Flüchtlingskinder in Hamburg

Rot-Grün lässt Linke abblitzen

Linke fordert psychologische Erstversorgung für Kinder. Rot-Grün lässt den Antrag nicht in Ausschuss durch: Der Senat plane bereits Sprechstunden.

Sollen psychologische Unterstützung bekommen: Flüchtlingskinder in Hamburger Schule. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

HAMBURG taz | Sabine Boeddinghaus ist nach der jüngsten Bürgerschaftssitzung frustriert: Ihren 13-Punkte-Antrag zum Thema „Bessere Flüchtlingsbeschulung jetzt umsetzen!“ hat das Parlament mit den Stimmen von SPD und Grünen abgelehnt, und nicht, wie die Linken-Abgeordnete gehofft hatte, zur Beratung in den Schulausschuss überwiesen. „Wir haben nicht die Notwendigkeit gesehen“, sagt der SPD-Abgeordnete Karim Abaci. Das meiste setze der Senat bereits um.

Hamburg sei sogar bundesweit Vorreiter, hatte SPD-Schulsenator Ties Rabe erst am Wochenende verkündet. Zum Beispiel, weil der Unterricht schon in der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) beginne. Doch Boeddinghaus hat nach Gesprächen mit Praktikern einige Schwachstellen ausgemacht. „Lehrer berichten, dass Schüler gar nicht erreichbar sind“. Wichtig sei, dass die schulpflichtigen Kinder je nach individueller Traumatisierung durch Flucht und Krieg eine psychologische Erstversorgung bekämen. Sie müssten zunächst mental „ankommen“, damit sie der Schule überhaupt gewachsen seien, heißt es in dem Antrag. Dafür müsste eine qualifizierte Begleitung bereitstehen.

Ferner bräuchten Eltern verständliche Informationen über das Schulsystem. Es müsste dafür gesorgt werden, dass in den ZEAs auch tatsächlich täglich Sprachunterricht stattfände. Zudem müssten Schulbücher in den Sprachen der Geflüchteten erstellt werden. Die Kinder sollten auch in die Ganztagsbetreuung integriert werden. Zudem brauche man Lehrer als Flüchtlingskoordinatoren an den Schulen, die Zeit für die Netzwerkarbeit mit Initiativen bekommen müssten.

„Ich wäre vorsichtig, ob es viel bringt, wenn wir überall Koordinatoren hinstellen“, sagt Abaci. Der Hauptforderung des Antrags komme der Senat bereits nach. Geplant sei, in den ZEAs psychologische Sprechstunden anzubieten, „um traumatisierte Kinder und Jugendliche zu betreuen“. Auch könnten Eltern ihr Schulkind in die Ganztagsbetreuung geben.

In Hamburg besuchen 4.531 Flüchtlinge eine Schule oder Berufsschule – doppelt so viele wie vor einem Jahr.

Kinder, die in einer Folgeeinrichtung leben, besuchen zunächst Vorbereitungsklassen an reguären Schulen. Derzeit sind das 1.926 Kinder in 177 Klassen.

Kinder in Erstaufnahmen werden vor Ort beschult, derzeit 711 Kinder in 40 Gruppen. An einigen Standorten soll dies an Schulen verlagert werden.

Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt es Beratung an allen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken.

Das Uniklinikum Eppendort bietet eine Flüchtlingsambulanz bis zu 300 minderjährigen Patienten eine Therapie mit Dolmetscher.

Die Gesundheitskarte für Flüchtlinge kommt bei Bedarf auch für Therapien auf.

Schulsenator Rabe sieht psychische Probleme, die den Schulbesuch einschränken, zudem nur bei einem „sehr kleinen Teil“. Die Mehrzahl sei sehr lernwillig und besuche „die Schule ohne Probleme“.

Auch der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Rainer Richter, begrüßt, dass Ärzte und Kindertherapeuten solche Sprechstunden abhalten. „Dass ein Kind auffällig ist, das eine Flucht erlebt hat, ist völlig normal.“ Sorgen müssten einem jene machen, die sehr ruhig sind.

Boeddinghaus glaubt noch nicht, dass die angekündigten Sprechstunden tatsächlich umgesetzt werden. Das Thema Flüchtlingsbeschulung hätte in den Schulausschuss gehört, sagt sie. Doch Rot-Grün will der Opposition hier keine Bühne bieten: Dabei sei nicht einmal klar, ob es für die nächste Sitzung ein anderes Thema im Ausschuss gebe.

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