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Gedeihen im Transit

Der Garten von Paréa auf Lesbos ist für Geflüchtete ein Ort der Begegnung und kurzen Entlastung, während nebenan das EU-Lager den Alltag bestimmt

Aus Lesbos Giacomo Sini und Dario Antonelli (Text und Fotos)

Ein sauberer Schnitt, dann noch einer. „Ein ordentlicher Gemüsegarten braucht Zeit“, sagt Mohamed Ayash. Der 28-jährige Palästinenser aus al-Zawaida, einer Stadt im Gazastreifen, sammelt verwelkte Blätter ein und schmeißt sie in eine Box. Die Tomaten werden gerade reif, rot und glänzend hängen sie an den Pflanzen, die in zwei Reihen in einem Beet stehen. Der Garten ist ein Gemeinschaftsgarten auf der griechischen Insel Lesbos, betrieben von der NGO Europe Cares. Ayash ist der Chefgärtner, er koordiniert das Projekt.

Ayash ist groß, wenn er sich unter den Olivenbaum setzen will, muss er unter den Ästen den Kopf einziehen. Er weiß noch genau, wann er nach Lesbos gekommen ist, das war am 17. Juli 2023.

Sehr schnell kam er nach Paréa und sah den Gemeinschaftsgarten. „Der Garten erinnerte mich daran, wie ich zu Hause mit meinem Vater gearbeitet habe – wir hatten auch Olivenbäume.“ Mohamed Ayash trägt einen breitkrempigen Hut, eine dunkel getönte Sonnenbrille und ein langärmeliges Shirt, um sich vor der stechenden Sonne zu schützen. Damals beobachtete er die Arbeit aufmerksam. „Einiges sah irgendwie ungewohnt aus, ich hätte es anders gemacht.“ Ayash fragte, ob er mithelfen könne. „Und sie haben sich gefreut.“ Also begann er, beim Beschneiden der Bäume zu helfen.

Das Gemeinschaftszentrum Paréa mitsamt seinem Gartenprojekt ist auf Lesbos ein Anlaufpunkt für Menschen auf der Flucht, die auf der Durchreise sind. Die meisten erreichen die griechische Insel aus Afghanistan, viele fliehen auch aus den Bürgerkriegsländern Sudan und Jemen. Von der türkischen Küste sind es auf kürzestem Wege nur rund 9 Seemeilen, etwa 17 Kilometer, bis nach Lesbos, bis nach Europa. Knapp ein Drittel der in Griechenland registrierten Geflüchteten kommt auf Lesbos an.

Laut dem Monitoring des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind die Zahlen zuletzt eher rückläufig. 2025 kamen knapp 41.700 Menschen über das Meer nach Lesbos. Bis Mitte Juli dieses Jahres waren es im Vergleich erst rund 13.500. Das hängt mit einer schärferen Grenzpolitik der EU zusammen. Berichte über Pushbacks auf See haben zugenommen.

Vom Gemeinschaftsgarten aus kann man das Mittelmeer sehen. Jede Nacht ist die Küstenwache dort unterwegs auf der Suche nach Geflüchteten ohne gültige Papiere. Zwischen dem Meer und der Straße, die häufig von Autos der europäischen Grenzsicherungsagentur Frontex befahren wird, steht ein sogenanntes Closed Control Access Centre, kurz CCAC. Es ist eines der Geflüchtetenlager, das die EU hier betreibt und kontrolliert. Eine weiße Zeltstadt hinter einem hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zaun. Für viele Menschenrechtsorganisationen, die auf der Insel arbeiten, ist es ein Gefängnis.

Der Flecken Grün des Gemeinschaftsgartens, eingebettet in die ockerfarbene Landschaft der umliegenden Hügel, ist nicht nur eine kühlende Oase im Sommer. Der Garten ist auch ein Experiment in Sachen Solidarität und Zusammenhalt an einem Ort, an dem sich die Folgen der europäischen Grenzpolitik besonders deutlich zeigen.

In den vergangenen Monaten hat es unter den Asylsuchenden und den NGOs viel Verunsicherung gegeben. Grund ist der neue EU-Migrationspakt, der im Juni in Kraft trat. Er sieht unter anderem beschleunigte Asylverfahren – also schnellere Abschiebungen – an den EU-Außengrenzen vor. Menschen können dafür künftig bis zu zwölf Wochen in den Lagern interniert werden. In Vastria auf Lesbos ist ein weiteres CCAC gebaut worden, einen Eröffnungstermin gibt es seitens der griechischen Behörden allerdings noch nicht.

