GEW-Landesvorsitzender über Schulöffnung: „Pädagogik statt Leistung“

Der Hamburger Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft findet, Tests und Prüfungen sollten erst mal hintenanstehen.

Schüler und Schülerinnen sitzen mit Maske um einen Tisch.

Endlich wieder zusammen lernen: Heute öffnen in Hamburg die Schulen Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

taz: Herr Quiring, Die GEW begrüßt, dass heute die Schulen öffnen. Lohnt das denn noch für die kurze Zeit bis zu den Ferien?

Sven Quiring: Ja. Wir haben jetzt noch dreieinhalb Wochen Zeit. Es haben sich viele Schü­le­r*in­nen seit Dezember nicht mehr als Klassengemeinschaft erlebt. Wir haben da lange intern drüber diskutiert und immer den Gesundheitsschutz nach vorn gestellt. Das war auch richtig. Aber jetzt sind wir ja mit stabilen Inzidenzen deutlich unter 50 in einem Bereich, wo selbst das Robert Koch-Institut Präsenzunterricht empfiehlt. Wenn man sich dann noch die Impfquote und die Belegung der Intensivstationen anguckt, ist die Zeit günstig, zu sagen: Jetzt können wir den Kindern und Jugendlichen wieder ein Bildungs- und Teilhabeangebot machen.

Warum sind die drei Wochen Schule wichtig?

Weil Grundlagen für das kommende Schuljahr gelegt werden. Die Kinder machten Erfahrungen, die in der Schule aufgearbeitet werden müssen. Und Schule funktioniert in Klassenverbänden immer als Gruppe. Kommen die wieder zusammen, ist das für alle ein hilfreiches Moment.

Sollten nicht erst alle Schüler geimpft sein?

Eine Impfpflicht fände ich schwierig. Die lehnen wir als GEW auch für die Beschäftigten ab und sprechen von einem Impfangebot. Wir können zwischen geimpften Schülern und nichtgeimpften keine Schere aufmachen.

Die Ständige Impfkommission Stiko empfielt das ja auch nicht.

Das kommt dazu. Stiko und RKI sind die Institutionen dafür, denen vertraue ich.

51, ist Lehrer für Sonderpädagogik und seit 20. Mai Landesvorsitzender der GEW-Hamburg.

Sie appellieren, es solle keine Prüfungen geben. Wird das gehört?

Der Fokus der Behörde liegt auf dem Schulisch-Fachlichen. Es soll den Stundenplan mit voller Stundenzahl geben. Wir meinen, das soziale Lernen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt wichtiger und würden gern darüber ins Gespräch kommen.

Was sollte unterbleiben?

Lernstandserhebungen und Tests. Schule hat jetzt die Kernaufgabe, für die Schüler wieder ein sozialer Ort zu sein. Lernstandserhebungen kann man nach den Ferien machen.

Was sagen Sie als Sonderpädagoge, welche Schäden hat der Lockdown verursacht?

Da gibt es noch keine validen Reihenuntersuchungen. Ich arbeite mit der Jugendhilfe in einem Projekt für Schüler mit Angstspektrumsstörungen und Depressionserkrankungen. Ich stelle fest, dass soziale Vereinsamung und Verlust von Gruppenfähigkeit ein Thema sind. Und dass die Schüler mit der Situation allein gelassen wurden. Sie konnten die daraus resultierenden Ängste nicht face to face mit Gleichaltrigen teilen.

Was muss nach den Ferien passieren, um das zu heilen?

Es sollte weiter ein behutsamer Einstieg sein. Wir müssen gucken, welche sozialpädagogischen Angebote Schulen brauchen und wie der Beratungsdienst aufgestellt ist. Dass dann wieder in den Unterricht eingestiegen wird, ist klar. Aber wir müssen uns bewusst sein: Die Schü­le­r*in­nen kommen aus einer Krisensituation. Das heißt: erst mal wieder das Primat der Pädagogik in den Vordergrund stellen, bevor es um Leistung, Tests und Prüfungen geht.

Wenn eine vierte Welle käme, was müsste anders sein?

An den Stadtteilschulen haben die Beratungsdienste gut funktioniert. Aber die Krise hat gezeigt, dass wir mehr Mittel für Schulpsychologie und Schulsozialarbeit brauchen. Auch muss man schauen, was digitale Bildung leisten kann. Es ist nur ein Vehikel, um Inhalte zu vermitteln. Deshalb müsste man gucken, inwiefern man Schulen im Rahmen der RKI-Vorgaben so lange wie möglich offen lässt. Oder wie man früher in den Wechselunterricht umsteigt. Der hat sich als tragfähige Form in Zeiten höherer Inzidenzen erwiesen.

Gab es in der GEW Kontroversen zu Schulschließungen?

Wir sind eine heterogene Organisation. Wir haben kritisch und kontrovers, aber konstruktiv darüber diskutiert und Lösungen gefunden.

War die GEW in der Pandemie mehr Lehrervertretung als Bildungsgewerkschaft?

Der Vorhalt kam ja von den Regierungsparteien. Wir haben als Ziele Teilhabe und Partizipation. Zum anderen müssen wir für unsere Mitglieder die Arbeits- und Gesundheitsbedingungen verbessern. Das ist die Polarität. Wir unterscheiden uns von klassischen Industriegewerkschaften. In der Pandemie haben wir den Fokus auf Arbeits- und Gesundheitsschutz gelegt, weil wir meinen, das kommt auch den Kindern zugute.

Sie sind seit Kurzem Landeschef. Wofür brennen Sie?

Dafür, die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen unserer Mitglieder zu verbessern. Für die höhere Gehaltsgruppierung der Grundschulkräfte, für Verbesserungen beim Thema Arbeitszeit. Die Kollegen brauchen mehr Zeit für Kommunikation und Kooperation, um einer modernen Schule gerecht zu werden. Auch das pädagogisch-therapeutische Fachpersonal und die Kita-Beschäftigte brauchen mehr Zeit.

Und inhaltlich?

Die Inklusion steht bei mir oben auf der Agenda, aber auch die Leitidee der Schule für alle als sozialer Ort.

Ist,Schule für alle' in der GEW noch mehrheitsfähig?

Selbstverständlich. Wir haben zuletzt vor anderthalb Jahren den Beschluss dafür gefasst. Man muss nur gucken, wie wir die gestalten. Das Bild der Schule für alle von vor 20 Jahren hat sich modifiziert. Es gibt viele Wege da hin. Dass das nicht in wenigen Jahren zu schaffen ist, ist klar.

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