Festival für Komponistin ter Schiphorst: Eine gewisse Lebendigkeit
Ihre Musik lässt das Zeitgefühl zerfließen. Das Zafraan-Ensemble richtete der Komponistin Iris ter Schiphorst zum runden Geburtstag in Berlin ein Festival aus.
Ein junger Mann im schwarzen Anzug, eine junge Frau in fließenden weißen Gewändern. Ein mittelalter Mann als Offizier und als Priester. Eine Dreiecksgeschichte mit Traumsequenzen. Köpfe in endlosen Großaufnahmen; und immer wieder trippeln die Menschen eilig über Feldwege oder verlieren sich in Gebäudefluchten. Man hätte wohl Schwierigkeiten, die Dramatik des experimentellen Stummfilms „La Coquille et le Clergyman“ der französischen Surrealistin Germaine Dulac von 1928 überhaupt zu erfassen, wenn die Musik nicht wäre. Iris ter Schiphorst hat sie komponiert und den Film damit wiederbelebt und neu interpretiert.
Welch dramatische Superpower in Musik steckt, wird im Zusammenklang mit diesen stummen Schwarzweiß-Bildern sehr deutlich. Das Filmscreening ist Teil eines kleinen Festivals, das vom Zafraan-Ensemble anlässlich des 70. Geburtstags (im Mai dieses Jahres) der Komponistin veranstaltet wird. Einen Tag lang bespielt Zafraan die Alte Münze in Berlin-Mitte mit unterschiedlichsten Formaten: Konzerten, Gesprächsrunden, Filmen, Bildern. Sogar ein kleiner Büchertisch ist aufgebaut, für den Iris ter Schiphorst eine „Taschenbibliothek“ zusammengestellt hat: Bücher, die, von Ingeborg Bachmann über Don DeLillo bis Unica Zürn, ihre „persönliche Denk- und Arbeitslandschaft“ abbilden, wie sie dazu schreibt.
Die Komponistin hat nie Komposition studiert, sondern wurde zunächst Konzertpianistin, war jahrelang Rockmusikerin und studierte schließlich auch noch Philosophie und Theaterwissenschaft. Das alles passt zu der besonderen performativen Expressivität ihrer Musik, jener gewissen „Theatralik“, die ihr eigen ist, wie der Dirigent Peter Runde es während eines der Podiumsgespräche formuliert, bei dem auch die Journalistin Christine Daum-Farber anwesend ist, die erzählt, wie sie einst Iris ter Schiphorst an der FU Berlin in einem Seminar über das Werk von Marguerite Duras kennenlernte. Daraus erwuchs ein gemeinsames, experimentelles Filmprojekt; eine „3D-Oper“ hätten sie es genannt, erinnert sich ter Schiphorst etwas selbstironisch.
Von Duras inspiriert ist auch das Werk, nach dem das Zafraan-Festival benannt ist, „Eden Cinema“ von 1995 für präpariertes Klavier und Sampler. Wie von weit her scheinen die stumpfen Klaviertöne zu kommen, repetitive Muster lassen das Zeitgefühl zerfließen und vergehen wieder in scheinbar zufälligen Eruptionen, nur vereinzelt erreichen lyrische Klangschnipsel die Oberfläche, und am Anfang und Ende legt sich die Stimme von Marguerite Duras herself vom Band her über die klingenden Zeitläufte.
Sprache ist selbst Ton
Es ist ein frühes und noch eher zurückhaltendes Beispiel dafür, wie die Komponistin mit Sprache umgeht. Texte im herkömmlichen Sinne zu „vertonen“, komme für sie nicht in Frage, bekräftigt sie. Die Sprache ist bei ter Schiphorst von Anfang an selbst Ton, gehört zu den Klängen, die, gesampelt oder live performt, sich zueinander in Beziehung setzen. Das verlangt den Ausführenden einiges ab. Immer wieder einmal müssen die Musiker*innen beim Spielen auch noch singen, sprechen oder irgendwie tönen, und selbst wer gerade einen im wahrsten Wortsinne atemberaubenden Solopart zu absolvieren hatte, wie etwa die Blockflötistin im Schubert-inspirierten Stück „Sei gutes Muts!“, ist nicht davor gefeit, zum Abschluss noch ein „Sei gutes Muts!“ ins Publikum rufen zu müssen.
Diese Aufforderung ist übrigens gut zu verstehen, im Unterschied zu vielen anderen Wortklängen, deren Sinngehalt im musikalischen Gesamtgeschehen letztlich untergehen muss und sich nur im Zusammenhang mit der Lektüre des sehr informativen Programmhefts erschließt. Aber dann ist auf der anderen Seite eben auch ter Schiphorsts Instrumentalparts oft dieser ausgesprochen performative Charakter eigen, mit dem die Musik selbst wiederum etwas Sprachähnliches bekommt. Oder eben, wie die Ton- und Soundsetzerin selbst es ausdrückt, eine gewisse „… ja, Lebendigkeit. Vielleicht ist es das, was mich am meisten interessiert.“
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