Für die Demokratie kämpfen: Lohnt es sich noch, Deutschland zu verteidigen?
Krieg, Wehrhaftigkeit, Aufrüstung – wozu das alles? Um unsere Werte zu schützen? Dabei wird übersehen, was Wehrhaftigkeit auch ist: eine soziale Frage.
V or ein paar Tagen saß ich in Berlin auf einem Dampfer Richtung Müggelsee, zusammen mit Freundinnen. Für ein paar Stunden wirkte dieses Schiff wie der friedlichste Ort der Welt: Kuchen, Rentner, Berliner Weiße, fernab aller Krisen.
Es war der Tag, an dem die Meldung kursierte, nach der Männer zwischen 17 und 45 Jahren in Deutschland nur noch mit Genehmigung länger als drei Monate ins Ausland dürften. Kurz bevor wir von Deck gingen, sprachen wir dann doch darüber: Krieg, Wehrhaftigkeit, Aufrüstung.
Für einen Moment war da Irritation. Was stimmt an dieser Meldung? Und: Wie nah ist das alles schon?
Inzwischen gibt es Klarheit. Der Passus im Wehrpflichtgesetz hat vorerst keine unmittelbaren Folgen. Bei vielen wird die anfängliche Unklarheit jedoch Verunsicherung hinterlassen haben. Ein Gefühl, mit dem Politikerinnen wie Sahra Wagenknecht bewusst spielen, wenn sie behaupten, das erinnere an DDR- und Mauerzeiten.
Kann ich mich auf dieses Land verlassen?
Wie sehr die Bedrohung durch Russland unsere Gesellschaft bereits verändert, lässt sich kaum noch ausblenden. Ich merke aber, dass mich eine andere Frage inzwischen mehr beschäftigt. Nicht: Sind wir bedroht und wie stark? Sondern: Kann ich mich im Ernstfall auf dieses Land verlassen?
Natürlich ist Deutschland ein privilegierter Ort. Wir können uns solche Gedanken machen, ohne dass über uns Drohnen und Raketen fliegen.
Trotzdem: Die Antwort auf diese Frage ist unangenehm. Denn an vielen Stellen in diesem Land zeigen sich Probleme, gewachsen über Jahrzehnte: Die Bahn funktioniert nicht zuverlässig, das Gesundheitssystem ist überlastet, Klassenzimmer verfallen, die Bürokratie lähmt mehr, als sie ordnet. Die Bundeswehr und der Zivilschutz wurden lange vernachlässigt, erstere soll nun mit Milliarden wieder aufgerüstet werden.
Gleichzeitig wird das Wohnen immer teurer, die Inflation trifft zuerst diejenigen, die ohnehin wenig haben. Für viele ist der Alltag längst ein permanentes Improvisieren mit spürbaren psychischen Folgen.
Soziale Frage
Es bringt nichts, sich das schönzureden. Positives Denken bezahlt keine Miete, sichert keine Pflege und schafft keine funktionierende Infrastruktur. Und auch der Verweis darauf, dass es anderen – etwa den Menschen in der Ukraine – schlechter geht, löst dieses Problem nicht.
Ich glaube, hier liegt ein blinder Fleck in der Debatte über Wehrhaftigkeit. Sie wird oft technisch geführt: Milliarden, Material und Personal. Aber sie ist auch eine soziale Frage.
Natürlich ist es ein Unterschied, ob man unter Besetzung in der Ukraine lebt oder unter der Armutsgrenze in Deutschland. Aber solche Vergleiche führen nicht weiter. Es sind eben zwei Realitäten in Europa: Krieg und Frieden.
Warum ich es für notwendig halte, dass Deutschland militärisch wehrhaft ist, begründe ich nicht mit Nationalgefühlen. Sondern mit der Überzeugung, dass es westliche Werte zu verteidigen gibt: Freiheit, Demokratie, ein Leben ohne Angst vor Unterdrückung.
Aber tragen diese Werte im Alltag noch? Glauben Menschen in Deutschland, dass dieses Versprechen eingelöst wird? Also das eines anständigen, gesicherten Lebens in Freiheit? Ich habe Zweifel.
Wer das Gefühl hat, dass für ihn Verantwortung übernommen wird, ist im Zweifel auch eher bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie wächst nur dort, wo Vertrauen ist. Und genau dieses Vertrauen ist brüchig geworden.
Ich habe oft geschrieben, dass wir um den Aufbau militärischer Abschreckung nicht herumkommen werden. Einen Aspekt habe ich aber zu wenig beachtet: Im Ernstfall wird die Frage nicht nur lauten, ob ein Land verteidigungsfähig ist, sondern ob es sich für die, die in ihm leben, überhaupt wie eines anfühlt, das es zu verteidigen lohnt.
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