Flüchtlingskrise am Lageso

Hausverbot für Helferin - oder nicht?

Eine Freiwillige berichtet auf Facebook von Schikanen, rechter Hetze und ihrem Rauswurf. Das löst eine Empörungswelle aus.

Flüchtlinge im Schnee an den Zelten auf dem Gelände des Lageso in Berlin.

Weiterhin unhaltbare Zustände: Flüchtlinge stellen sich bereits in der Nacht beim Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin-Moabit an - viele jedoch vergeblich. Foto: dpa

BERLIN taz | Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat bei Facebook-Nutzern keinen guten Ruf. Hunderte LeserInnen kommentieren und verbreiten regelmäßig Berichte über die Zustände in der Flüchtlingsanlaufstelle, die unter anderem in der Gruppe „Moabit hilft“ (15.000 Mitglieder) veröffentlicht werden. Doch die Resonanz auf diesen Post ist selbst für Facebook-Verhältnisse bemerkenswert: “Ich habe soeben Hausverbot im LaGeSo bekommen!“ begann die Helferin Jorinde Leonhardt ihren Bericht. Sie und einige andere Freiwillige seien am Donnerstagabend von einem Sicherheitsmann der Firma Gegenbauer hinaus geworfen worden, schrieb sie in der Nacht auf Freitag, nur weil sie im Essenszelt einem kleinen Jungen eine Skihose anziehen wollte. Die Empörung im sozialen Netzwerk ist einhellig: Bis Sonntagnachmittag wurde der Bericht mehr als 24.000 Mal geteilt.

Die Sozialverwaltung und der Krankenhausbetreiber Vivantes, der in dem Zelt Essen verteilt, wiesen die Vorwürfe bereits zurück. Es sei kein Hausverbot gegen HelferInnen erteilt worden, erklärte ein Sprecher der Senatsverwaltung am Freitag. Doch Jorinde Leonhardt beharrt darauf. Sie habe Zeugen dafür, dass ihr und anderen ein Hausverbot erteilt wurde, schrieb sie Freitagabend in einem zweiten Post. Sie könne auch den Sicherheitsmann von Gegenbauer benennen, der den Verweis ausgesprochen habe.

Die Helferin, die nach eigener Darstellung seit Monaten vor allem nachts am Lageso aktiv ist, betonte, dass sie nicht „pauschalisiere“. Bei den Sicherheitsleuten seien „auch richtig tolle Menschen darunter! Aber eben leider auch solche, wie gestern.“ In ihren ersten Post hatte sie berichtet, dass ein Gegenbauer-Mann einer anderen Helferin gesagt habe: „Wem wollen sie denn helfen?? Den RATTEN??“ (Großschreibung und Satzzeichen wie im Post.)

Während dieser Ausspruch in den Facebook-Kommentaren vielfach als Ausdruck von rechtsradikaler Gesinnung gewertet wurde, erklärte der Sprecher der Sozialverwaltung im Tagesspiegel, der Sicherheitsmann habe damit nicht die Flüchtlinge, sondern „die tatsächlichen Ratten gemeint, von denen es auf dem Gelände nicht wenige gibt“. Darauf reagierten UserInnen mit der hämischen Bemerkung, es sei doch merkwürdig, dass mit Hygiene-Argumenten das Hosenanziehen verboten sei an einem Ort, wo angeblich Ratten herumliefen.

„So geht es jedem Helfer“

Auch die Erklärungen einer Vivantes-Sprecherin zu dem Vorfall sind offenbar strittig. Die Sprecherin hatte am Freitag der Nachrichtenagentur dpa gesagt, es sei nicht verboten, in dem Zelt Kleidung anzulegen. Am Donnerstagabend hätten aber mehrere Personen versucht, dort Kleidung zu verteilen. Zum Schutz vor Infektionen und aus hygienischen Gründen sei dies jedoch im Essenszelt untersagt. Der Sicherheitsdienst habe dieses Verbot durchgesetzt.

Leonhardt dagegen sagte dem Tagesspiegel, es sei nicht wahr, dass mehrere Personen versucht hätten, Kleidung zu verteilen. „Ich wollte nur dem frierenden Jungen eine Hose anziehen.“ Für die junge Frau ist der Fall der Gipfel einer langen Reihe von Schikanen, die sie in den letzten sieben, acht Monaten erlebt habe. „Und so geht es jedem Helfer“, schreibt sie.

Tatsächlich war das Lageso den Freiwilligen am Anfang mit offenkundigem Misstrauen und in bürokratischer Manier begegnet. So kam, als die HelferInnen im vorigen Sommer begannen, Essen an Tausende in der Hitze wartende Flüchtlinge auszuteilen, als allererstes das Gesundheitsamt vorbei und machte Hygieneauflagen.

Die amtlichen Mühlen mahlen langsam

Inzwischen hat die Behörde allerdings einige Verbesserungsvorschläge der HelferInnen – wie Essensausgabe und Wartezelte – umgesetzt. Dennoch und trotz der Veränderungen beim „Wartemangement“ häufen sich in letzter Zeit wieder die Berichte über verzweifelt wartende unversorgte Flüchtlinge.

So schrieb ein Mitglied von „Moabit hilft“ vorigen Mittwoch: „Zwei Frauen Schwanger 7 & 8 Monat bekommen von uns Lebensmittel-Gutscheine da sie seit dem 22. Dezember versuchen in das Lageso vorzudringen.“ Ein User kommentiert: „die Berichte helfen leider nicht... Dem Pack ist doch das Schicksal dieser Menschen scheißegal...“ Darauf Helferin Leonhardt: „Das sehe ich anders. Öffentlicher Druck hat die Zustände schon einige Male verbessert.“

Doch die amtlichen Mühlen mahlen bekanntlich langsam: Am Sonntagmittag postete Leonhardt einen neuen Bericht von der Nacht zuvor: Obwohl bereits 50 Flüchtlinge dort seien, neue und solche, die sich bereits für Montag anstellten, sei niemand von Vivantes, die eine 24-Stunden-Versorgung versprochen hätten, anwesend. Empört fragt sie: „Wir reden hier von hygienischen Vorschriften, während Menschen hungern und frieren?“

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