: Gemeinsam gegen Abhängigkeiten
Klimawandel und multiple Krisen: Genossenschaftliche Organisationen stärken hierzulande nachhaltige Landwirtschaft in Zeiten steigender Kosten und gesamtgesellschaftlicher Widersprüche
38 Grad Celsius in Hessen – obwohl der kalendarische Sommer noch gar nicht begonnen hat. Wer als Landwirt hierzulande Gemüse, Obst und Ackerfrüchte kultiviert oder Tiere hält, der sieht sich in den letzten Jahren immer größeren Witterungsextremen ausgesetzt: Es ist zu trocken, es ist zu nass, es ist zu kalt. Kurzum, die Wetterlage gerät immer häufiger aus der Balance, was Böden und Vegetation negativ beeinflusst: Am Ende fallen mancherorts sogar die Erträge niedriger aus. Das hat ökonomisch große Konsequenzen, gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Kosten stetig steigen. Was tun?
Mehr Flächenbedarf
„Wir bemerken, dass viele Biolandwirte an uns herantreten, weil sie aufgrund weniger Pflanzenwuchses mehr Fläche brauchen, um die gleiche Anzahl an Weidetieren zu halten“, berichtet Uwe Greff. Er ist Vorsitzender der Bioboden-Genossenschaft, deren Geschäft es ist, landwirtschaftliche Flächen aufzukaufen, um diese dem Ökolandbau zur Verfügung zu stellen. Wenn Bioboden mit dieser Transferleistung ökologisch wirtschaftende Betriebe in schwierigen Zeiten nachhaltig helfen kann, dann freuen sich Greff und seine Mitstreiter. So hat die seit mehr als zehn Jahren agierende Bioboden, eine einstige Ausgründung aus der GLS-Bank, mittlerweile schon über 5.000 Hektar landwirtschaftlicher Flächen in der ganzen Bundesrepublik erwerben können, sodass die Bilanzsumme inzwischen auf 65 Millionen Euro angewachsen ist.
Die Genoss:innen von Bioboden – derzeit rund 8.000 – sind ausdrücklich nicht renditeorientiert, sondern vielmehr an einem starken Ökolandbau interessiert. Dieser stehe aus der Sicht von Greff derzeit vor großen Herausforderungen. Zwar wächst im Lebensmitteleinzelhandel die Nachfrage nach Bioprodukten. Doch trotz zum Teil krass gestiegener Preise bekommen die einheimischen Landwirte davon häufig nur kaum etwas ab. Ein Dilemma angesichts steigender Betriebskosten und des Klimawandels. In dieser Diskrepanz sieht Greff auch gesamtgesellschaftliche Widersprüche. „Wenn also der SUV-Fahrer auf dem Biohof vorfährt und im Hofladen stöhnt, dass die Eier zu teuer seien, dann muss man schon tief Luft holen.“
Tatsächlich greifen viele Konsument:innen, ob nun bewusst oder unbewusst, ob nun mit SUV oder ohne, vermehrt zu günstigerer Ware aus dem Ausland. Darin sieht Jörg Migende, Geschäftsführer des genossenschaftlich organisierten Deutschen Raiffeisenverbands, „generell eine gefährliche Entwicklung“.
Die steigenden Kosten für die Betriebe wie Energie, Düngemittel, Bürokratie und Löhne können oftmals nicht kompensiert werden. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass heimisch erzeugte Lebensmittel in direkter Konkurrenz zu Produkten aus dem Ausland stehen, die oftmals zu deutlich niedrigen Kosten produziert werden können. Die Wettbewerbsgleichheit sei nicht gegeben, folgert Migende: „Dies ist vor dem Hintergrund der Ernährungssicherheit und eines angestrebten hohen Selbstversorgungsgrads kontraproduktiv.“
Blick auf den Welthandel
Ohnehin zeigen für Migende die aktuellen Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, wie hoch die europäische Verwundbarkeit (noch) sei: „Die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft lebt in hohem Maße vom offenen und fairen Welthandel. Es ist mehr als ein Gebot der Stunde, starke Abhängigkeiten von einzelnen Märkten zu vermeiden und den Export wie den Import breiter aufzustellen. Es geht um echte Diversifikation der Absatz- wie Importmärkte.“
Dabei stellt Migende heraus, dass Klima- und Umweltschutz und gelebte ökologische Verantwortung zum Wesenskern genossenschaftlicher Unternehmen gehören. Dies könne aber nur im Dreiklang von Ökologie, Ökonomie und sozialer Verantwortung gelingen. Wenn allerdings die internationale Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen (Bio-)Betriebe nicht mehr gegeben ist, dann gerät die ökologische Transformation der einheimischen Landwirtschaft ins Wanken. Ein Widerspruch, gegen den sich die landwirtschaftlichen Genossenschaften bei steigenden Kosten und Temperaturen zu stemmen versuchen. Dierk Jensen
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