Fluxusfragen: Hat Ben Patterson die Welt verändert?
Die Kunst der Avantgarden. Wer die Welt wirklich zum Besseren beeinflussen möchte, verweigert sich Propaganda und autoritären Bildsprachen.
W ie besorgt sind Sie über die aktuelle Weltlage? Verfolgen Sie täglich die Nachrichten? Ben Patterson stellt diese Fragen, und er stellte sie schon 2012, anlässlich des 50. Fluxus-Jubiläums im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden.
Dort wurden 1962 die „Ersten Fluxusfestspiele Neuester Musik“ aufgeführt, an denen der US-Amerikaner seinerzeit teilnahm, bevor er viel später ganz in die Hessische Landeshauptstadt zog, was heute noch irgendwie kurios, aber auch passend erscheint, und von dort aus kann man auch die Fragen des Fluxuskünstlers beantworten, als habe er sie uns gerade eben erst gestellt.
Was nicht falsch ist, denn Pattersons Arbeit „Did Fluxus Change the World?“ lässt sich als dauerhafte Installation auf der Website des Nassauischen Kunstvereins anschauen und beantworten. Es ist nicht die einzige, die Ben Patterson der Stadt hinterlässt.
Fluxus, das hatte gleich dieses Einladende, ohne das Pathos, mit dem einladende, respektive, partizipative Kunst heute so beworben wird. Weil die im Zweifel auch so beabsichtigt ist. Während Fluxus ja den Unsinn und das Sonderbare voranstellt, und ergo auch gar nicht davon ausgeht, dass ein Kunstwerk schon per se zugerichtet sein sollte auf gewisse Zwecke.
Unendliches Spiel
Auch Ben Pattersons bzw. „Ben’s Bar“ ist gar nicht wirklich darauf ausgerichtet, eine Bar zu sein (wenngleich sie dafür zu besonderen Anlässen schon genutzt, Jargon: aktiviert wurde). Sie schaut anziehend einladend aus, ist aber eher die Idee einer Bar, wie es sie so nicht gibt und auch nie gegeben hat.
Ein Konglomerat aus Rokoko-Mobiliar, zusammengesucht in den Antiquitätenläden der Canal Street, einem angedeuteten Tresen aus Walnussholz, das der Künstler auf dem Hof seines Freundes Bob Watts in Pennsylvania fand, und zahlreichen Ergänzungen, die nach und nach hinzukamen. Wie der Leuchtschriftzug, der ACME-Fisch oder das Klavier, das Patterson erst für den Nassauischen Kunstverein hinzufügte.
1990 erstmals präsentiert, ist die Installation heute dauerhaft in dessen dritter Etage zu sehen. Der volle Name der Arbeit lautet „Why People Attend Bars: To Be Seen, To Be Heard, To Be There“, und der letzte Part befindet sich als Schriftzug auf den Spiegeln. Gesehen zu werden, gehört zu werden, da zu sein, eine Antwort auf die Frage des Warum, die der Privatmann Ben Patterson als damals aktiver Bar- oder Kneipengänger an sich selbst stellte.
Apropos Zwecklosigkeit und gute Absichten: Neben der Sache mit der Weltlage und den Nachrichten erscheint noch ein anderer Aspekt in „Did Fluxus Change the World?“ tagesaktuell. Die Frage nämlich, ob Kunst die Welt verändern könne – und wer überhaupt ein Interesse daran hat, dies immer wieder zu behaupten.
Boss oder Diener?
In der Einleitung zu seiner Fragebogen-Installation notiert Patterson mit Skepsis, es gebe Anlass zu glauben, dass, seit der Dämmerung der Menschheit und der „Erfindung von Kunst“, prinzipielles Anliegen des Künstlers bzw. seiner Patrone sei, die „Welt zu ändern“. Und weiter, „als Propagandawerkzeug hat Kunst oft denen gedient, die sich wünschten, die ‚Welt zu ändern‘“.
Man muss nicht zustimmen, kann im Fragebogen sogar aktiv anderer Meinung sein. Aber Patterson ist hier so klar wie jemand, der sich ungern abhängig machte. Vielleicht hat er auch deshalb eher weniger Kunst produziert.
Auf den Seiten des Nassauischen Kunstvereins wird das so kess und klar zusammengefasst: „Was Benjamin Pattersons Beitrag zur zeitgenössischen Kunst an Menge fehlt, macht er an Einfluss wett.“
Ob der Künstler das selbst so sehen würde, hätte man mit ihm gern diskutiert.
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