Film „Blue Moon“ mit Ethan Hawke: Monolog der Einsamkeit
In Richard Linklaters „Blue Moon“ spielt Ethan Hawke den Autor Lorenz Hart als kleinen Mann mit großem Herzen. Die anderen wirken daneben wie Komparsen.
Ein „Haufenreim“ geht so: „I married many men, a ton of them / And yet I was untrue to none of them / Because I bumped off every one of them / To keep my love alive“. Reimschema ist AAAB, dazu ein doppeltes „Triplet“ – die ersten drei Zeilen reimen sich auch in den drei letzten Silben und bauen so eine Reim-Erwartung auf, die in der vierten Zeile zerstört wird.
Die nächste Strophe von Lorenz Harts Text zu „To Keep My Love Alive“ nutzt das gleiche Prinzip: „Sir Paul was frail; he looked a wreck to me / At night he was a horse’s neck to me / So I performed an appendectomy / To keep my love alive.“ Aber selbstredend beherrscht Songtexter Hart ebenso Reimschema ABCB: „Sir Marmaduke was awfully tall / he didn’t fit in bed / I solved that problem easily / I just removed his head“.
Liebe und Tod, in diesem Fall die makabren Morde, die die Ich-Erzählerin an ihren diversen Ehemännern verübt, weil sie nicht das Herz hatte, sich von ihnen zu trennen, lagen für Hart nahe beieinander. In Richard Linklaters „Blue Moon“ dünstet dem 1,52 Meter großen Hart, den der dafür mit einem Oscar nominierte, viel längere Ethan Hawke mithilfe höher gehängter Kulissen und extra ausgehobener Gehrinnen spielt, jene emotionale Widersprüchlichkeit aus allen Poren: Der Film porträtiert einen kleinen, romantischen Mann mit einem großen, verzweifelten Herzen.
„Blue Moon“. Regie: Richard Linklater. Mit Ethan Hawke, Margaret Qualley u.a. USA/Irland 2025, 100 Min.
Harts Bitterkeit steckt in jeder Sekunde des von Robert Kaplow geschriebenen, fast ausschließlich im legendären Broadway-Theaterrestaurant „Sardi’s“ am Abend der „Oklahoma!“-Premiere angesiedelten Kammerspiels. Dass er erlebt, wie sein musikalischer Partner Richard Rodgers (Andrew Scott), Teil des Broadway-Songwriting-Hit-Duos „Rodgers and Hart“, sich aufgrund von Harts durch dessen Alkoholismus verstärkter Unzuverlässigkeit mit Oscar Hammerstein II. (Simon Delansey) einen neuen Partner gesucht hat, bildet den Auftakt zu einem anrührenden Monolog der Einsamkeit.
Er klagt über schlechte Reime
Ein wirklicher Monolog ist es nicht – im getäfelten, mit Bildern berühmter Showmenschen dekorierten Bar-Nebenraum, in den der 48-Jährige sich aus dem Musical geflüchtet hat, um dort auf das Eintreffen seines (einseitigen) Schwarms, der jungen Elizabeth (Margaret Qualley) zu warten, halten sich außer Hart auch noch Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale), der in sämtlichen Hart-und-Rodgers Gassenhauern versierte Bar-Pianist Morty (Jonah Lees) und der Autor E. B. White (Patrick Kennedy) auf; später fällt die Premierenmeute ein, um den Start eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten zu feiern.
Doch wie Eddie es angesichts Harts nie versiegender, so amüsanter wie bitterer Ausführungen über schlechte Reime, oberflächliche Kunst und perfekten Whiskey formuliert, ist Harts Leben ein Theaterstück, in dem er selbst 99 Prozent aller Dialoge spricht. Alle anderen sind nur Komparsen.
Die Idee Linklaters, diesen Zustand tatsächlich als eine Art Theaterstück zu inszenieren (inhaltlich basieren die Gespräche auf Briefen zwischen Hart und Elizabeth), passt ebenso zu seinem Protagonisten wie der Ort – Hart war „all drinks and all phantasy“.
Respektvolle Schwebe
Ob er so viel trank, weil er es als kurz gewachsener Mann in der auf normative Maße fokussierten Showbusiness-Scheinwelt besonders schwer hatte; welche Rolle seine nie kommentierte, aber von Zeitzeug:innen bestätigte Homosexualität dabei spielte; ob er den Verlust seiner Mutter nicht verkraftete, die ein paar Monate vor ihm starb; oder ob ihn Rodgers’ Erfolg, dessen Teamwork mit Hammerstein ihm zu bieder und zu wenig sarkastisch war, mit zermürbendem Neid erfüllte – all das lässt Linklater in respektvoller Schwebe.
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Trailer „Blue Moon“
Ohne zu stigmatisieren oder spekulativ zu psychologisieren, stattdessen mit großem Mitgefühl zeigt er einen Menschen voller Trauer und Esprit, dem echte Weisheiten, Bonmots, Anekdoten und Triplets ebenso leicht aus dem Mund fließen, wie der Schnaps hineinfließt. Nach einem Drink-Binge im November 1943 starb Hart an einer Lungenentzündung. Sein Herz war bestimmt auch gebrochen.
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