Familie und Freundschaft: Wenn wir zu Hause sind

Zuhause ist nicht ein einziger Ort. Gerade in der Kindheit bewegen wir uns im Zuhause von Freunden selbstverständlich. Und lernen dabei fürs Leben.

Ein Wohnzimmer mit Sofa und Couchtisch und Blümchen

In der Kindheit bewegen wir uns in vielen Zuhauses Foto: Sophia Kunkel/Unsplash

Ein Drogeriemarkt. Leere Gänge. Zwei Jungs drücken sich darin herum. Ein Kaufhausdetektiv würde sie vielleicht observieren, ob sie etwas mitgehen lassen. Vielleicht ist ja gerade auch eine Kamera auf sie gerichtet. Beide haben etwas fettiges Haar. Sie sind vielleicht elf, zwölf Jahre alt. Sie stecken kurz vor der Pubertät und in Klamotten, die ihnen nicht ganz zu passen scheinen. Aus denen sie herausgewachsen sind oder noch hineinwachsen müssen, sie sind irgendwo dazwischen. Der eine ist groß und etwas mollig, der andere klein und weniger weit in der körperlichen Entwicklung.

„Wenn wir zu Hause sind“, sagt der Kleine. „Wenn wir in deinem Zuhause sind“, korrigiert er sich dann. Er schaut kurz abwartend, wie der andere drauf reagiert, was er sich da angemaßt hat. Dass er das Zuhause des anderen für sich benannte, sich mit einbezog. Der große Junge schweigt. Er gibt überhaupt den Ton an mit seiner Stille. Aber er braucht den Kleinen.

Der Kleine spricht für den Großen. Er plappert unaufhörlich, während sie durch die Gänge gehen, anhalten, Artikel in die Hand nehmen und wieder zurücklegen. Sie sind in ihrer Welt, eine Jungs-Freundschaft: zwei, die sich die Zeit vertreiben. Die einander haben. Der Kleine streicht um den anderen herum. Immer wieder berühren sich die beiden zufällig, streifen sich flüchtig an den Schultern, so vertraut wie Geschwister.

Die beiden umgibt ein diffuses Gefühl von gemeinsam gemeistertem Verlorensein. Es könnten vielleicht zwei Außenseiter sein. Zwei, die nicht zu den sogenannten Coolen in der Schule gehören. Denen, mit den angesagten Klamotten und dem hineingeborenen Selbstbewusstsein. „Wenn wir zu Hause sind“, hat der Kleine gesagt und den anderen gemeint. Zuhause. Eine Verortung, ein sicherer Ort, der auch zu seinem geworden ist, vielleicht, weil er dort viel Zeit verbringt. Weil sie gleich zusammen dorthin gehen werden, mit irgendetwas, was sie hier von ihrem zusammengelegten Geld gekauft haben.

Die Zuhauses meiner Kindheit

Ich denke an die Häuser der anderen. Die Zuhauses meiner Kindheit. Merkwürdig, von Zuhause gibt es keinen Plural. Dabei gibt es sie: Die anderen Zuhauses, in denen ich wie der kleine Junge auch zu Hause war. In denen ich mich irgendwann zwanglos aufgehalten habe. Durch die ich so viel gelernt habe. Ich kenne sie immer noch, die Winkel und die Zimmer in den Häusern meiner Freundinnen und Freunde.

Die Räume ihrer Geschwister, die Arbeitszimmer der Eltern, die Zimmer der Großeltern, die Kammern, in denen wir etwas zu essen stibitzten. Ihre Haustiere, wo sie schliefen und was sie zu essen bekamen. Ich erinnere mich an Übernachtungen bei den anderen. Nächte vor dem Fernseher.

Die beiden umgibt ein diffuses Gefühl von gemeinsam gemeistertem Verlorensein

Zuhause ist nicht nur der Ort daheim. Der Raum meiner Kindheit ist auch durch die Häuser geprägt, wo ich übernachtet habe, wo ich andere Eltern kennengelernt habe, Rituale, Regeln und Freiheiten. Was ist Familie? Was kann Familie auch sein? Das habe ich in den Zuhauses der anderen erfahren und bin dadurch geprägt worden. Ich schaue die Jungs an, wie sie zusammen durch die Gänge streifen. „Wenn wir zu Hause sind.“

Ich denke daran, dass in Zeiten der Pandemie Drinnen und Draußen zwei grundlegende Paradigmen geworden sind. Wir treffen uns mit Freundinnen und Freunden draußen, weil das das Ansteckungsrisiko reduziert. Das Drinnen ist jetzt umso mehr das eigene Schutzreich, in das die, die nicht zum allerengsten Kreis gehören, nicht mehr hinein können. Das ist wichtig, um das Virus zu bekämpfen.

Und doch, als ich die Jungs anschaue, spüre ich, dass es wichtig bleibt, sich das bewusst zu machen: Die anderen einzuladen, sie in den eigenen Raum zu lassen, in die Winkel, in denen wir uns mit unserer Seele zurückziehen, ist ein Zeichen von Vertrauen, es stärkt Beziehungen. Es prägt und strukturiert die Gesellschaft mit. Die Jungs sind beim anderen zu Hause.

Sie werden damit groß, entwickeln sich. Und ich hoffe, dass wir das Zuhause wieder für den Plural öffnen, wenn es wieder geht. Die beiden Jungs holen schließlich zwei Packungen Spaghetti aus dem Regal. Sie legen sie auf das Band, kichern, tuscheln und zahlen mit Münzen aus ihrer Faust. Dann gehen sie hinaus, nach Zuhause.

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Christa Pfafferott schreibt die Kolumne "Zwischen Menschen" für die taz. Sie wurde zum Dr. phil. in art. an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg promoviert. Sie hat zuvor Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Sie lebt als Autorin und Regisseurin in Hamburg.

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