Familienroman von Alena Schröder: Das emotionale Erbe

Alena Schröder erzählt von Müttern, Frauen, Töchtern, Wahlfamilien. Dabei hakt sich ihr Roman temporeich bei Irmgard Keun und Vicky Baum unter.

Frauen mit Hut blicken auf einen Verkäuder im Berlin der 20er

Vom Vorkriegsberlin bis heute reicht der Erzählbogen: Szene am Potsdamer Platz, 20er Jahre Foto: akg-images

Form folgt Funktion. Wenn an diesem Design-Leitsatz etwas dran ist – und das ist wohl so –, dann hat der dtv-Verlag viel richtig gemacht. Denn das Buch „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ ist ein gestalterisches Ereignis.

Auf dem Schutzumschlag tummeln sich auf schwarzem Grund Schwalben und Blüten, dazwischen wimmelt die Titelei. Drinnen leuchtet das Vorsatzpapier in warmem Orange, das Lesebändchen schimmert nachtblau. Alles sagt: Nimm mich zur Hand. Und ja, das sollte man tun. Denn „Junge Frau“ ist ein Ereignis.

Der Roman von Alena Schröder erfüllt gleich mehrere Funktionen. Die Geschichte über die Frauen einer Familie und ihre komplizierte und tragische Verknüpfung ist ein Genera­tio­nen­roman, ein Krimi, ein Schmöker. Vor allem aber ist es ein Berlin­roman. Denn in dieser wundervoll anstrengenden Stadt laufen alle ihre Lebenslinien zusammen.

Hier wuchern die Neurosen und ereignet sich das, was Menschen erleben und was von ihren Nachfahren später einmal Geschichte genannt werden soll. Berlin ist anstrengend und soghaft, im Kleinen großartig und in seiner Riesenhaftigkeit abstoßend. Die Stadt ist von hässlicher Schönheit, ihre Menschen sind Millionen von Ereignissen.

Alena ­Schröder: „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“. dtv, München 2021. 368 Seiten, 22 Euro

Mit ihrem temporeichen Roman über Mütter, Frauen, Töchter, über Wahlfamilien und Zuschreibungen hakt sich Alena Schröder bei großen Berlin-Chronistinnen unter: Irmgard Keun mit ihrem „Kunstseidenen Mädchen“, Vicky Baums „Menschen im Hotel“ oder Annett Gröschners „Walpurgistag“. Die Romane dieser Frauen zeichnen sich stets durch ein treibendes Tempo aus. Und so verhält es sich auch mit Schröders „Junger Frau“: Mitunter geht es arg forsch voran. Doch das ist bei einer derart komplexen Gemengelage nicht weiter verwunderlich.

Bilder auf der Raubkunstliste

Der Titel geht auf die Beschreibung eines Gemäldes zurück. Die Urgroßmutter der Hauptfigur musste mit ihrem jüdischen Mann aus Nazideutschland flüchten. Zurück blieben die Schwiegereltern, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden und deren Kunsthandlung von Nazis geraubt wurde.

Nach dem Krieg wird Senta Goldmann versuchen, sich an die Gemälde zu erinnern, die systemtreue Deutsche sich unter den Nagel gerissen haben. Unter den Bildern war auch ein Vermeer. „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ schreibt sie als Bildbeschreibung auf eine Raubkunstliste.

Hannah, die junge, frei schweifende Kulturwissenschaftlerin, macht sich im Heute auf die Suche nach diesem Bild und damit nach ihrer Familiengeschichte. Behilflich sein könnte ihr ihre Großmutter, die hochbetagt in einem Altenstift im Berliner Westen lebt. Doch Evelyn schweigt dazu nicht nur, sie verbittet sich jede Nachfrage. Das Nichtgesagte, Nichtgefragte schlägt in jedem Moment der Romanhandlung seinen bedächtigen Grundton an.

Reizthema Regretting motherhood

Es ist die stumme Melodie zwischen jener Generation, die Krieg und Gewalt tatsächlich noch erlebt hat, und ihren Nachfahren, die es lieber doch nicht ganz so genau wissen wollen, aber gern von deutscher Verantwortung sprechen.

Und es geht – der Titel sagt es – um Frauen. Um Kindheit und Mutterschaft, um Sexualität und Freiheit, um Ungleichheit und Politik. Jede Frau ist auch eine Tochter. Oft wird später aus ihr eine Mutter, also exakt jene Figur, die sie als Kind so sehr geliebt hat, wie sie sie als Erwachsene hinterfragen wird. Aber was, wenn diese Mutter den Fragen der Tochter ausweicht, wenn sie gar nicht erst so tut, als machte Mutterschaft sie glücklich.

Alena Schröder dekliniert das Reizthema Regretting motherhood gleich an mehreren ihrer Figuren durch. Es gibt Frauen, die können ihr Kind aus gutem Grund nicht lieben; und Frauen, die es aus falschen Beweggründen heraus tun. Liebevolle Mutterschaft, wir erleben es in der vielschichtigen Figur der Nazitante Trude, kann auch erworben werden.

Vermächtnis einer Familie

Letztlich ist alles an diesem Roman persönlich. Die Geschichte ist inspiriert von Alena Schröders Urgroßmutter Senta, die nach der Geburt ihres Kindes an einer postnatalen Depression litt und ihr Kind in Mecklenburg zurückließ, um Ende der zwanziger Jahre nach Berlin zu gehen.

Dort heiratete sie den Sohn eines jüdischen Kunsthändlers. Alena Schröder widmet sich dem Vermächtnis ihrer Familie, das weit mehr umfasst als ein verschollenes Gemälde. Das Erbe besteht auch aus Gefühlen, Verhaltensmustern, Entscheidungswegen. Nimm mich zur Hand, sagt dieses Buch. Und wie gesagt: Das sollte man tun.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de