„Fassade“ am Theater Freiburg: Wir baden doch nur am See!
Das Freiburger Theater geht den Spuren der braunen Stadtvergangenheit nach. „Fassade“ ist eine Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation.
Ein Bild, das hervorragend in die Freiburg-Idylle passt: Menschen am Titisee mit Blick auf den Feldberg. Doch der Schein trügt. Spätestens wenn man genauer auf den Stil achtet und sich die Geschichte des Gemäldes von Theodor Kammerer aus dem Jahr 1939 vergegenwärtigt, offenbart sich der Schrecken dahinter. Es zeigt ein ‚arisches‘ Arkadien, angereichert mit zahlreichen propagandistischen Codes.
Erst 2023 hinter einer Gipswand wiederentdeckt, befindet es sich heute – teilverdeckt – im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, dem früheren Verkehrsamt im Hitler-Faschismus. Ein beeindruckender Stoff also, um in einer Epoche wiedererstarkender totalitärer Umtriebe und rechtspopulistischer Geschichtsklitterungen die Wichtigkeit von Erinnerungskultur zu betonen. So die Idee des Theaters Freiburg, das in einer Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation den häufig verdeckten Spuren des Nationalsozialismus in der Stadt folgt.
Nachdem man zunächst gegenüber des Bühnenhauses zum Platz der Alten Synagoge gelangt, dessen Leere als Mahnmal wirkt, geleiten einen die Mitglieder des Ensembles und der Seniorentheatergruppe „die methusalems“ zum Dokumentationszentrum und schließlich zum gotischen Colombischlössle.
Dort fand 1933 die Freiburger Bauausstellung statt, die die Vision einer regimetreuen Architektur und Kultur entwarf. Bei Weitem nicht die einzige, allgemein wenig bekannte Altlast dieser Zeit. Über den an einem Universitätsgebäude (wenn auch nicht mehr in Gold) prangenden Schriftzug „Dem ewigen Deutschtum“ hinaus verblüfft zudem die Präsenz des NS-Schönheitschirurgen Erich Lexer. Ihn, der sich für tausendfache Zwangssterilisationen und die menschenverachtenden Erbgutgesetze im Dritten Reich mitverantwortlich zeichnete, führt eine örtliche Klinik noch immer im Namen.
Analyse des Wandbilds
Was als informative, an Projekte von Rimini Protokoll erinnernde Produktion beginnt, erhält seine Tiefe, als die Spieler:innen in Caroline Anne Kapps „Fassade“ das besagte Wandbild seiner Badeszene nicht nur nachstellen, sondern analysieren. Im Colombi-Park blicken wir auf eine Brunnenanlage, ein Pferdegemälde und diverse Spiegel, die signalisieren, dass es bei der historischen Revue ebenfalls um unser gefährdetes Gemeinwesen geht.
Und zwar im Lichte einer antiken Sage. Das faschistische Werk nimmt nämlich Bezug auf das Urteil des Paris. Wie er hält auf dem Gemälde ein im Vordergrund sitzender Mann einen Apfel in der Hand. Er soll entscheiden, wer von Hera, Athene und Aphrodite die schönste sei.
Dass dessen Spruch in letzter Konsequenz zum Trojanischen Krieg führte, dürfte bei diesem Thema kein Zufall sein. Genauso wenig wie das krude Männlichkeitsverständnis, das die Darsteller:innen nun in Rede, Mimik und Gestik auseinandernehmen. Ein Fischer auf der linken Seite bildet den Ernährer, ein Pferdebesitzer auf der rechten den Herrscher über die Frau ab, alles hübsch verkleidet als ein netter Nachmittag vor der unschuldigen Naturkulisse.
Der wohl stärkste Kniff der Regie: Auf Geheiß des damaligen Stadtvorstandes sollte das Gemälde faschistischer werden, will heißen: gesünder, jünger und weißer. Mit jedem dieser erwähnten Attribute verlassen nun die Ensemblemitglieder – in ihrer generationsübergreifenden und multiethnischen Zusammensetzung eine Manifestation von Diversität – nach und nach die Szene, bis niemand mehr übrig bleibt.
Am Schluss lesen sie sodann noch dem Publikum auf der Wiese Zitaten von Björn Höcke sowie Friedrich Merz’ Einlassung zum Stadtbild vor. Die so häufig erwähnte Brandmauer gegen rechts, sie scheint inzwischen ein kleines, für manche sogar behaglich erscheinendes Lagerfeuer geworden zu sein, so die Botschaft dieser ergreifenden, noch lange nachwirkenden Inszenierung.
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