Film „I Only Rest in the Storm“: Er soll bloß einen Bericht schreiben
Regisseur Pedro Pinho schickt in „I Only Rest In The Storm“ einen Ingenieur nach Guinea-Bissau. Im Film dominieren Zwischentöne und Mehrdeutigkeit.
Es ist eine Fahrt ins Unbekannte. Der Umweltingenieur Sergio (Sérgio Corage) soll für eine NGO in Guinea-Bissau einen Umweltverträglichkeitsbericht zu einem Straßenbauprojekt erstellen. Mit einem in die Jahre gekommenen Mercedes-Benz Kombi ist er unterwegs auf der pfeilgeraden Straße durch Wind und Wüste, als der Motor überhitzt.
Nach langem Warten in der gleißenden Sonne nimmt ihn schließlich ein Lkw zur nächstgelegenen Werkstatt mit. Dort trifft er nur auf die Frau des Mechanikers, die ihm Essen und Tee in ihrem Zelt serviert. Erschöpft schläft er ein. Am nächsten Tag marschiert er im dämmrigen Morgenlicht wie verloren den Dünen entgegen.
Der portugiesische Regisseur Pedro Pinho setzt in den ersten Minuten seines Films „I Only Rest in the Storm“ ganz auf die Wirkmacht der Bilder. Es gibt keine Erklärungen. Sein Protagonist wirkt unnahbar, nicht zu entschlüsseln, gar gleichmütig. Was treibt ihn an, diese über 3.000 Kilometer lange Strecke von Portugal mit dem Auto zurückzulegen? Was sucht er in Guinea-Bissau? Kommt er nur der Arbeit wegen? Das Spiel der Andeutungen, des Ungefähren und der Uneindeutigkeiten ist der Modus Operandi dieses mit einer Länge von dreieinhalb Stunden monumentalen Films.
„I Only Rest in the Storm“. Regie: Pedro Pinho. Mit Sérgio Coragem, Cleo Diára u. a. Brasilien/Frankreich/Portugal/Rumänien 2025, 211 Min.
Sergio soll seinen italienischen Vorgänger ersetzen, mit dem es Probleme gab. Was mit ihm passiert ist, bleibt unklar. Die einen sagen, er hätte sich aus dem Staub gemacht, die anderen, er läge unter der Erde begraben. Damit der Straßenbau, der von einem brasilianisch-chinesischen Konsortium durchgeführt wird, weitergehen kann, soll Sergio den Bericht so schnell wie möglich fertigstellen. Es geht vor allem um die Auswirkungen auf das Leben in den Dörfern, die entlang der geplanten Straße liegen.
Die Route wurde bereits angepasst. Sie verlief zuvor durch den Lebensraum seltener Nilpferde. Erst wenn der neue Bericht vorliegt, fließt wieder Geld in das Projekt, das aus Europa und China finanziert wird.
Umherstreifen mit Sogwirkung
Pedro Pinho verlässt immer wieder diesen lose angelegten Handlungsstrang. Er interessiert sich nicht für eine stringente Dramaturgie. Seine Szenen wirken vielmehr wie kleine Vignetten, die je für sich alleinstehen und mal besser, mal schlechter funktionieren. In ihrem Zusammenwirken entsteht jedoch ein Mäandern, ein orientierungsloses Umherstreifen, das eine ungemein starke Sogwirkung erzielt.
Pinho geht dabei keineswegs willkürlich vor. In bedachtsamer Gemächlichkeit legt er die Kräfte offen, die an diesem kleinen westafrikanischen Land zerren. Denn unter der Oberfläche brodelt es. Die Alten erzählen sich immer noch Geschichten über die Gräuel der europäischen Kolonisatoren. Eine junge Wirtschaftselite sieht im umstrittenen Straßenbau einen notwendigen Schritt der Modernisierung. Weiße Entwicklungshelfer:innen ergehen sich in ihrer Selbstgefälligkeit.
Und da wären die brasilianischen Bauleiter, die ihren Arbeitern Wasser verwehren, wegen Kleinigkeiten Wutanfälle bekommen und sich wenig später im Bordell besaufen, als wäre nichts vorgefallen. Die Rassisten, das seien aber die Chinesen, bekommt Sergio von ihnen zu hören. Die würden schließlich ihre Arbeiter nach einem Unfall einfach im Graben entsorgen. Und die Schlimmsten seien sowieso die Schwarzen selbst. Die seien sogar untereinander rassistisch.
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Trailer „I Only Rest in the Storm“
Ambivalenz als Stärke
Dieses beiläufige Offenlegen (neo)kolonialer Abgründe und Machtstrukturen erinnert an Albert Serras herausragenden „Pacifiction“, der auf ähnlich beunruhigende und rätselhafte Weise von der kolonialen Vergangenheit Tahitis erzählt. Pedro Pinho erweitert seinen Blick jedoch um eine individuelle Ebene.
„I Only Rest in the Storm“ ist auch als queerer Film zu verstehen. Sergio macht Bekanntschaft mit dem schwarzen, non-binären Brasilianer Gui (Jonathan Guilherme), der auf der Suche nach seiner Identität in Guinea-Bissau gelandet ist, und der eigenwilligen Diára (Cléo Diára), deren kleine Bar ein queerer Zufluchtsort ist. Sergio fühlt sich zu beiden hingezogen. Sein einsames bisexuelles Begehren weckt Neugier, läuft ins Leere, stößt auf Widerstand, nur um in einer expliziten Szene zur Genugtuung zu kommen.
Was diesen Film so sehenswert macht, ist seine Ambivalenz. Er will nichts zu Ende erzählen, keine Partei ergreifen. Es sind die Zwischentöne und die Mehrdeutigkeit, die dominieren. „Was mich am meisten anwidert sind Männer, die es gut meinen“, bekommt Sergio von einer Sexarbeiterin vor den Latz geknallt. Diára wiederum ist angewidert von seiner Macht, die es ihm erlaubt, Bestechungsgeld in Höhe von 150.000 Euro abzulehnen.
Das gesellschaftliche Große, so will es uns Pinho erklären, dringt immer wieder in das individuelle Kleine ein. Auch Sergio kann in seiner Unbedarftheit dem Machtgefälle als weißer Europäer in einem afrikanischen Land nicht entkommen. Und das macht vielleicht den größten Unterschied aus: Wenn seine Arbeit getan ist, kann Sergio das Land wieder verlassen. Oder bleiben. Das ist seine Freiheit.
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