„Das Lager hat keinen Wasseranschluss, und keine befestigte Straße führt dorthin“, sagt Joakim O’Ryan, Sprecher des Gemeinschaftszentrums Paréa. „Diese neue Anlage liegt komplett isoliert im Inneren der Insel, mitten in einem Hochrisikogebiet für Waldbrände und 45 Autominuten von der Stadt entfernt.“

Die abgelegene Lage würde es Geflüchteten unmöglich machen, Anlaufstellen wie Paréa und andere solidarische Projekte zu erreichen. Sollte das CCAC in Vastria eröffnet werden, wäre das „eine direkte Bedrohung fundamentaler Menschenrechte“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Paréa, Anwaltskollektiven und NGOs. Auch wenn noch nicht klar ist, inwiefern die Migrationspaktregeln überhaupt praktisch umgesetzt werden können: „Das ist ein Regelwerk, das Repression gegenüber Migranten und solidarischen Initiativen verstärkt – in einem politischen Klima, in dem die Europäische Union immer weiter nach rechts rückt“, sagt Tatiana Svorou, Sprecherin von Lesbos Solidarity, einer Initiative, die seit Jahren Geflüchtete auf der Insel unterstützt.

Das Gemeinsame Europäische Asylsystem, kurz GEAS, wurde vom EU-Parlament und den Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Mai 2024 beschlossen. Bis Juni 2026 hatten die Mitgliedsstaaten Zeit, die Regelungen um­zusetzen. Kernpunkte der Reform sind beschleunigte Verfahren an den EU-Außengrenzen und ein Solidaritätsmechanismus unter den EU-Ländern.

Die „beschleunigten Verfahren“ sollen innerhalb von zwölf Wochen abgeschlossen werden. Sie gelten für Geflüchtete mit einer geringen Anerkennungsquote. Werden sie abgelehnt, werden sie sofort abgeschoben. Die Menschen, auch Familien mit Kindern, müssen während des Asylverfahrens in den Lagern verbleiben. Menschenrechtsorganisationen kritisieren das als haftähnliche Bedingungen. Allerdings sollen im ersten Jahr nur 60.000 aller Verfahren auf diese Weise stattfinden, bis 2028 dann 120.000. Die Mehrzahl der Asylverfahren wird nach wie vor in den Zielländern stattfinden.

Der Solidaritätsmechanismus soll besonders unter Druck stehende Länder wie Griechenland entlasten. Mindestens 30.000 Migranten aus Griechenland und Italien sollen so pro Jahr auf andere Länder umverteilt werden. Allerdings haben einige Länder bereits angekündigt, nicht mitmachen zu wollen, etwa Polen und – auch nach dem Regierungswechsel – Ungarn. Theoretisch müssen diese Länder 20.000 Euro pro nicht aufgenommener Person als ­Strafzahlung an die EU entrichten.

Der 20. Juni ist ein besonderer Tag in Paréa, Weltflüchtlingstag. Ein Kind spielt Flöte und schaut dabei sehr ernst, es ist immer derselbe Ton, den es zum Rhythmus der Trommeln bläst. Eine Gitarre begleitet, Bongos, Rasseln und andere Percussioninstrumente stimmen ein in die improvisierte Jamsession. Es gibt Mittagessen für alle im Schatten. Ein junger Mann, der im CCAC lebt, tritt an ein Mikrofon: „Wir haben uns nicht freiwillig von unserer Heimat getrennt“, sagt er. Omar* ist Anfang 20 und kommt aus Jemen. Die Fahrt in den meist unsicheren Booten über das Meer beschreibt er so: „Ich war wie versteinert vor Angst, komplett hilflos, ich dachte, ich ertrinke vor Furcht.“

Stille liegt über dem Hof des Gemeinschaftszentrums. Alle hören Omar zu: „Wir wollen kein Mitleid, aber wir wollen, dass man hinter das Wort ‚Flüchtling‘ blickt: Wir sind Menschen, deren Träume oftmals zerbrochen sind.“ Hoffnung, sagt Omar, geben ihm Orte wie Paréa: „Die Gemeinschaft hier zeigt mir, dass es bei all dem Leid auch positive Dinge gibt, die nicht so einfach totzukriegen sind.“ Solidarität, Mut, der Wille, zu leben.

