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Gedenkfeier für Noël Martin in MahlowDer lange Lauf zur Aufarbeitung

30 Jahre nach dem rassistischen Angriff auf Noël Martin kommt Mahlow zusammen, um zu gedenken. Manch unangenehme Wahrheit aber bleibt unausgesprochen.

Der Bahnhofsvorplatz in Mahlow ist an diesem sonnigen Dienstagnachmittag gut besucht. Rund 100 Menschen kommen hier zusammen, um Noël Martin zu gedenken. Vor 30 Jahren wurde der gebürtige Jamaikaner und frühere Bauunternehmer Opfer eines rassistischen Angriffs. Zwei Mahlower verfolgten Martin 1996 im Auto, überholten ihn und warfen einen Feldstein in die hintere linke Autoscheibe Martins, woraufhin dieser die Kontrolle über sein Auto verlor und gegen einen Baum prallte. Noël Martin verbrachte den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt im Rollstuhl. 2020 verstarb er.

Im Rahmen der Aktionswoche für Demokratie und Vielfalt finden bis zum 21. Juni verschiedene Veranstaltungen in Mahlow statt, die an rassistische und rechtsextreme Gewalt in Brandenburg erinnern sollen. Teil der Aktionswoche ist das Gedenken an Noël Martin. Die Mahlower wollen gemeinsam die Strecke ablaufen, auf der Martin vor 30 Jahren verfolgt wurde. Startpunkt ist die Freiluftausstellung der Opferperspektive e. V. „Kein schöner Land“, die an Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg erinnert. 23 Schilder sind um den runden Bahnhofsvorplatz aufgestellt. Sie bilden die Namen der Todesopfer und die Orte der Taten ab. Auch Noël Martin hat ein Schild bekommen.

Bevor es mit dem Laufen losgeht, spricht Michael Schuchow, Bürgermeister von Mahlow. „Ich möchte nicht, dass noch mehr Schilder hinzukommen“, sagt er über die Ausstellung. Auch Judith Porath, Geschäftsführerin der Opferperspektive, kommt zu Wort und gibt Hintergrundinformationen zu den in der Ausstellung abgebildeten Opfern. „Erinnerung erfüllt ihren Sinn nur dann, wenn sie uns befähigt, die Gegenwart klarer zu sehen“, so Porath.

Was den Lauf so besonders macht, ist nicht nur die Anwesenheit des brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Gekommen ist auch Negus Martin, der Sohn von Noël Martin. Gemeinsam mit Woidke führt er den Lauf nach den Reden an. Begleitet wird die Menschenmenge von Security und Polizeiautos, die immer wieder Autos anhalten, um den Weg freizuräumen. Der Lauf bleibt ruhig, hin und wieder kommen neugierige Mahlower an die Zäune ihrer Vorgärten, um den Gedenkenden zuzuschauen.

Mahlow zeigt Gesicht

Der Weg führt über die Noël-Martin-Brücke, die 2021 so benannt wurde. Dort hängen auf beiden Seiten neben den Namensplaketten eine Jaimaka- und eine Großbritannienflagge. Die Deutschlandflaggen wehen im Hintergrund in der Mahlower Landschaft, vermutlich wegen der WM. Doch auch Rechtsextreme wollen ein Zeichen setzen. Erst vergangenen Samstag wollte die Band Wutbürger auf einer von der AfD veranstalteten „Märkischen Klangnacht“ spielen.

Schuchow untersagte das Musikfest. „Weil wir das für Parteien grundsätzlich nicht machen“, sagte er. Die „Wutbürger“ spielten trotzdem, auf einer daraufhin angemeldeten Kundgebung namens „Schwarz Rot Gold“. Dass die AfD mitverantwortlich für den Anstieg von rechtsextremen Gewalttaten ist, deutet nur Ministerpräsident Woidke in seiner Rede im Anschluss an den Lauf an. „Die Feinde der Freiheit und die geistigen Brandstifter sitzen heute im Landtag“, sagt er. „Wenn solche Vorfälle passieren, dürfen wir nicht vergessen, die geistigen Brandstifter zu erwähnen, die häufig in Nadelstreifen in den Parlamenten sitzen, und Hass und Hetze hoffähig machen.“

Das Versagen der Polizei und der Behörden nach dem Angriff auf Noël Martin wird während der Kundgebung nicht angesprochen. Es war die Journalistin Barbara Bollwahn, die erstmals für die taz über den Fall berichtete und aufdeckte, was wirklich geschah, als Martin angegriffen wurde. In ersten Berichten hatte es geheißen, Martin hätte die zwei Männer mit dem Auto verfolgt, nicht umgekehrt.

Angst vor der eigenen Vergangenheit

Die Mahlower wollten anfänglich nichts mit dem Fall zu tun haben, sagten sogar, sie könnten den Ausländerhass der Mahlower Jugend verstehen. Im Dezember 2000 äußerte sich der damalige parteilose Bürgermeister Werner La Haine gegenüber dem RBB zu dem Fall. Von der rechtsextremen Szene wollte er nichts wissen. Stattdessen handle es sich um eine „Handvoll chaotischer Jugendlicher“.

Es war Noël Martin selbst, der das Erinnern in die Hand nahm. Auf seine Initiative hin kam es 2001 zu einer Demo in Mahlow, die Martin anführte und von Tausenden Menschen begleitet wurde. Martin rief auch einen Jugendaustausch ins Leben, bei dem sich junge Menschen aus Mahlow und Birmingham begegneten. Einige junge Engländer sind auch an diesem Dienstag dabei. Auch eine Stiftung wurde gegründet, die Noël- und Jacqueline-Martin-Stiftung, benannt nach ihm und seiner Frau. Wie so oft ist Noël Martin ein Beispiel dafür, dass Erinnerungsarbeit von den Opfern ausgeht, selten von den Tätern.

Dass sich in Mahlow jedes Jahr eine Handvoll Menschen trifft und Noël Martin gedenkt, ist wichtig und richtig. Auch die großen Gedenkfeiern im Fünfjahrestakt tragen zur Erinnerungsarbeit bei. Doch am Ende müssen die Mahlower sich trauen und klare Kante zeigen. Regina Bomke, Mahlowerin und Moderatorin der Gespräche im Anschluss an den Lauf, bezeichnet die Täter, die Martin damals angriffen, jedoch als „zwei junge Mahlower“.

Auch die ausbleibende Erinnerung an die damals verbreitete rassistische Täter-Opfer-Umkehr sowie die immer wieder als Unfall oder Eskalation benannte Straftat im Rahmen der Gedenkfeier zeigt, dass Mahlow noch viel aus seiner eigenen Geschichte zu lernen hat, wenn es wirklich weitere Fälle von rassistischer Gewalt und Anfeindung verhindern will.

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