Fünf Monate bis zur Bundestagswahl: Der grüne Scheinriese

Die Grünen küren clever Baerbock, in der Union schlagen sich die Machos – welch ein Kontrast. Trotzdem sollte man die Union nicht abschreiben.

Annalena Baerbock und Robert Habeck mit blauen Regenschirmen

Für die Grünen könnten wieder trübere Tage kommen: die Parteichefs Baerbock und Habeck im Regen Foto: Christian Charisius/dpa

Für die Grünen sieht es derzeit glänzend aus. Sie haben nicht nur eine strahlende Kanzlerkandidatin, sondern auch eine kompakte Erzählung: Sie streben die ökologische Modernisierung der Wirtschaft an, nicht mehr gegen, sondern mit den Konzernchefs. Sie setzen auf den Markt und eine Ordnungspolitik, die nur noch schwerlich als Verbotspolitik denunzierbar ist. Und sie zeigen sich fast beängstigend geschlossen. Basisdemokratie war vorgestern. Der Flügelstreit fällt mangels eines ernst zu nehmenden linken Flügels auch aus.

Die Union wirkt hingegen konfus. Armin Laschet ist bei der eigenen Basis und dem Publikum unbeliebt. Die Union hat noch nicht mal ein Wahlprogramm. Ihr Image, für pragmatische Lösungen zu sorgen, hat tiefe Kratzer. Machtkampf und Maskendeals haben das Vertrauen in die Kernkompetenz der Union erschüttert.

Hier die professionelle Inszenierung von Annalena Baerbock, dort eine verzweifelte Machowirtshausschlägerei – größer kann der Kontrast kaum sein. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man Ähnlichkeiten. Baerbock und Laschet sind beide Figuren des Apparats. Beide strahlen weniger hell als ihre Konkurrenten, Robert Habeck und Markus Söder, die beide jenseits der eigenen Stammklientel punkten könnten. Der Philosoph Habeck gegen den Populisten Söder, das wäre im Wahlkampf ein hübsches Match geworden. Baerbock gegen Laschet wird eher ein Kampf um Spiegelstriche.

CDU und Grüne haben sich somit für Bodenhaftung und gegen die Höhenflüge entschieden. Ihre Entscheidungen folgen jener typisch bundesdeutschen mittleren Vernünftigkeit, die auf Risikominimierung zielt. Denn Habeck wären im Wahlkampf Wissenslücken und verblüffende Ahnungslosigkeit zuzutrauen gewesen. Und beim Armdrücken in der Union hat man die Abgründe von Söders Populismus light gesehen. Parteigremien wurden da in fast Trump’scher Manier niedergemacht. Bei Söder ist nur Verlass darauf, dass bei ihm auf nichts Verlass ist. Die Union als eine Art Liste Söder? Das dann lieber doch nicht.

Der mediale Honeymoon wird vorübergehen

Scheinbar rückt nun Grün-Schwarz ganz nahe. Die Grünen wären aber naiv, wenn sie die Krönungsfeierlichkeiten für Baerbock für Hartwährung hielten. Die von journalistischen Fans derzeit heftig umschwärmte Baerbock (Mutter! Modern! Jung! Feministisch!) wird schon als neue Merkel auf den Thron gehoben. Doch ein ehernes mediales Gesetz lautet: Wer hochgejubelt wird, wird auch wieder heruntergeschrieben. Der mediale Honeymoon mit Annalena wird vorübergehen. Ist sie nicht doch zu unerfahren? Warum redet sie jetzt schon genauso stanzenhaft wie alle anderen?

Die Grünen wollen 12 Euro Mindestlohn und die Vermögenssteuer. Wie das mit der Union gehen soll, ist ihr Geheimnis

Die Grünen wollen 12 Euro Mindestlohn und die Vermögenssteuer wieder einführen, 50 Milliarden pro Jahr investieren und die Schuldenbremse faktisch abschaffen. Die Frage, wie sie das mit der Union oder gar der FDP umsetzen wollen, wurde Baerbock großherzig erspart. Bei den Grünen ist die Kluft zwischen hehrem Anspruch und grauer Wirklichkeit tief. Das kann man im seit zehn Jahren grün regierten Baden-Württemberg sehen, wo die Energiewende, das grüne Kernprojekt, so gar nicht vorankommt. Im Wahlkampf, der immer ein Säurebad ist, werden die Grünen in weniger mildem Licht erscheinen als jetzt – ihre Mittigkeit als gewöhnlich, ihr Reform­elan als doch etwas anstrengend.

Die Deutschen wählen zudem strukturkonservativ. Sie jagen ungern Regierungen vom Hof und wählen lieber unspektakulär. Wenn im Herbst zudem der Pandemie-Ausnahmezustand endet, wird die sehnsüchtig erwartete Normalität zurückkehren. Normalität aber ist ein Humus, auf dem das Bekannte gedeiht und auf dem es das Neue schwer hat.

Es ist keine kühne Vermutung, dass dies der zerzausten Union nutzen wird. Man sollte sie nicht zu schnell abschreiben. Vorausgesetzt, dass Laschet, der oft so schwankend wirkt, ab jetzt keinen, aber wirklich keinen Fehler mehr macht.

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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