piwik no script img

Flucht vor der HitzeWer an den See fährt

Ins kühle Nass springen zu können, muss man sich erst mal leisten können. Und wenn es danach noch Erdbeeren geben soll, muss die auch wer verkaufen.

A m Barnimer Bernsteinsee lässt sich der Berliner Rekordsommer überraschend gut aushalten. Knappe 50 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt zaubert die Sonne Blitzlichter auf das blaugrüne Wasser. Kinder bauen Sandburgen, dahinter dösen Erwachsene auf Handtüchern, die Kronen der märkischen Kiefern werfen Blumenmuster auf ihre Gesichter. Auch ich liege mit Nadelduft in der Nase im Schatten und träume von Südfrankreich. Und: Die Abkühlung scheint – zumindest auf den ersten Blick – nicht mal was zu kosten.

Na ja, nicht ganz. Zwar muss niemand was kaufen außer Wassereis bei der Boulettenbude auf dem angrenzenden Campingplatz. Doch gleich dahinter türmt sich der Kapitalismus zu Blechbergen auf dem überfüllten Parkplatz. Bis in die Vorgärten des Ortes Marienwerder hinein stehen Stoßstange an Stoßstange die Mietwagen – gebucht in Kreuzberg, Neukölln oder Prenzlauer Berg über die Carsharing-App des Anbieters Miles. Für einen Tag am See kostet das um die 80 Euro.

Wer sich das leisten kann, zeigt sich dann auch unter den Kiefern. Auf den bunten Decken erkennt man die gleichen gewagten Sonnenbrillen, geometrischen Tattoos und blonden Strähnchenfrisuren, die man sonst vor den einschlägigen Cafés und Bars der hipperen Hauptstadtviertel antrifft. Wer nicht zum Fusion-Festival gefahren ist, scheint heute hier zu sein. Fast völlig fehlen: große Familien, alte Menschen, der Plattenbau.

taz schneller googeln

Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.

Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.

Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.

Am Samstagmorgen vor der Abfahrt flimmert in Neukölln der Asphalt. Meine Nachbarn haben ihre Fenster mit Silberfolie abgeklebt, um die Hitze auszusperren. Wenige Stunden später werden in Berlin mit fast 40 Grad die höchsten Temperaturen aller Zeiten gemessen.

Ein privates Auto auf vier Personen

Zum Glück hatte das Freibad am Columbiadamm kurz zuvor doch noch die Badesaison eröffnet – wegen technischer Probleme mit fast zweimonatiger Verspätung. Nun stehen Eltern mit Kindern in Nike-Badehosen und gefälschten Gucci-Basecaps davor in der Sonne Schlange.

Inzwischen kommt in Berlin noch etwa ein privates Auto auf vier Personen. Was einerseits eine verkehrspolitische Errungenschaft ist, kann in Zeiten der Klimakrise zur Falle für diejenigen werden, die nicht mal eben das Geld für einen Miles locker haben. Die überfüllten Berliner Stadtseen und Freibäder, die mit den ebenfalls zu vollen und wegen der Hitze ausfallenden Öffis erreichbar sind, bieten da wenig Abhilfe.

Extremwetter trifft nicht alle gleich, sondern macht Klassenunterschiede sichtbar. Wer arm ist, ist weniger frei, dorthin zu gehen, wohin man möchte – und an heißen Tagen auch weniger geschützt.

Für alle, die es sich leisten können, kann die Hitze sogar etwas Schönes sein. Auch ich erzähle allen, die es hören wollen, gerne, dass ich es eigentlich nice finde, wenn die Stadt so „runtergefahren“ ist, das Leben ein bisschen langsamer abläuft, „alles ist besser als 18 Grad und Regen“. Aber ich muss auch keine Pakete austragen.

Nach einem traumhaften Tag am Bernsteinsee fahren wir zurück, dem glühenden Berlin entgegen. Die Sonne neigt sich golden Richtung Horizont, langsam tauchen Fernsehturm und Park-Inn-Hochhaus hinter den Bäumen auf. Kurz vor Ahrensfelde rollen wir noch mal auf einen staubigen Parkplatz. Ich steige aus und kaufe eine Schale Erdbeeren bei einem Mann im durchgeschwitzten Muskelshirt. Seit morgens brütet er unter der Plane des Standes. Gleich hat er endlich Feierabend.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 30 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Fabian Schroer

Fabian Schroer Auslandsredakteur

Zuständig für Süd- und Westeuropa im Auslandsressort. Schreibt hauptsächlich über Migration, Medien und soziale Gerechtigkeit. Auch über Freiheit in der Kolumne "Freidrehen".
Mehr zum Thema

0 Kommentare