Filmkollektiv Generation Tochter: Clubszenen, Stunts und Schießereien

Ein feministischer Actionfilm? Gibt es kaum. Das findet das Filmkollektiv Generation Tochter in Berlin unmöglich – und dreht nun selbst einen.

Eine ältere Frau steht hinter einem jungen Mädchen, das eine Pistole in der Hand hält

Vorbereitungen für Claras (Alida Stricker) ersten Raubüberfall Foto: Finnegan Godenschweger

Weibliche Actionheldinnen sind spätestens seit der Jahrtausendwende keine Seltenheit mehr. Lara Croft oder das vom Himmel gefallene fünfte Element Leeloo kamen gut an – wenig Kleidung und Maschinengewehre finden immer Zuschauer:innen. Zu feministischer Selbstermächtigung taugen die Filme jedoch eher nicht, außer der Protagonistin sind alle Strukturen nämlich weiterhin: männlich.

„Es gibt so viele Filme, die von Frauen handeln, es macht aber einen großen Unterschied, wer ihre Geschichte erzählt“, sagt Mey Woelke. Die 25-Jährige ist Gründungsmitglied von Generation Tochter, einem feministischen Filmkollektiv, das sich für mehr weibliche Sichtbarkeit vor und hinter der Kamera einsetzt.

Die Motivation hinter der Kollektivgründung klingt simpel. „Wir wollten eine weibliche Sicht auf Gewalt zeigen, einen wirklich weiblichen Actionfilm machen“, sagt Woelke, die an der Freien Universität Filmwissenschaften studiert.

Anfangs sei Generation Tochter nur eine Idee unter Freun­d:in­nen gewesen, die sich übers Filmemachen oder über die Freie Filmwerkstatt der FU kennengelernt haben. Mittlerweile zählt das Kollektiv über 80 Mitglieder, die überall in Deutschland leben.

Das Leben im Untergrund ist auch nicht billig

Nun arbeiten alle zusammen an ihrem Actionfilm. Die Handlung der Coming-of-Age-Story ist zu großen Teilen in Gesprächen entwickelt worden: Die 17-jährige Clara (Alida Stricker) lebt seit Jahren im Untergrund, zusammen mit ihrer Mutter Dagmar (Linda Sixt), die als ehemalige RAF-Terroristin gesucht wird und das Leben der beiden durch Überfälle finanziert.

Als ein Überfall schiefgeht und Dagmar überdies von einem korrupten BKA-Beamten erpresst wird, sieht sich Clara in das Geschehen hineingezogen. Die Teenagerin muss nun selbst Überfälle begehen, lernt dadurch aber auch das freiheitliche Berliner Nachtleben und Aleyna (Bayan Layla) kennen, der sie näherkommen möchte. Clubszenen, Stunts, Schießereien – die abgedrehten Szenen wirken professionell und lassen nicht auf ein ursprünglich studentisches Projekt schließen.

„Gerade einen Actionfilm zu machen, ist finanziell natürlich nicht ganz einfach“, sagt Nicola Herrmann, bei Generation Tochter in der Position der ausführenden Produzentin. Das Kollektiv spart, wo es kann, alle machen unentgeltlich mit. Momentan läuft die dritte Crowdfunding-Kampagne, die den letzten Drehblock finanzieren soll. Etwa 30.000 Euro seien in den ersten beiden Kampagnen gesammelt worden, sagt Herrmann.

Einen Nerv getroffen

Dass Generation Tochter so schnell wachsen würde, hat keines der Mitglieder geahnt. Doch mit ihrem Fokus auf weibliche Strukturen scheint die Gruppe einen Nerv getroffen zu haben. Die Geschlechterverteilung in der Filmbranche ist dringend verbesserungswürdig. Ungefähr bei 20 Prozent liegt der Anteil an Regisseurinnen bei deutschen Kinofilmen schon seit Jahren, in den USA bleibt er unverändert bei vier Prozent. Dass sich mehr Männer als Frauen fürs Filmbusiness interessieren, zählt als Argument nicht.

„Wir sind schon seit Jahren mehr Frauen im Studiengang, trotzdem sind es meistens die Männer, die erfolgreich werden“, sagt Theresa Bauer, die an der Beuth Hochschule für Technik Screenbased Media studiert. Ausschließlich aus Frauen besteht übrigens auch Generation Tochter nicht. 75 Prozent des Kollektivs sind weiblich, zudem sind fast alle Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt.

Die Filmbranche ist nicht gerade für feministische Strukturen bekannt, das stellt der #MeToo-Skandal genauso unter Beweis wie die oft immergleichen Frauenrollen – schutzbedürftig, hübsch, nackt – in großen Produktionen. „Auch von uns haben viele schon Erfahrung mit sexistischen Kommentaren männlicher Kollegen gemacht“, sagt die zweite der drei ausführenden Pro­du­zen­t:in­nen, Naomi Rösick.

Vorurteile entkräften

Generation Tochter geht es darum, Geschlechtergrenzen zu überwinden, Vorurteile zu entkräften. Ist dafür ein Actionfilm, der ja eher auf starke Bilder als auf Charakterentwicklung setzt, das richtige Medium? Rösick überlegt. „Gerade damit wollen wir ja spielen“, sagt sie dann. Actionfiguren könnten auch eine sensible Seite haben, das werde man im fertigen Film hoffentlich sehen. Inspiration zogen die Dreh­buch­au­to­r:in­nen übrigens weniger aus Actionstreifen als aus aktuellen deutschen Produktionen wie „Systemsprenger“ und „Futur Drei“.

Gemeinsames Arbeiten im Kollektiv ist den Mitgliedern wichtig, wie sie betonen. In der Pandemie kommt das Gemeinschaftliche dabei etwas zu kurz. Eigentlich hatte Generation Tochter Filmscreenings und Paneldiskussionen geplant. Mit dem am 22. Mai steigenden „Generation Morgen“-Kurzfilmfestival will das Kollektiv nun zumindest digital über Filme diskutieren. Der Zoom-Link wird vorher über die Social-Media-Kanäle des Kollektivs verbreitet.

„Viele von uns haben schon Kurzfilme gemacht, mit denen dann aber nichts passiert ist“, so Herrmann. „Wir wollen diesen Filmen eine Plattform geben, einfach mal Filme zeigen, die es schon so gibt.“ Läuft alles glatt, soll auch der Generation-Tochter-Spielfilm noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Das Kollektiv will ihn dann bei Filmfestivals einreichen und die Geschichte rund um Clara, Dagmar und Aleyna so hoffentlich bald auf die Leinwand bringen.

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