Festnahmen bei Nawalny-Gedenken: Angst vor einem toten Mann
Mindestens 19 Personen wurden festgenommen, weil sie des Oppositionellen Nawalny gedachten. Selbst im Jenseits sieht der Kreml in ihm eine Bedrohung.
E s gibt sie also noch in Russland, auch wenn sie nur wenige sind: Menschen, die es sich nicht nehmen ließen, am Montag an den vor zwei Jahren in Haft getöteten Oppositionellen Alexei Nawalny zu erinnern. Sie wissen, welches hohe Risiko sie eingehen. Einen Blumenstrauß niederzulegen, kann schlimmstenfalls im Gefängnis enden. Wer von dort – wenn überhaupt – lebend zurückkehrt, ist für den Rest des Lebens gezeichnet.
Auch am Montag wurden mindestens 19 Personen festgenommen, weil sie Nawalnys gedachten. Das sagt viel aus über ein Regime, das sogar vor einem Toten Angst hat – nach dem Motto: Die Bedrohung lauert auch noch im Jenseits. Gleichzeitig wird von offizieller Seite behauptet, Nawalny habe im gesellschaftspolitischen Leben Russlands doch ohnehin keinerlei gesellschaftspolitische Rolle gespielt. Noch Fragen? Eben.
Genauso entlarvend sind die Einlassungen von Wladimir Putins Pressesprecher Dmitri Peskow. Anschuldigungen, der Kremlkritiker sei in der Haft vergiftet worden, entbehrten jeder Grundlage und würden zurückgewiesen, teilte Peskow der Öffentlichkeit mit.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Dümmer und dreister zu lügen – in der Causa Nawalny beileibe nicht zum ersten Mal – das geht kaum noch. Dass bei dem Ableben Nawalnys nachgeholfen wurde, dürfte mittlerweile hinlänglich bewiesen sein – nicht zuletzt durch die jüngst veröffentlichten Untersuchungsergebnisse unabhängiger Speziallabors. Dabei hat der Einsatz von Gift, um unbequeme Zeitgenoss*innen für immer zum Schweigen zu bringen, unter Wladimir Putin Methode – auch im Ausland. Die Liste der Opfer ist lang, Nawalny – schon im August 2020 nach einem Anschlag mit Nowitschok nur knapp dem Tod entronnen – dürfte nicht der letzte Fall dieser Art gewesen sein.
Übrigens: In einer gemeinsamen Erklärung haben fünf westeuropäische Staaten, darunter auch Deutschland, erklärt, man gehe davon aus, dass Nawalny mit einem tödlichen Toxin vergiftet worden sei. Die USA sucht man in dieser Gruppe vergeblich. Das lässt tief blicken – in einem Abgrund.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert