Geisterspieltag der Fußball-Bundesliga: Berlin lernt jubeln

Mit 3:0 über Hoffenheim überzeugte Hertha beim Trainerdebüt. Nur wie man sich richtig freut, muss Bruno Labbadia noch lehren.

Fußballer spielen in einem leeren Stadion

Hertha BSC (in Schwarz-Rot) besiegt Hoffenheim verdient Foto: dpa/Reichardt

SINZHEIM taz | Hertha BSC hat einen neuen Trainer, Bruno Labbadia, und der war nach dem 3:0-Sieg seiner Mannschaft bei der TSG Hoffenheim so gut gelaunt, dass er die Frage nach den fehlenden Emotionen zu Coronazeiten sehr glaubhaft beantwortete: „In meinem Herzen ist immer Emotion. Ich mache mir die Gefühle selbst im Moment.“

Dafür, dass seine Spieler bei allen drei Treffern eine Jubel­traube bildeten, abklatschten und sich umarmten, bat er um Verständnis: „Ich sehe das meinem Team auf jeden Fall nach. Ich hoffe einfach, dass die Menschen draußen Verständnis haben. Das können wir nicht vermeiden, Emotionen gehören dazu, sonst brauchen wir nicht zu spielen.“ Außerdem seien die Spieler bereits sechsmal getestet worden, und jedes Mal sei der Test negativ ausgefallen.

Nun war das alles zwar kein Bruch mit den Regeln wie der jüngste Zahnpasta-Kauf von Augsburgs Trainer Heiko Herrlich, es war aber eine klare Missachtung der DFL-Empfehlungen. Außer der Hertha, die andere Prioritäten setzte, wie Vedad Ibišević erläuterte: „Ich habe unseren Doktor vor dem Spiel gefragt, ob das Tor zählt, wenn man das macht“, sagte der Kapitän. Das sei für ihn „das Allerwichtigste“ gewesen. Ibišević, der bei Hertha im Übrigen auch das Kapitänsamt innehat, ließ mit dieser Aussage einmal mehr tief blicken.

Schon bei dem Video von Salomon Kalou war er schließlich nicht nur durch die Missachtung der Abstandsregeln aufgefallen, sondern auch über die Klage darüber, dass ihm angeblich ein Prozent mehr Gehalt als abgesprochen als Solidaritätsabschlag vom Lohn abgezogen worden sei. In Hoffenheim berichtete er nun freimütig, dass er schon vor dem Spiel den möglichen Jubel geplant hatte – und nur eine kollektive Bestrafung ihn davon abgehalten hätte. Die aber will die DFL nicht aussprechen, es liegt ja nur ein Verstoß gegen Empfehlungen, nicht aber gegen verbindliche Hygienevorschriften vor.

Eine Frage, die sich bei Hertha allerdings niemand zu stellen scheint, ist die nach dem so oft beschworenen Vorbildcharakter des Fußballs. Die Bilder von einer Jubeltraube aus sieben, acht Spielern dürften im Jugendfußball, bei dem – wenn überhaupt – nur in Kleingruppen unter strengen Regeln trainiert werden darf, das gleiche Erstaunen auslösen wie bereits das Kalou-Video, bei dem man den Eindruck bekam, dass Hertha das alles eher als unverbindliche Empfehlung sieht.

Verdienter Sieg, aber ganz andere Diskussion

In dem Video, das zur Suspendierung Kalous führte, sah man übrigens auch, wie lax zumindest die ersten der von Labbadia ins Feld geführten sechs allesamt negativ verlaufenen Testreihen bei der Hertha durchgeführt wurden. Vom vereinseigenen Physiotherapeuthen in kurzen Hosen, der den Abstrich auch nicht, wie üblich, tief im Rachenraum des Spielers durchzuführen schien. Sondern im vorderen Mundbereich.

Sportlich war Hertha an diesem Nachmittag über 90 Minuten die bessere Mannschaft. Vor allem im Zweikampfverhalten war Hoffenheim krass unterlegen. Logische Folge waren die drei Tore. Beim 0:1 fälschte Hoffenheims Kevin Akpoguma einen Schuss von Peter Pekarík ins eigene Tor ab (58.). Kurz darauf köpfte Ibišević das 0:2. Weder bei der Flanke von Marvin Plattenhardt noch im Abwehrzentrum war Hoffenheims Abwehr zu passiv. Auch der dritte Berliner Treffer fiel zu leicht, wie man aus Hoffenheimer Perspektive sagen muss: Matheus Cunha erzielte aus spitzem Winkel das 0:3. (74.).

Dass ein völlig verdient herausgespielter Sieg nun nur ein Randaspekt zu werden droht, ist aus Berliner Sicht durchaus tragisch. Sooo wichtig scheinen Jubelrituale ja dann doch nicht zu sein, wenn alle anderen Teams der Liga es zeitgleich geschafft haben, sich beim demonstrativen Ick-freu-mir auf Ellbogen und Füße zu kaprizieren.

Hertha-Manager Michael Preetz wurde später gefragt, warum denn nicht im Training der von der DFL empfohlene kreative und hygienische Jubel einstudiert wurde. „Uns war heute erst mal wichtig, kreativ auf dem Platz zu sein. An allem anderen können wir dann ja in den nächsten Wochen arbeiten.“

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