studierenden mit dem Thema Kommunikation und Techniken der Gesprächsführung vertraut zu machen, das elementar ist für den Hausarztbereich – das müsste hier alles sehr mühsam aufgebaut werden, von Null. Das ist ein unglaublicher Aufwand. Das ist am Ende des Tages nicht sinnvoll.

Auch weil die begrenzte Ressource Geld in anderen Bereichen sinnvoller angelegt wäre?

Bremen hat wirklich keinen Euro zu verschenken. Wenn ich mich entscheide, in den Bereich medizinischer Versorgung zu investieren, ist die Pflege mindestens so wichtig, wie auf die Ärzte zu gucken: Wie schaffen wir es, dass Bremen im heftigen Konkurrenzkampf zwischen den Kliniken genügend motivierte und qualifizierte Pflegekräfte rekrutieren kann – die Frage spielt in der Diskussion höchstens eine untergeordnete Rolle. Sobald aber dieser Begriff Ärztemangel auftaucht, erstarren viele regelrecht – wie schockgefrostet. Von dieser Panikreaktion muss man sich lösen.

Um stärker das Gesamtbild in den Blick zu bekommen?

Ja, genau. Gute medizinische Versorgung hängt nicht nur davon ab, wie viele Doktoren man hat.

Auch deshalb hatte Ärztepräsidentin Gitter ja angeregt, einen Studiengang ausgehend von der erforderlichen Akademisierung der Pflege- und Hebammenausbildung zu entwickeln: Klingt das nicht charmant?

Doch, das klingt total verlockend. Man muss aber wissen, dass es in Deutschland und weit darüber hinaus noch kein Modell einer solchen multiprofessionellen Ausbildung gibt. Das müsste Bremen völlig neu schöpfen. Und da sage ich, auch als überzeugter Bremer: Kümmern wir uns doch lieber um Sachen, die wir stemmen können. Stemmen kann man eine bessere Strukturierung der Weiterbildung, stemmen kann man die Akademisierung der Pflege. Das ist ein wichtiger Beitrag. Aber ein solcher interdisziplinärer, multiprofessioneller Studien- und Ausbildungsgang, das ist so anspruchsvoll, da braucht man so viel Personal – das ist für Bremen nicht zu machen.

Und beim Ärztenachwuchs vertrauen wir darauf, dass es schon gut gehen wird?

Nein. Das wäre falsch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses System der Einzelpraxen gerade in Stadtteilen, die sehr bunt sind, noch lange funktioniert. Ich denke, hier müssten die Ärzt*innen künftig stärker eingebunden sein in ein Netzwerk, von dem sie wissen: Es trägt sie. Sonst haben sie das Gefühl, sie gehen in diesen Anforderungen unter, die eine Praxis in einem Stadtteil mit vielfältigen Sozial- und Gesundheitslagen mit sich bringt. Über so etwas wird in Bremen aber gar nicht diskutiert.

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