Friedhöfe in Zeiten von Corona: „Joggen kann man auch im Mauerpark“

Friedhöfe erst geschlossen – und jetzt wieder auf: Tillmann Wagner vom Evangelischen Friedhofsverband Stadtmitte über Friedhofsnutzung.

Ein geschlossenes Friedhofstor mit einem Schild: Wegen Sturm geschlossen – nun aber wegen Corona

Und jetzt wegen Corona … Foto: picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa

taz: Herr Wagner, warum hatte der Verband seine Friedhöfe zeitweise geschlossen?

Tillmann Wagner: Die nichtpietätvolle Nutzung unserer Friedhöfe hat sich seit der Coronakrise gehäuft. Es haben sich junge Familien auf Friedhöfen getroffen, die Erdsammlungen als Sandkästen nutzten. Jugendliche trafen sich zwischen den Gräbern zu Pizza und Bier oder spielten Fußball. Friedhöfe wurden vermehrt von Joggern und Radfahrern genutzt, die dann schon mal Trauergesellschaften gebeten haben, aus dem Weg zu gehen. Und dort, wo in der Umgebung öffentliche Toiletten geschlossen wurden, verrichteten Menschen auf Friedhöfen ihre Notdurft. Auch Gassigehen ist ein Thema. Einzelne Friedhöfe sind zu Orten der Drogennutzung geworden. Meine Mitarbeiter sind mit der Entsorgung von Spritzen, leeren Pizzapackungen und anderem Müll überfordert.

Friedhöfe sind in dicht besiedelten Innenstadtkiezen oft die grünen Lungen für die Anwohner. Für viele Menschen, die im Homeoffice arbeiten oder aus anderen Gründen zu Hause sind, sind sie die ohne öffentliche Verkehrsmittel erreichbaren Grünflächen. Haben Sie Verständnis, dass viele Berliner gerade jetzt Friedhöfe etwa zum Joggen nutzen? Immerhin sind die Fitnessstudios geschlossen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis in den Grunewald zu fahren, kann auch problematisch sein.

Doch, ich habe Verständnis. Joggen kann man aber auch im Mauerpark. Evangelische Friedhöfe gelten nicht als öffentlicher Raum. Anders als in öffentlichen Parks üben hier nicht Polizei und Ordnungsamt die Kontrolle aus. Unsere Mitarbeiter kann ich aber nicht zum Bewachen und zur Müllentsorgung abziehen. Sie müssen Bestattungen vorbereiten und sich um die Frühjahrsbepflanzung kümmern.

Gab es kein milderes Mittel als die Schließung? Menschenansammlungen von mehr als zwei Personen sind ohnehin verboten. Sie könnten zusätzlich ein Hundeverbot aussprechen und das Müllabladen untersagen. Wenn sich jetzt alle Jogger im Mauerpark treffen, wird es dort mit dem Mindestabstand schwer.

Wer soll die Einhaltung von Recht, Gesetz und Pietät kontrollieren? Die Entscheidung war uns nicht leicht gefallen. Aber wie die Politik justieren auch wir täglich nach, um uns den Umständen anzupassen. Vorläufig öffnen wir ab Donnerstag wieder wochentags zwischen 8 und 13 Uhr, am Wochenende voraussichtlich ganztags.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Wir haben diese Tage gebraucht, um uns voll und ganz auf die Bestattungen zu konzentrieren, die ja nach den neuen Regelungen des Senats ablaufen müssen. Das hat gut funktioniert. Deshalb können wir ab Donnerstag auch wieder probehalber unsere Friedhöfe für Besucher öffnen. Und wir hoffen, dass diese jetzt verstanden haben, was auf Friedhöfen möglich ist und was nicht.

Sie könnten Ordnungsamt oder Polizei anfordern.

Das wäre denkbar. Da überlegen wir neu, auch in Abhängigkeit von den dann neuen behördlichen Anordnungen, die niemand voraussagen kann. Aber die Gesellschaft muss umdenken. Vermüllung und pietätlose Nutzung von Friedhöfen, das geht nicht. Es müssen Regeln eingehalten werden im Sinne der Fürsorge für Trauernde.

Gibt es nicht angesichts einer potenziell todbringenden Krankheit nicht auch ein höheres Bedürfnis von Berlinern, auf Friedhöfen ihre toten Angehörigen zu besuchen?

Beschwerden über die Friedhofschließungen kamen von Menschen, die auf Friedhöfen joggen oder Sport treiben wollen.

Was ist mit Bestattungen auf den Friedhöfen?

Bestattungen finden natürlich weiter statt. Gegenwärtig sind Trauergruppen nur bis maximal zehn Personen erlaubt. Wegen der Gefahren der Ansteckung mit dem Coronavirus finden Trauerfeiern nicht mehr in Kapellen statt, sondern im Freien. In den Ortsteilen Neukölln, Mariendorf und Kreuzberg müssen wir Urnenbeisetzungen wegen des hohen Krankheitsstands unserer Mitarbeiter leider derzeit auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Erdbestattungen werden aber weiterhin möglich sein.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland könnten mit dem Coronavirus infiziert werden, so heißt es in Schätzungen laut Robert-Koch-Institut. Es sei allerdings unklar, über welchen Zeitraum dies geschehen werde.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits zu befürchten ist. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte haben sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit soll der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Die Regeln sollen mindestens für zwei Wochen gelten und sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. Dazu gehören:

■ Außerhalb des Hauses darf man sich nur noch allein, maximal aber zu zweit aufhalten oder „im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstands“. In Bayern, Berlin, Brandenburg, Sachsen und dem Saarland sind die Regeln strenger. Hier braucht es einen „triftigen Grund“, um die Wohnung zu verlassen. In der Sonne zu sitzen etwa gehört da nicht dazu.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Weiter möglich bleiben der Weg zur Arbeit, zur Notbetreuung, Einkäufe, Arztbesuche, Teilnahme an erforderlichen Terminen, die Hilfe für Kranke oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft.

Friseursalons und Restaurants müssen geschlossen bleiben - nur Lieferungen und der Verkauf außer Haus ist erlaubt. Sowohl Anbietern als auch KundenInnen drohen sonst Strafen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen veröffentlicht das Robert-Koch-Institut.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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