Berlinale-Preisverleihung online: Drastik als große Kunst

Bei der 71. Berlinale geht der Goldene Bär an die Komödie „Bad Luck Banging or Loony Porn“. Erstmals gab es genderneutrale Schauspielpreise.

Katia Pascariu trägt als Emi eine OP-Maske beim Telefonieren.

Hauptdarstellerin Katia Pascariu im Siegerfilm „Bad Luck Banging or Loony Porn“ Foto: Silviu Ghetie/Micro Film 2021

Das Festival war noch nicht einmal ganz vorüber, da wurden die Bären der Berlinale schon verteilt. Unglamourös als Übertragung einer Videokonferenz, mit Carlo Chatrian, dem künstlerischen Leiter, im Studio, während die Jurymitglieder auf einem Bildschirm vor ihm sprachen. Die Preisverleihung, wie Chatrian mehrfach wiederholte, folgt dann im Juni vor Publikum.

Etwas überraschend, dabei nicht unverdient, erhielt der rumänische Regisseur Radu Jude für seine hemmungslose Satire „Bad Luck Banging or Loony Porn“ den Goldenen Bären. Der im Titel angekündigte Porno, den die Komödie ziemlich drastisch an den Anfang stellt und der die Karriere einer Lehrerin gefährdet, war anscheinend kein Ausschlusskriterium. Gut zu wissen, dass nicht allein ernste bis dramatische Stoffe, von denen es im Wettbewerb der 71. Berlinale durchaus einige gab, als preiswürdig gelten.

Mit dem Silbernen Bären Großer Preis der Jury für „Wheel of Fortune and Fantasy“ des Japaners Ryusuke Hamaguchi ging ein weiterer wichtiger Preis an einen Favoriten. Sein Episodenfilm über drei verschiedene Frauen in heikler Lage mischt Tragik mit Leichtigkeit, den scharfen Blick für Schieflagen zwischen den Geschlechtern mit sarkastischem Humor. Ein beiläufig präzise erzählendes Drehbuch, ebenso präzise ins Bild gesetzt.

Panorama des heutigen Deutschlands

Scheinbar ausladend ist demgegenüber der gut dreieinhalb Stunden lange Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ der deutschen Filmemacherin Maria Speth. Die mit dem Silbernen Bären Preis der Jury ausgezeichnete Langzeitbeobachtung einer Klasse im hessischen Stadtallendorf nimmt sich Zeit, um ihre Protagonisten, einen Lehrer kurz vor der Pensionierung und seine Schüler, die alle durch Migration ihrer Familien geprägt sind, vorzustellen.

Und erzählt dabei von Einzelschicksalen, davon, was im Bildungssystem möglich ist, wenn sich Lehrer für ihre Schüler engagieren, und bietet so ein Panorama des heutigen Deutschlands durch das Brennglas einer kleinen, geschlossenen Gruppe.

Neu war in diesem Jahr die Beschränkung der Schauspielpreise auf die geschlechtsneutralen Kategorien „Hauptrolle“ und „Nebenrolle“. Beide Preise gingen an Schauspielerinnen. Für ihre Hauptrolle in Maria Schraders romantischer Maschinenkomödie „Ich bin dein Mensch“ erhielt Maren Eggert verdient einen Silbernen Bären. Und für ihren kurzen, aber eindringlich konzentrierten Part in Bence Fliegaufs ungarischem Beitrag „Forest – I See You Everywhere“, ein weiterer Episodenfilm, ging der andere Schauspielbär an Lilla Kizlinger.

Auch über die weiteren Preise, ebenso in der Sektion „Encounters“, die seit vergangenem Jahr als eine Art paralleler Wettbewerb der freieren Formen eingeführt wurde, wird noch zu reden sein. Und über die Berlinale als solche, die mit dieser Ausgabe eine Zäsur gesetzt hat. Mehr davon nach dem Internationalen Frauentag.

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