Am hinteren Ende des Gartens steht ein Gewächshaus. Ein kleines, buntes Gebäude, errichtet aus Treibholz. Die Innenwände sind bemalt von Menschen, die auf dieser Insel Schutz gesucht haben. Gemeinsam mit Terra Psy, einer auf psychosoziale Beratung spezialisierten Organisation, würden hier Workshops stattfinden, sagt Mohamed Ayash. „Das können einfache Dinge sein, wie etwa einen Samen pflanzen und ihn aufgehen sehen.“ Er bekomme Briefe von Menschen, denen Asyl gewährt wurde und die nun weit weg lebten, die sich nach dem Wohlergehen ihrer Pflanze erkundigten und ob sie Früchte trage.

Thomas Sharifi, einer der Mitarbeiter von Terra Psy, sagt: „Dieser Ort hier ist wichtig. Viele Menschen kommen unter enormem Stress hier an. Sie befinden sich in einer Phase des Übergangs, und das Gartenprojekt hilft ihnen, einen Fokus zu finden – besonders jenen, die kaum noch Kraft haben und labil sind.“

Die Zusammenarbeit mit dem Gartenprojekt begann vor etwas über einem Jahr. Sharifi erzählt die Geschichte von einem Mädchen, das im Lager schwer depressiv wurde und nicht mehr zur Schule ging. Sie habe sich allem verweigert. Terra Psy vermittelte sie an Ayash, es war März, Anfang der Gartensaison. Gemeinsam pflanzten Ayash und das Mädchen Gemüse. Das Mädchen kam bald freiwillig, stellte Fragen und zeigte Interesse. „Jedes Mal, wenn sie wiederkam, haben wir gemeinsam die Pflanzen gegossen“, sagt Ayash.

Mohamed Ayash’ eigene Geschichte geht so: Im Oktober 2023 erhielt er einen Asylstatus. Er ging nach Athen, arbeitete auf dem Bau. Aber die Stadt wurde ihm zu viel. „Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Und außerdem ist in Athen das Meer zu weit weg.“ Also ging Ayash zurück nach Lesbos. Das war Anfang 2025. „Sie haben mir angeboten, den Gemeinschaftsgarten zu leiten, und ich habe angenommen.“ Es sei über die letzten Monate sehr ruhig hier gewesen, sagt er. „Im Moment leben nur ein paar Hundert Menschen im CCAC nebenan.“

Als es noch mehrere Tausend waren, seien ständig Leute vorbeigekommen, die helfen wollten oder einen Platz fürs Picknick suchten und vielleicht ein paar Tomaten und Gurken als Ergänzung zu hart gekochten Eiern. Manche fragten nach Pflanzen, um sie im Lager hochziehen zu können. „Und egal aus welchem Land die Menschen kommen, irgendwer ist immer dabei, der Ahnung vom Gärtnern hat“, sagt Ayash. Die Paréa-Mitarbeiter*innen organisieren auch immer wieder ein gemeinsames Frühstück oder Garten- und Kochworkshops, für die sie das Gemüse aus dem Garten nutzen. Bleiben mal Gurken oder Salat übrig, teilt Paréa es mit anderen NGOs, die sich ebenfalls um die Versorgung der Menschen in den Lagern auf Lesbos kümmern.

Vornübergebeugt in der Sonne steht ein Mann zwischen den Gurken und pflückt Portulak. „Yussef*, wie heißt das in Syrien?“, fragt Mohamed den Mittvierziger, während er am Bewässerungssystem hantiert. „Bakleh!“, sagt Yussef. „Gut für Salate. Warum? Wie nennst du es in Palästina?“ – „Rijla“, sagt Ayash, und deutet auf das Grün im Tomatenbeet: „Guck, da wächst es auch.“

Die Gemeinschaft zeigt mir, dass es bei all dem Leid auch positive Dinge gibt, die nicht so einfach totzukriegen sind.

