Förderungs-Lücken

Betreuungsförderung frisst Bafög

Ein Stipendium soll Bremer Studentinnen in Betreuungs- und Pflegeverantwortung entlasten. Es profitieren aber nur jene davon, die kein Bafög erhalten.

Doppelbelastung, die nicht ausgeglichen wird: Wer ein Kind hat, studiert meist länger Foto: Rainer Jensen/dpa

BREMEN taz | Architekturstudentin Marina Kaiser hat doppeltes Glück: Zum einen, weil sie seit August für zwei Jahre ein Stipendium in Höhe von 150 Euro monatlich bekommt und zum anderen, weil sie kein Bafög erhält. Wäre nämlich Letzteres der Fall, hätte sie nichts mehr von ihrem Stipendium.

Ausgelobt hatte die Förderung der Deutsche Akademikerinnenbund Bremen (DAB) im März: Es richtet sich an Studentinnen in Sorge- und Pflegeverantwortung, also an Mütter oder jene, die Angehörige pflegen müssen. Das Geld, gestiftet von einem DAB-Mitglied, reicht für zwei Stipendien, von denen eines nun vergeben ist.

Anders als nahezu alle anderen Stipendien ist die Zuwendung mit voller Absicht nicht zweck- oder leistungsgebunden, sondern soll für eine ausgewogenere Balance zwischen Studium und Privatleben sorgen: „Die Studentinnen fallen durch sämtliche Raster, sie sind strukturell benachteiligt und können die Bedingungen für andere Stipendien aufgrund ihrer Mehrfachbelastung nicht leisten“, sagt Heike Mühldorfer vom DAB.

Das kann die 38-jährige Marina Kaiser nur bestätigen: Sie studiert seit fünf Jahren Architektur und hat für ihren Bachelor ein Jahr länger gebraucht, weil sie bereits ein Kind hatte und nebenbei arbeiten musste. Mittlerweile hat sie zwei Kinder und ist im dritten Semester ihres Masterstudiums: „Ich war finanziell abhängig von meinem Mann. Als er arbeitslos wurde, habe ich sehr große Angst gehabt, mein Studium abbrechen zu müssen.“

150 Euro wären ein Tag Arbeit

Sie bewarb sich um das DAB-Stipendium – als eine von 40 Bewerberinnen. „Die 150 Euro sind für mich wie ein Lottogewinn“, sagt sie. Für das Geld hätte sie mindestens einen vollen Tag in der Woche arbeiten müssen: „Den habe ich jetzt für die Kinder und fürs Studium.“

Heike Mühldorfer, Akademikerinnenbund

„Die Studentinnen fallen durch sämtliche Raster“

Alle 40 Studentinnen, die sich um das Stipendium beworben haben, hätten es verdient, sagt Andrea Buchelt vom DAB – deswegen habe schließlich das Los entschieden: „Da gab es eine Bewerberin, die regelmäßig von Bremen nach Essen fährt, um dort ihre Eltern zu pflegen.“ Und eine andere habe geschrieben, sie würde sich von dem Stipendium einmal im Monat einen Babysitter leisten, um tanzen zu gehen: „Die Bewerbungen waren teilweise richtiggehend herzzereißend“, sagt Buchelt.

Was der DAB zum Zeitpunkt der Stipendiums-Vergabe nicht wusste: Die 150 Euro werden voll auf das Bafög angerechnet. „Als wir das erfuhren, haben wir erfolglos versucht, beim Bafög-Amt Auskunft darüber zu bekommen“, sagt Buchelt. Man sei nicht zuständig, habe man lediglich gesagt.

In der Tat handelt es sich beim Bafög um ein Bundesgesetz laut dem Stipendien nur dann nicht verrechnet werden, wenn sie begabungs- und leistungsabhängig vergeben wurden. „Dabei erbringen diese Frauen durch ihre Pflege- und Betreuungstätigkeiten doch Leistungen!“, sagt Mühldorfer.

Stipendium schließt Lücke

Das DAB-Stipendium sei immens wichtig, sagt Barbara Rinken, Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule: „Wir haben sehr viele studierende Eltern in unserer Beratung und das Thema Armut ist vor allem bei alleinerziehenden Studierenden extrem ausgeprägt.“ Es gebe an der Hochschule zwar einen Soli-Fonds für studierende Eltern in Notlagen, „da gibt es aber nur eine einmalige Hilfe und auch nur dann, wenn’s wirklich brennt.“ Das Stipendium schließe eine Lücke.

Der DAB hat jetzt über seinen Bundesverband eine Initiative zur Änderung des Bafög gestartet. „Dass Studentinnen in Pflege- und Bettreuungsverantwortung dort keine Berücksichtigung finden, ist klassisch für unser patriarchalisches Gesellschaftssystem, sagt Buchelt.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de