piwik no script img

Formsuche von BVB-Stürmer GuirassyWieder mit allen im Reinen

Serhou Guirassy, einst als Dortmunds „Lebensversicherung“ gelobt, trifft nach einer rätselhaften Flaute wieder. In Bergamo soll das auch so sein.

Geht doch: Serhou Guirassy feiert beim Hinspiel gegen Bergamo seinen Treffer Foto: Martin Meissner/ap

Grundsolide sind die Ergebnisse von Borussia Dortmund in den vergangenen Wochen. Die 19 Punkte aus den jüngsten sieben Bundesligapartien sind eigentlich sogar richtig stark, und der 2:0-Hinspielsieg gegen Atalanta Bergamo in den Champions-League-Playoffs ist eine gute Grundlage für das Erreichen des Achtelfinales im Rückspiel am Mittwochabend (18.45 Uhr, live bei DAZN). Wäre da nicht dieses 2:2 in Leipzig vom vorigen Samstag, das ein wenig aufs Gemüt drückt, und in dem ein entscheidender Erfolgsfaktor der Siegesserie zuvor fehlte: Serhou Guirassy hat nicht getroffen.

Der Stürmer hatte nicht einmal eine Torchance, was mit Sorge beobachtet wird im Dortmunder Umfeld. Denn der Torjäger aus Guinea ist zuletzt wieder gewesen, was Trainer Niko Kovač in der atemberaubend guten Vorsaison als „Lebensversicherung“ bezeichnete. Und eine Lebensversicherung braucht diese Mannschaft vor dem entscheidenden letzten Saisondrittel dringend.

Im Pokal ist der BVB längst raus, mit einem Ausscheiden aus der Champions League bliebe nur noch die Bundesliga. Und dort beträgt der Vorsprung auf Rang fünf bereits komfortable elf Punkte, während beim Blick zur Spitze am Samstag im Duell mit Bayern München bereits die letzte Titelchance verspielt werden könnte. Guirassy als Lebensversicherung wäre also eine recht gute Sache.

Im Hinspiel gegen Bergamo hatte er selbst getroffen und ein Tor vorbereitet, in der Bundesliga waren ihm vor dem vergangenen Spieltag nach einer langen und zähen Krisenzeit sechs Treffer in sechs Partien gelungen. „Die Reaktion ist sensationell gut. Die Mannschaft hilft ihm dabei und er hilft der Mannschaft. Wir brauchen seine Tore“, sagt Kovač.

Verlust der wichtigsten Vorlagengeber

Diesem Durchbruch ging allerdings eine lange und etwas rätselhafte Zeit der Entfremdung voraus. Zwischen dem 4. und dem 19. Spieltag gelangen Guirassy nur zwei Tore, zwischenzeitlich spielte er wie ein verkrampfter, überforderter und auch charakterlich schwieriger Exzentriker.

Wer sich ein wenig umhört im Umfeld des Teams, erfährt, dass eine unangenehme Mischung verschiedener Störfaktoren entstanden sei. Die Dortmunder Kaderplaner hatten mit Fabio Silva eine zweite Nummer neun eingestellt, was als Zeichen des schwindenden Vertrauens in die gemeinsame Zukunft mit Guirassy verstanden werden konnte. Dann war Jamie Gittens verkauft worden, Pascal Groß wurde kaum noch eingesetzt, womit der Torschützenkönig der Saison 2024/2025 seine wichtigsten Vorlagengeber verloren hatte. Außerdem ist der immer perfekter auf defensive Stabilität ausgerichtete Kovač-Fußball grundsätzlich nicht stürmerfreundlich.

Auf der großen Bühne ließ sich beobachten, wie sehr Guirassy litt, wie kränkend viele Vorkommnisse für ihn gewesen sind. „Wenn ein Stürmer über mehrere Wochen nicht trifft, dann macht das etwas mit ihm“, sagt Sportdirektor Sebastian Kehl und versichert, dass diese Stürmerkrise sich kaum von den Formkrisen anderer Torjäger unterschieden habe. „Serhou lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Ich habe ihn immer sehr fokussiert und klar erlebt“, erzählt Kehl. Die Contenance hat Guirassy trotzdem mehrfach verloren, was eher auf eine emotional ungewohnt aufwühlende Karrierephase hindeutet.

Zu Beginn der Saison beschädigten Gerüchte über einen angeblichen Wechselwunsch nach Saudi-Arabien sein Image. Beim Champions-League-Spiel in Turin stritt er vor den Augen der Öffentlichkeit mit dem vom Trainer für Elfmeterschüsse ausgewählten Ramy Bensebaini über die Ausführung eines Strafstoßes. Das wurde später als Akt des mannschaftsschädlichen Eigensinns dargestellt. Einige Wochen später lehnte Guirassy nach einer Auswechslung in Leverkusen den Handschlag mit Kovač ab.

Erstaunlicherweise setzte der Trainer jedoch den ebenfalls mit allerlei Eskapaden auffällig gewordenen Karim Adeyemi auf die Bank, während Guirassy weiterspielte. „Es ist wichtig, dass man einen Stürmer ein Stück schützt und unterstützt“, sagt Kovač, der offenbar einen guten Umgang mit seinem wichtigsten Offensivspieler gefunden hat.

Das ist eine große Leistung für einen Trainer, der zumindest in seiner Münchner Zeit nicht für seine Empathiefähigkeit bekannt war. Denn Guirassy ist sensibel und nicht für jeden zugänglich. „Er ist jetzt kein Lautsprecher, charakterlich habe ich ihn in der Kabine eher als introvertiert wahrgenommen“, sagt Marco Höger, der zwischen 2017 und 2019 zwei Jahre lang beim 1. FC Köln mit dem Angreifer zusammengespielt hat. Guirassy lässt Tore sprechen und manchmal auch seine Übersprungshandlungen. Aber gerade in diesem wegweisenden Februar deutet vieles darauf hin, dass er sehr mit sich, seinem Trainer und seinem Team im Reinen ist.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare