Frankfurter Buchmesse 2020: Im digitalen Durcheinander

Das Collagenhafte der Buchmesse im Netz ist vollkommen in Ordnung. Doch wo kann man die Selbstdarsteller schwitzen sehen?

Eine Person formt mit den Händen ein Herz.

2020 nur digital: „Signals of Hope“-Reihe der Buchmesse Foto: Marc Jacquemin/Frankfurter Buchmesse

Beim Klicken durch die digitale Buchmesse – dieses Jahr notgedrungen das Äquivalent zum Messerundgang – lande ich bei Selbstdarstellungsfilmen junger Designer*innen aus Hessen, die einen Preis gewonnen haben. Unterlegt sind die Filme mit einer aufdringlich dudelnden Musik, die einen schnell in die Flucht treibt.

Ein paar Klicks weiter erzählt die Lektorin Nadya Hartmann einiges Interessantes aus der Geschichte der Frankfurter Verlagsanstalt. Eigentlich sollte das kleine Verlagshaus – Verleger Joachim Unseld plus drei Angestellte – in diesem Herbst ein doppeltes Verlagsjubiläum feiern. Vor 100 Jahren wurde die ursprüngliche FVA gegründet, vor 25 Jahren fand die Neugründung statt. Nadya Hartmann erzählt das alles ruhig und lächelnd, im zugewandten Gespräch mit einer Journalistin.

Wieder ein paar Klicks weiter sprechen die Schriftstellerinnen Nora Bossong und Francesca Melandri über oft schmerzlichen Fragen deutscher und italienischer Erinnerungen. Bevor es dazu kommt, sitzt allerdings erst einmal Irmgard Maria Fellner, die deutsche Beauftragte für auswärtige Kulturpolitik, vor einer Zoomkamera.

Was sie sagt, ist alles richtig – auf dem kulturellen Feld kann man heikle Themen ansprechbar machen, die politisch noch viel zu vermint sind –, aber auf eine beflissene Art vorgetragen, die einen als Rezipient*in ungeduldig machen kann. Und im Digitalen gibt es da nur eine Möglichkeit zu entkommen (wenn die Möglichkeit zum Vorspulen nicht gegeben ist): weiterklicken.

Ich weiß nicht. Dieses Durcheinander der Eindrücke, dieses Unzusammenhängende und Collagenhafte, das man sich auf der digitalen Buchmesse herstellen kann, hat durchaus etwas Messenhaftes. Aber anders als auf der analogen Messe macht es einen nicht satt.

Passende Formen der Aufmerksameit

Das liegt natürlich daran, dass man auf einer analogen Buchmesse von Eindrücken körperlich geradezu umspült wird, von jeder Seite könnte irgendetwas Neues auf dich einströmen, während auf der digitalen Messe der Bildschirm, auf dem das alles abläuft, Teil deiner vertrauten Wohnzimmereinrichtung ist.

Es liegt auch an der Stellung der Rezipient*innen zur Veranstaltung. Auf einer analogen Messe gibt es mehr Möglichkeiten, die passende Aufmerksamkeitsform zu finden. Man kann stehen bleiben und zuhören, man kann langsam vorbeischlendern, man kann sich zwischen zwei Veranstaltungen stellen und beide im Blick behalten, man kann nahe herangehen. Und den Selbstdarstellern kann man beim Schwitzen zusehen. Das Digitale dagegen zwingt einen die Blickwinkel eher auf.

Vor allem aber stehen bei dieser digitalen Messe die Veranstaltungen viel stärker im Fokus als auf der analogen, auf der sie oft genug nur der Anlass sind, sich zu treffen. Dass auf der Messe die Bücher tatsächlich das Zentrum bilden, ist nämlich eigentlich ein Gerücht. Man musste jedenfalls beifällig nicken, als der Kulturjournalist Ijoma Mangold auf dem öffentlichen Vierer-Zoommeeting mit Sophie Passmann, Hannah Lühmann und Jo Lendle, auf dem sie Messetratsch simulierten, ausplauderte, zu keiner Zeit so wenig zu lesen wie auf Messen.

Die Macht der Buchbranche

Die analoge Messe ist von ihrer schieren Präsenz her so überwältigend, dass sogar die obligatorischen Krisenmeldungen aus der Buchbranche dagegen etwas Irreales annehmen. Es kann der digitalen Messe einfach nicht gelingen, diese schiere Macht der Buchbranche, ihre gesellschaftliche Bedeutung anschaulich deutlich zu machen.

Das heißt aber alles nicht, dass es auf der digitalen Messe keine Entdeckungen zu machen gäbe. Klar, es gibt die oft gar nicht schlechten Gespräche mit Schrift­steller*innen dieses Jahr jetzt hier. Und das filmische Feature in der „Signals of Hope“-Reihe der Buchmesse von Mahret Ifeoma Kupka über Schwarzes Schreiben in Deutschland habe ich mir gern angesehen. Mag sein, dass die digitale Buchmesse als Produktionsplattform für viele Autor*innen gut funktioniert hat. Es gab offensichtlich auch einiges Geld zu verteilen.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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