Genossen von Mullahs und Mördern: Die neue autoritäre Linke
Wenn die Linke es nicht schafft, Grenzen gegen den Autoritarismus in den eigenen Reihen aufzuzeigen, wird sie selbst zur Gefahr. Und das zur Unzeit.
D ie Reaktionen einiger Linksradikaler auf den aktuellen Iran-Krieg kamen nicht als Überraschung, sie waren ideologisch vorprogrammiert.
Die dogmatische Splittergruppe „Kommunistische Organisation“ verkündet ihre Solidarität mit der Islamischen Republik: „Nieder mit dem Imperialismus – es lebe der Widerstand der Völker!“
Die trotzkistische Sekte „Klasse gegen Klasse“ schreibt, die Linke müsse sich „eindeutig“ auf die Seite Irans stellen – und den Widerstand bis zur Niederlage der USA, Israels und Europas unterstützen. Und die Hamburger Kommunisten von AKK verteidigen das Schwenken von Flaggen des Mullah-Regimes auf Demos und warnen vor einer „Delegitimierung“ der Islamischen Republik.
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Das sind nur drei Beispiele – es gibt etliche weitere. Man könnte diese Parteinahme einer neuen Generation roter Gruppen, die bereits das Hamas-Massaker gegen Israel am 7. Oktober 2023 als legitimen Widerstand, ja als dekolonialen Befreiungsakt interpretierten, als skurrile Randnotiz abtun. Doch sie gewinnen an Einfluss innerhalb der linksradikalen Szene. Und sie treten in Allianzen mit etablierten linken Strukturen auf: So sitzt die „Kommunistische Organisation“ in gleich zwei Bündnissen mit Untergruppen der Linkspartei – dem „Kufiya-Netzwerk“ und dem „Internationalistischen Bündnis Berlin“.
Die globalisierte Intifada
Diese Gruppen stehen sinnbildlich für das, was ich als die neue autoritäre Linke bezeichne. Und die Positionierungen dieser an sich sektenhaften K-Gruppen strahlen aus – in Universitäten, in die Kulturszene und in die sozialen Medien.
Die Verherrlichung islamistischer Terroranschläge wird in diesem Milieu normalisiert, und zwar weltweit. Es wird zur „Globalisierung der Intifada“ aufgerufen, während von Belgien bis Bondi Beach Anschläge gegen Jüdinnen und Juden verübt werden.
Erst am Wochenende erklärte ein Landesverband der Linkspartei sich stolz zu einem „antizionistischen“ – und lehnt damit das Existenzrecht Israels ab. Linke Gruppen in Deutschland arbeiten trotz Samidoun-Verbot des Bundesinnenministeriums weiterhin mit Anhängern des israelfeindlichen Netzwerkes zusammen – eine Tarnorganisation der Terrorgruppe PFLP.
„Die neue autoritäre Linke“ von Nicholas Potter erscheint am 20. März 2026 bei dtv.
Eine verständliche Emotionalisierung angesichts eines brutalen Kriegs mit zehntausenden zivilen palästinensischen Opfern, darunter viele Frauen und Kinder, wird von Fundamentalisten gekonnt instrumentalisiert. Sie verkaufen eine verkürzte Gut-Böse-Erzählung der Welt. Und liefern dazu einen dringenden Appell, zu handeln – gegen die angeblichen Schuldigen, auch hier in Deutschland.
Der Westen im Allgemeinen
In dieser Erzählung wird das ultimative Böse durch den jüdischen Staat Israel verkörpert. Jede Nuance der vielfältigen Gesellschaft dort wird nivelliert, um ihn zu dämonisieren. Aus einem Land der Schoah-Überlebenden und jüdischer Geflüchteter aus dem Nahen Osten (ab 1948 mussten schätzungsweise 850.000 Juden aus arabischen Ländern und Iran fliehen), wird das vermeintliche Paradebeispiel eines Kolonialismus, den es zu bekämpfen gilt. Auch mit Gewalt gegen Zivilisten. Bewaffnete Gruppen, die ebendas tun – ob Hamas, Hisbollah oder Huthis –, werden als heroische Widerstandskämpfer angefeuert, ihre Taten relativiert.
