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Forscherin über Alkohol„Deutschland ist Hochkonsumland“

Nach Deutschlands schlechtem Abschneiden im Public Health Index fordern SPD und CDU mehr Alkoholsteuern. Laut Suchtforscherin Kilian reicht das nicht.

Alkohol im Supermarkt, in Deutschland immer und überall verfügbar Foto: Fleig/Eibner-Pressefoto/imago

Interview von

Beritan Dik

taz: Frau Kilian, Sie sind Suchtforscherin und waren Teil des Expert:innenteams, das im Public Health Index festgestellt hat, dass Deutschlands bei der Alkoholpolitik international ein Schlusslicht ist und die Gesundheit der Bevölkerung unzureichend schützt. Was haben Sie in der Studie zum Thema Alkohol untersucht?

Carolin Kilian: Wir haben untersucht, inwieweit politische Maßnahmen, von denen wir wissen, dass sie besonders effektiv sind, umgesetzt werden. Verglichen haben wir verschiedene europäische Länder – mit einem Fokus auf Deutschland.

taz: Was haben Sie herausgefunden?

Kilian: Deutschland ist ein Hochkonsumland mit unzureichender Alkoholpolitik. Es bewegt sich auf den hintersten Rängen. Besonders defizitär ist die Umsetzung von Maßnahmen in den drei zentralen Bereichen Besteuerung, Verfügbarkeit und Marketing von alkoholischen Getränken. Dabei stuft die Weltgesundheitsorganisation gerade diese Maßnahmen als besonders kosteneffektiv zur Reduktion des Alkoholkonsums ein.

taz: Bier wird in Deutschland bereits besteuert. Reicht das nicht?

Kilian: Deutschland erhebt zwar Alkoholsteuern auf einige Getränke, doch diese Steuersätze sind sehr gering. Gerade die Biersteuer ist so gering, dass sie de facto keinen Einfluss auf den Preis hat. Damit ist die Steuer wirkungslos – und Wein wird in Deutschland gar nicht besteuert.

taz: Wie lässt sich diese unterschiedliche Besteuerung erklären?

Kilian: Die EU hat vor einer ganzen Zeit begonnen, die Alkoholbesteuerung zu harmonisieren, indem sie Mindeststeuersätze für Bier, Wein, Spirituosen vorgibt. Wie die Steuer aber genau bemessen wird, variiert wiederum zwischen den Ländern und in Abhängigkeit der Getränke. Bei den Spirituosen wird der Reinalkohol besteuert. Bei Bier hängt die Steuer vom Alkoholgehalt ab oder von der Stammwürze. Beim Wein ist es das fertige Produkt. Es ergibt sich eine sehr heterogene Gemengelage. In der gesamten EU, aber auch hier in Deutschland.

taz: Was machen denn Länder mit besserer Alkoholpolitik anders als Deutschland?

Kilian: Ein großer Unterschied zeigt sich in den skandinavischen Ländern, insbesondere in Norwegen und Finnland. Dort werden alle alkoholischen Getränke deutlich höher besteuert. Dadurch ist Alkohol teurer und weniger erschwinglich. Natürlich ist das verfügbare Einkommen, gerade in Norwegen, höher. Aber gemessen am Einkommen ist der Preis immer noch deutlich höher als hier in Deutschland. Aber auch die Verfügbarkeit ist stärker eingeschränkt. In Norwegen haben wir ein Alkoholmonopol. Da ist der Verkauf von Alkohol stark reguliert. Getränke mit einem höheren Alkoholgehalt als 4,7 Prozent Volumen gibt es nur im Fachgeschäft.

taz: Welche Maßnahmen sind neben einer höheren Besteuerung noch erfolgreich?

Kilian: Norwegen zum Beispiel schneidet auch in den anderen Bereichen gut ab. So gibt es dort etwa ein Verbot für Alkoholmarketing, was es in Deutschland so nicht gibt.

taz: Die Gesundheitssprecherin der CDU hat sich für eine Steuer auf hochprozentigen Alkohol ausgesprochen. Der Verband der Hausärztinnen- und Hausärzte begrüßt das. Was würde eine solche Regelung bewirken?

Kilian: Spirituosen zu besteuern, ist grundsätzlich sinnvoll, da sie besonders schädlich sind. Zwar sind Spirituosen bereits das am höchsten besteuerte alkoholische Produkt. Das heißt aber nicht, dass dieser Steuersatz nicht noch zusätzlich erhöht werden könnte oder sollte. Sowieso sollten Steuersätze regelmäßig angepasst werden, denn sonst verlieren sie angesichts der Inflation ihre Wirkung.

Im Interview: Carolin Kilian

ist Professorin am Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg. Sie war Teil des Expert:innenteams, das 2025 den Public Health Index erstellt hat.

taz: Die Bundesregierung plant außerdem einen Gesetzesentwurf zum Verbot des begleiteten Trinkens. Bisher dürfen in Deutschland Jugendliche ab 14 Jahren in Begleitung ihrer Erziehungsberechtigten Alkohol trinken. Wie bewerten Sie dieses Vorhaben?

Kilian: Dass es in Deutschland das begleitete Trinken gibt, ist eine Ausnahme. Es gibt kein anderes Land, das eine solche Regelung hat und es ist längst überfällig, sie abzuschaffen. Die Entwicklung geht eher dahin, dass mehr und mehr Länder das Mindesterwerbsalter für Alkohol anheben, auf einheitlich 18 oder sogar 20 Jahre. Und hier in Deutschland diskutieren wir noch, ob nicht das begleitete Trinken abgeschafft werden sollte.

taz: Was erhoffen Sie sich als Suchtforscherin von der zukünftigen Alkoholpolitik der Bundesregierung?

Kilian: Ich hoffe, dass die Alkoholpolitik endlich gesundheitsorientiert wird. Wir können gesellschaftlichen Schäden durch Alkohol mit einer sinnvollen Politik vorbeugen. Und dass jetzt angefangen wird, darüber zu diskutieren, ist erfreulich. Aber diese Diskussion sollte sich eben nicht nur auf Spirituosen beschränken, sondern sich auf Bier und Wein ausweiten. Bier und Wein sind die alkoholischen Getränke, die am meisten getrunken werden und im Alltag am meisten normalisiert sind.

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