Fußball-WM, Erdoğan, Deutsche Bahn: Nächstes Mal Popo zeigen

Die Nationalelf macht auf Schülerstreich. Erdoğan nutzt seine Wild Card aus dem russischen Angriffskrieg. Und Bahnpassagiere sind rollende Gefangene.

Fußbalspieler verdecken sich den Mund beim Gruppenbild

Oder dem Schiri einen nassen Schwamm auf den Stuhl legen? Foto: Christian Charisius/dpa

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Enzensberger gegangen.

Und was wird diese Woche besser?

Habermas ist noch da und geht auch nicht zu Lanz.

Ob Regenbogenflaggen oder One-Love-Binde – die Mannschaften und Medienschaffenden versuchen auf unterschiedlichen Wegen, die WM in Katar zu kritisieren. Wie mutig war die deutsche Mannschaft, als sie sich auf dem Teamfoto den Mund zuhielt?

Schülerstreich. Nächstes Mal Popo zeigen oder dem Schiri einen nassen Schwamm auf den Stuhl legen. Dagegen demonstrierten die beiden BVB-Defender ein neues Konzept der werteorientierten Innenverteidigung, verhalfen so Japan zum Sieg und Schlaaand zum baldigen WM-Boykott. Daheim sieht man keine Wimpel an Autos und mehr ukrainische als deutsche Fahnen in den Fenstern. Man könnte jetzt hoffen, der Moralinfarkt dieser WM führte zum Zusammenbruch. Doch Prognose: Der DFB professionalisiert seine tapsige Menschenrechts-Performance, heuert einen Wokeness-Trainer und Bierhoff übt: „Man kann uns die Binde nehmen, aber nicht unsere Laktatwerte.“ Es geht so weiter.

Nach Angriffen der Türkei auf kurdische Gebiete in Syrien und Irak mahnt die Bundesregierung die türkische Regierung, „verhältnismäßig zu reagieren“ und „das Völkerrecht“ zu achten. Das juckt Erdoğan aber nicht. Was sollte Deutschland tun?

Erdoğan nutzt die Wild Card, die er sich als internationaler Vermittler gekauft hat: Russland und Ukraine brauchen ihn für minimale Kontakte, dazwischen flirtet er mit China und loddelt der EU die Flüchtlinge vom Hals. Die Anwesenheit dieses Players in der internationalen Außenpolitik besteht auch aus der Abwesenheit anderer. Das Baerbock-Credo „Mit Russland kann man nicht verhandeln“ etwa schafft ein Vakuum, in das Erdoğan gern geht.

In vielen Städten haben die Weihnachtsmärkte eröffnet – dieses Jahr wegen der Energiekrise aber mit weniger Beleuchtung als sonst üblich. Sollten Weihnachtsmärkte nicht auch einfach abgeschafft werden?

Die Melange aus adventlicher Besinnlichkeit und auf Kabelstränge gekotzten Glühwein erschließt sich nur mäßig. Hier ringen Tourismus und Einzelhandel schon länger mit Corona, Energiekrise, Verstand und dann doch einem gewissen Charme: Wo das muslimische Personal von Dönerimbissen agnostischen Schlenderern erzgebirgischen Christenmerch andreht, schauen wir in eine bessere Zukunft unseres Landes. Der Schock des Krieges hätte auch für ein paar autofreie Sonntage und marktfreie Weihnachten gelangt; man sähe gern, was private Geselligkeit anstellt, wenn die Norm mal Pause macht. Wenigstens unser Selbstvertrauen köchelt auf Sparflamme.

Italien hat unter Ministerpräsidentin Meloni das Bürgergeld abgeschafft. In Deutschland kommt das Bürgergeld nun doch. Klappt es hier besser?

Man kann also auch Postfaschistin sein, um von NZZ bis FAZ wohlwollende Anerkennung zu kassieren: Für einen „realistischeren Kurs“, für „Abschied von der sozialen Hängematte“. Melonis erster Haushalt zerschießt die Stützen „für diejenigen, die arbeiten können“ – ohne sich mit dem Detail aufzuhalten, ob es für die auch Arbeit gibt. Italiens „Bürgergeld“ war höher als das deutsche „Hartz“, 2024 treffen sich beide und ab da gibt es ein „Existenzeinkommen“ für Italiener, die sich auf’s Existieren konzentrieren dürfen. In Deutschland ist die SPD das Schandmal „Hartz“ losgeworden; wie marktgläubig es dahinter weitergeht, steht aus.

Vor anderthalb Wochen sind zwei Güterzüge auf der Strecke zwischen Hannover und Berlin kollidiert. Das hat wochenlang Verzögerungen und Ausfälle zur Folge. Was kann die Bahn eigentlich gut?

Fahrgastrechteformulare, „Christinenbrunnen“-Gratiswasser im Speisewagen, teils technisch sehr detaillierte Durchsagen. In Hannover warten wir auf’s Personal aus dem verspäteten Gegenzug, bei Stendal muss der Lokführer ans andere Ende watscheln, bei Celle öffnen wir die Türen nicht, wohingegen Sie in Hamm eine rauchen können, weil wir dann eh auf Regio umsteigen. So wandelt sich die Wut der Passagiere in ein rollendes Stockholmsyndrom. Gefangene eines kaputtgesparten Unternehmens: Die Politik stellt die Weichen, wir die Harten.

Was machen eigentlich die Borussen?

Wählen einen neuen Präsidenten, geben sich einen neuen „Kodex“ mit natürlich 09 moralisch hochwertigen Leitsätzen und beschließen die Sitzung vorzeitig: Bier, Erbsensuppe.

Fragen: Ann-Kathrin Leclère

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de