Forum Freies Theater in Düsseldorf: Landkarten der Aufstände

Das Forum Freies Theater in Düsseldorf feiert den Einzug in ein neues Haus. Ein Festival widmet sich der Pariser Kommune und Ideen von Gemeinschaft.

Zwei Männer stehen an einem Pult und reden, hinter ihnen ein historisches Foto von aufgebahrten Toten

Lecture Performance zum Sturz der Vendômesäule in dem Festival „Place International“ im FFT Foto: Paradise Park

Das neue FFT (Forum Freies Theater) ist ein einladendes Theater. Das Theater, das ähnlich wie Kampnagel in Hamburg oder der Mousonturm in Frankfurt international mit freien Gruppen zusammenarbeitet, befindet sich jetzt im früheren Postverteilzentrum am Bahnhof Düsseldorf, direkt unter der ebenfalls groß dimensionierten Stadtbibliothek. Verlässt man den Aufzug im ersten Stock, gelangt man gleich in das Foyer.

Das ist kein spartanischer Transitraum zwischen Kasse und Toilettentrakt. „Es ist eigentlich eine weitere Bühne“, erzählt stolz Kathrin Tiedemann, künstlerische Leiterin des FFT seit 2004. Tiedemann sieht das neue Foyer als weitere Spielstätte und zentralen Ort des eigenen Programms. „Es ist für uns eine Art Fenster zur Stadt. Wir begreifen es als Ort der Versammlung, an dem wir viele unterschiedliche Akteure zusammenbringen wollen, durchaus im Sinne der Kommune, zu Themen wie Selbst­organisation und städtische Demokratie“, schlägt Tiedemann den Bogen zum aktuellen Festival.

In „Place Internationale“ ist die Pariser Kommune von 1871 stark präsent. Ins Foyer wird eine Zeichnung der Siegessäule Napoleons auf der Place Vendôme projiziert, die zersägt zum Symbol der Kommunarden geworden war. Vor ihr erläutern in einer Lecture Performance der Stadtsoziologe Klaus Ronneberger und der Performer Hauke Heumann die Dynamiken und Bildpolitik der Pariser Kommune. Sie verstehen die Ereignisse vom März bis Mai 1871 vor allem als eine städtisch geprägte Revolution von Proletarier*innen, die in die Randbezirke verdrängt wurden und dann erregt und erschüttert durch einen Hungerwinter und zusätzlich radikalisiert durch die deutsche Belagerung der Stadt ins Innere von Paris ziehen. Dort sagen sie dem Kaisertum den Kampf an.

Die Stadt zurückerobern

Ronneberger und Heumann machen die kommunale Dimension der Kommune deutlich. Selbst dessen Militär, die Nationalgarde, war städtisch verankert. Sie wendete sich gegen die Belagerung durch Preußens Heere, als die reguläre Armee des französischen Kaiserreichs schon längst auf Kapitulation aus war. In dieser Mobilisierung von unten stellen sich schnell Assoziationen zu den territorialen Verteidigungsverbänden in der Ukraine her.

Das Programm des Festivals aber war länger geplant. „Ursprünglich wollten wir im November 2021 die Eröffnung unseres neuen Hauses mit einem Programm zum 150. Jubiläum der Pariser Kommune feiern“, erzählt Tiedemann. 73 Tage sollte „Place International“ andauern, so lange wie einstmals der Aufstand selbst. Dann aber kam Corona mit all seinen Versammlungseinschränkungen. Und „Place Internationale“ wurde in Segmente geteilt und zeitlich gedehnt. Einem kleinen Auftakt im November zur Eröffnung des Hauses folgt jetzt im Mai der Hauptteil des Festivals.

Zentraler Aspekt des Festivals ist das Erinnern an revolutionäre Praktiken

Zentraler Aspekt dabei ist das Versammeln und das im Sammelmodus betriebene Erinnern an revolutionäre Praktiken. 40 Stunden lang mobilisierte die palästinensische Autorin Adania Shibli in „A Scenario for Togetherness“ Künst­le­r*in­nen und Ak­ti­vis­t*in­nen zu einem Diskussionsmarathon über die Revolutionen des Arabischen Frühlings und deren Verbindungen zur sozialen Revolte der Pariser Kommune.

Ein kleines Auditorium schuf die bildende Künstlerin Bouchra Khalili mit ihrer Installation „Magic Lantern“. Darin erinnert sie an die Videopionierin Carole Roussopoulos, die die ersten tragbaren Videokameras zu Dokumentationen von Aktivitäten der Black Panther, aber auch vom Leben in palästinensischen Flüchtlingslagern nutzt. Roussopoulos’ Drehorte in Nordafrika und Nordamerika, im Herzen Afrikas und in Europa geraten in Khalilis Recherchen zu einer Landkarte der revolutionären Bewegungen der 1970er Jahre.

Kommende Programmpunkte sind eine Werkstatt über den Urbanisten und Kommune-Forscher Henri Lefebvre und eine Bustour zu Stätten der Märzrevolution von 1920 im Ruhrgebiet. Als Erweiterung des Stadtraums sehen Lea Richter & Leo­nie Wendel den Rhein, den sie mit der Intervention „Boule, Blumen und Boote“ bespielen.

Bessere Arbeitsbedingungen

Das FFT sieht sich in seinem neuen Haus also als ein in die Stadt wirkender Akteur. Dafür hat es neue infrastrukturelle Möglichkeiten gewonnen. Das FFT verfügt über zwei Bühnen – eine davon mit einfahrbaren Zuschauertribünen – und eine ausgeweitete Technikabteilung. Tiedemann und ihr Team konnten beim Umbau des alten Postverteilzentrums, den die Stadt Düsseldorf finanzierte, auch viele eigene Vorstellungen einbringen.

„Place internationale“ bis 28. Mai im FFT Düsseldorf. Programm unter https://www.fft-duesseldorf.de/de/

Das neue Haus ist zudem Ergebnis und Seismograf für städtische Veränderungen. Zustande kam es nur, weil die Stadt Düsseldorf einen früheren Standort des FFT verkaufte. „Wir haben Jahre lang mit der Stadt darüber geredet, dass wir bessere Arbeitsbedingungen brauchen. Dabei haben wir mehr künstlerisch argumentiert. Diese Argumente haben aber nie so richtig verfangen. Erst mit der Suche nach einem neuen Standort wurde dies relevant“, konstatiert Tiedemann. Dabei zeigte sich aber auch, dass es kaum noch freie Flächen in der Stadt gibt.

Immerhin ist dieser Standort mit einer Mietdauer von 30 Jahren verhältnismäßig sicher. Zu hoffen ist, dass in 30 Jahren die alten Themen von kommunaler Selbstorganisation nicht mehr im Theater verhandelt werden müssen, sondern stadtpolitischer Alltag sind.

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