Auch der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen werden zum Erzfeind der neuen autoritären Linken – der große Satan, um es mit den Worten der Ajatollahs zu formulieren. Man muss kein Trump-Fan sein, um zu erkennen, was droht, wenn es autokratischen Staaten wie China, Russland und Iran gelingt, die unipolare Ordnung der USA aufzubrechen. Eine sicherere Welt definitiv nicht.
Das manichäische Freund-Feind-Schema der neuen autoritären Linken wird außerdem nach innen projiziert. Wer widerspricht oder nicht „auf Linie“ ist, gilt schnell als Gegner, Feind und Verräter. Und wird dementsprechend aggressiv bekämpft.
In Telegram-Chats der Linksjugend Solid, der Jugendorganisation der Linkspartei, wird fantasiert über die Erschießung vermeintlicher politischer Gegner im linken Lager – der „Antideutschen“. Beim Bundeskongress des Verbands im November 2025 berichteten Delegierte davon, wie andere Genossen ihnen gedroht hätten, sie nachts in ihren Hotelzimmern aufzusuchen. Einige reisten deshalb vorzeitig ab, andere entschieden sich, ihre Kandidatur für den Bundesvorstand zurückzuziehen.
Aus erster Hand
Ich kenne die Aggressivität der neuen autoritären Linken aus erster Hand. Aufgrund meiner Berichterstattung bin auch ich Drohungen ausgesetzt. Auf Ticketautomaten, Litfaßsäulen und Mülleimern klebten Sticker mit meinem Foto und Namen, die mich beleidigen und als „Genozid-Propagandist“ diffamieren. Selbstgebastelte Fahndungsplakate rufen offen zu meiner Eliminierung auf, samt roten Hamas-Dreiecken.
Pressefeindlichkeit bildet eine zentrale Säule der antidemokratischen Ideologie der neuen autoritären Linken. Etablierte Qualitätsmedien, von der New York Times bis zum Tagesspiegel und der FAZ, werden zum Feind erklärt, mit Hamas-Symbolen markiert oder gar durch Protestaktionen blockiert. In Italien stürmten Aktivisten das Büro der Zeitung La Stampa und beschimpften die Journalisten als „Terroristen“. Selbst die taz wurde mit Gaza-Graffiti beschmiert.
Auf Demos werden Journalisten bedroht oder körperlich angegriffen. In den sozialen Medien wird „Rechenschaft“ für Journalisten gefordert, gar ein „Nürnberg 2.0“. Eine Sprache, die man sonst eher von Reichsbürgern und Querdenkern kennt.
Das dadurch entstehende kritische mediale Vakuum innerhalb der neuen autoritären Linken füllen Verschwörungsblogs, Desinformationskanäle und die Propagandasender autokratischer Staaten von der Türkei über Katar bis Russland. Die Anfeindungen gegen mich kamen zunächst von Red Media, einem Portal, das eng verzahnt ist mit dem russischen Staatsmedium RT.
Von dieser Szene gehen inzwischen schwere Straftaten aus. In Großbritannien brachen Anhänger der als Terrororganisation verbotenen Palestine Action in eine Luftwaffenbasis ein und beschädigten Militärflugzeuge; einer brach bei einem weiteren Einbruch die Wirbelsäule einer Polizistin mit einem Vorschlaghammer. Die Gruppe ist inzwischen auch in Deutschland aktiv.
In Washington erschoss mutmaßlich ein Mann, der vorher in einer sozialistischen Partei aktiv war, kaltblütig zwei Mitarbeiter der israelischen Botschaft – und erfuhr Solidarität von einigen linksradikalen Gruppen. Hinzu kommen etliche Brandanschläge von unbekannten Tätern, etwa gegen die linke Kneipe Bajszel in Berlin-Neukölln, deren Betreiber ebenfalls Morddrohungen ausgesetzt sind.
Diese autoritäre Radikalisierung kommt zur Unzeit. Denn die liberale Demokratie hat gerade genügend Feinde, von der rechtsextremen AfD über Irans antiwestliche Terrorachse bis hin zu Putins Russland. Wenn die Linke es nicht schafft, klare Grenzen gegen den Autoritarismus in den eigenen Reihen aufzuzeigen, wird sie selbst zur Gefahr.
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