Omar, Geflüchteter

Im nächsten Beet entfernt Ali* Unkraut zwischen den Zucchini. „Ich bin vor zwei Monaten hier angekommen, aus Syrien“, sagt Ali. Da habe er auch als Gärtner gearbeitet, sich um Tomatenpflanzen und anderes Gemüse gekümmert.

Vor Kurzem konnte er das CCAC verlassen, sagt er. „Dort drinnen war alles voll mit Kakerlaken und Ratten. Aber du musst dahin, wenn du Asyl bekommen willst.“ Nun lebe er in Mytilini, der größten Stadt der Insel, unweit des Lagers. Wo genau Ayash untergekommen ist, sagt er nicht. Aber er komme jeden Tag in den Garten: „Man kann viel lernen und Wissen teilen.“

Im Café des Gemeinschaftszentrums trinken Menschen Tee und Limonade. „Wir warten auf die Menschen, die vor zwei Wochen angekommen sind“, sagt ein junger Mann aus Jemen. „Normalerweise dauert der Registrierungsprozess nicht so lange“, ergänzt ein junger Mann aus Syrien. Er fragt sich, ob es an den neuen Regeln liegen könnte, die seit Juni gelten.

Hilfsorganisationen wie Collective Aid haben nach dem Inkrafttreten der neuen Regeln im Juni öffentlich kritisiert, dass es zu Verzögerungen komme im Registrierungsprozess, weil Formulare fehlten oder nicht klar sei, welche Daten genau wie registriert werden sollen.

Thea Rawe von der NGO Europe Cares, die das Paréa-Projekt betreibt, beschreibt die Zustände in dem Flüchtlingslager so: „Momentan leben etwa 300 Menschen dort, die meisten in Zelten mit fünf oder sechs Personen. Im Sommer wird es dort drin unglaublich heiß.“ Zwar seien die Ankünfte zurückgegangen – wegen der Pushbacks der griechischen Küstenwache und veränderter Migrationsrouten –, doch die Lebensbedingungen in dem für 8.000 Menschen ausgelegten Lager hätten sich nicht gebessert. „Sie hätten Platz, um die Leute individuell unterzubringen, aber sie machen es nicht. Viele Zelte sind leer“, sagt Rawe.

Der Migrationspakt wirke sich bereits darauf aus, wie lange die Menschen in den Geflüchtetenlagern festgehalten werden, sagt Rawe: „Eine Gruppe Geflüchteter, die im Juni ankamen, durfte das Lager einen Monat lang nicht verlassen, bevor sie ihren Asylbewerberstatus bekommen haben. Es war de facto ein Gefängnis für sie.“ Die Menschen würden komplett in der Luft hängen. „Ich hoffe, dass die Prozesse in Zukunft schneller werden“, sagt Rawe. „Aber der Punkt ist: Aufgrund der neuen EU-Gesetze dürfen diese Menschen in den Lagern eingesperrt werden, und sie gelten offiziell als nicht eingereist in die EU.“

Rawe macht sich Sorgen über den Tag, an dem das neu gebaute CCAC in Vastria tatsächlich eröffnet wird. „Das ist noch mal mehr wie in einem Gefängnis dort. Die Menschen sind noch isolierter vom Rest der Insel.“

Mittagszeit in Paréa, die Sonne brennt und einige Menschen suchen Schutz im Schatten des Gemeinschaftsgartens, um zu essen. Annaelle und Giulia, zwei Freiwillige, versuchen, eine Gruppe Kinder zusammenzurufen, die auf dem Gelände Fangen spielen. Es sind Kinder, die mit ihren Eltern im benachbarten Geflüchtetenlager leben. Jeden Tag kommen sie nach Paréa, um ein bisschen herumzutoben.

Die beiden Frauen schaffen es schließlich, die Kinder an einem hölzernen Tisch im Garten des Projekts zu versammeln, im Schatten von zwei großen Olivenbäumen. „Hier, nehmt etwas Reis“, sagt Annaelle zu einem der Kinder. Das Kind nimmt einen Löffel voll, dann zeigt es auf ein anderes Kind, das ebenfalls zu essen anfängt. „Sehr gut!“, sagt Giulia. In der Stille, unterbrochen nur durch leises Windrauschen, isst die Gruppe gemeinsam. Ein Moment zum Luftholen.

* Namen zum Schutz der Geflüchteten geändert

Mohammed im Garten

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