Flohmarkt für große Größen: Aktion gegen Fettfeindlichkeit
Der F.A.T. Flea ist ein Flohmarkt explizit für dicke, fette Menschen. Das Event soll Menschen empowern, die nicht nur von der Modeindustrie diskriminiert werden.
Foto: picture alliance / Goldmann
Als die ersten Nieseltropfen fallen, tragen zwei Personen ihren Stand schnell in den überdachten Bereich. Die letzten Spiegel werden aufgestellt, Blusen auf Kleiderbügel gehängt, dann kann es losgehen. F.A.T. Flea ist der erste und einzige Plus-Size-Flohmarkt in Berlin, hier gibt es nur Kleidung ab Größe 44. Seine dritte Ausgabe an diesem Sonntag findet im Yaam am Ostbahnhof statt. F.A.T. steht dabei für Finders and Traders. Große Größen sind auf anderen Flohmärkten eine Rarität.
Das weiß auch Organisatorin Victoria Grace Omoregie, die den Flohmarkt Ende letzten Jahres gegründet hat: „Wenn ich mit meinen dünnen Freundinnen auf Flohmärkte gegangen bin, gab es für mich immer nur Ohrringe oder Handtaschen zu kaufen.“ Dabei gehe es ihr um mehr als nur das Shopping-Erlebnis. „Wir bieten einen Raum für Menschen abseits der gängigen Größen, um zu shoppen, sich auszutauschen, sich zu vernetzen“, betont Omoregie.
Eine Frau probiert eine Anzughose an, blau mit weißen Streifen. „Die passt!“, ruft sie verwundert aus. „Hammer“, sagt ihre Freundin.
Auch auf dem Flohmarkt anzutreffen ist Luise Gonca Demirden, die sich an einem Stand mit bedruckten Blusen umsieht. Demirden ist Bildungsreferentin für Antidiskriminierung. Bis Ende Juli war sie bei der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung angestellt. Die Förderung für das Projekt wurde jedoch von der aktuellen Bundesregierung nicht verlängert. Leider nicht ungewöhnlich: „Zum Thema Gewichtsdiskriminierung und Fettfeindlichkeit gibt es keine öffentlichen Gelder oder private Gelder“, sagt Demirden.
Mythos der Eigenverschuldung
Deswegen berät sie jetzt freiberuflich Vereine oder Antidiskriminierungsstellen, die sich zum Thema Gewichtsdiskriminierung weiterbilden wollen. Denn die Unwissenheit bei dem Thema sei groß, auch in linken Kreisen. „Viele Leute stellen sich unter Fettfeindlichkeit Body Shaming vor, aber das ist nur ein Symptom. Die eigentliche Diskriminierung ist systematisch. Man ist auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, im Gesundheitswesen, in zwischenmenschlichen Beziehungen“, sagt Demirden. Eine Besonderheit von Gewichtsdiskriminierung sei der Mythos der Eigenverschuldung – also die Idee, dass alle Menschen dünn sein könnten, wenn sie nur wollten.
Auch im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist Gewichtsdiskriminierung nicht genannt. Man könne deswegen auch einfach aufgrund von hohem Gewicht entlassen werden und sich rechtlich kaum dagegen wehren, sagt Demirden. „Gewichtsdiskriminierung hat auch rechtliche Auswirkungen, zum Beispiel kann man ab einem bestimmten Body-Mass-Index (BMI) von der Verbeamtung ausgeschlossen werden“, sagt sie.
Solange vom Staat keine Unterstützung kommt, sind dicke, fette Menschen auf das Engagement von Menschen wie Omoregie angewiesen. Inzwischen arbeiten sie zu viert, alle ehrenamtlich. Die Arbeit mache sie aus „Liebe, Lust und Leidenschaft“, sagt Omoregie. Denn auch in den Läden finde man selten, was man sucht: „Es gab mal vereinzelte Große-Größen-Abteilungen in verschiedenen Modehäusern, die sind aber abgebaut worden.“ Die großen Größen müsse man jetzt online bestellen. Auch modisch seien die meisten Stücke nicht, oft sackhaft geschnitten oder in dunklen Farben gehalten.
Der eigene Selbstausdruck sei dadurch limitiert und könne sich auch gar nicht erst richtig entwickeln: „In der Pubertät lernt man nicht, seinen eigenen Stil und Geschmack zu finden, wenn man die Auswahl nicht hat“, findet Omoregie.
„Der BMI ist Quatsch“
Mit ihrem Flohmarkt trägt Omoregie auch dazu bei, Vorurteile gegen dicke, fette Menschen abzubauen. Häufig wird ihnen unterstellt, sie seien faul, ungesund, unsportlich oder würden stinken. „Vieles kommt noch vom BMI, der ist aber Quatsch und sollte nicht länger unsere Maßeinheit sein“, sagt Omoregie.
Auch eine Tattoo-Station ist auf dem Flohmarkt eingerichtet. Tattoo-Künstlerin Johanna Henn, die sonst in ihrem Kollektiv-Studio „Sweetspot“ tättowiert, würde sich mehr dicke, fette Menschen als Kund*innen wünschen. „Tattoos können total viel zum Körpergefühl beitragen und empowernd sein“, sagt sie. In vielen Studios mangele es aber an der Barrierearmut. Das fange schon mit den Liegen an, die meistens nur bis 120 kg tragen können. Die Liege von Henn kann bis zu 200 kg tragen. „Ich lege Wert darauf, dass Menschen sich wohlfühlen und wissen, dass sie mit ihrem Körper da sein dürfen und sollen.“
Als gegen Nachmittag endlich der Himmel aufbricht, steigen schnell die Besucherzahlen beim F.A.T. flea: Fast 300 Menschen sind gekommen, um große Größen zu shoppen.
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