Expertin über Verschwörungsmythen: „Jeder Dritte hat Verluste“

Wer in der Pandemie an Einkommen verliert, glaubt eher an Verschwörungsmythen. Soziologin Bettina Kohlrausch über die Gefahr, die daraus erwächst.

Ein Mann sitzt auf gestapelten Stühlen vor einer geschlossenen Bar

Vor allem Menschen mit ohnehin schon niedrigen Einkommen sind von Einbußen betroffen Foto: Martin Meissner/ap

taz: Frau Kohlrausch, Sie haben die Einkommensverluste durch die Coronapandemie in zwei Erhebungen unter mehr als 6.000 Befragten erforscht. Wer ist demnach besonders von finanziellen Verlusten betroffen?

Bettina Kohlrausch: Rund 32 Prozent der Befragten gaben an, im April und/oder im Juni Einkommenseinbußen erlitten zu haben. Von Verlusten in der Coronapandemie sind überdurchschnittlich oft Menschen betroffen, die ohnehin schon niedrige Einkommen haben. Auch bestimmte Gruppen – wie beispielsweise Eltern, Personen mit Migrationshintergrund, Selbstständige, Leiharbeiter und Minijobberinnen – verloren überdurchschnittlich oft Einkommen.

44, ist Soziologin am WSI-Institut der Hans-Boeckler-Stiftung und Professorin an der Universität Paderborn.

Liegt das daran, dass Menschen mit niedrigem Einkommen vor allem in jenen Branchen arbeiten, die während der Coronapandemie besonders leiden, also etwa im Einzelhandel und in der Gastronomie?

Auch wenn man den Einfluss der Branche herausrechnet, müssen Personen mit niedrigem Einkommen häufiger auf Gehalt verzichten. Es ist wohl eher so, dass Leute mit niedrigem Einkommen im Betrieb die Schwächsten sind; die werden am ehesten in Kurzarbeit geschickt oder, wenn sie prekär als Leiharbeiter oder Minijobberin beschäftigt sind, entlassen. Diese Personen können meist auch kein Homeoffice machen wie mittlere oder höhere Angestellte.

Sind Leute mit Migrationshintergrund besonders oft in niedrig qualifizierten Jobs tätig und verlieren deshalb an Einkommen?

Befragte mit einer familiären Zuwanderungsgeschichte haben um knapp 6 Prozent häufiger Einkommen eingebüßt als Befragte ohne diesen Hintergrund. Und dies unabhängig davon, welchen Schulabschluss und welches Qualifikationsniveau sie hatten und in welcher Branche sie tätig waren.

Wie ist das zu erklären?

Möglicherweise ist dies ein Indiz für Diskriminierungsprozesse. Man weiß ja, dass Menschen eher diejenigen schützen, die ihnen ähnlich sind, und sich eher von denjenigen absetzen, die das nicht sind. Das heißt, es ist denkbar, dass in Betrieben, in denen das Arbeitszeitvolumen reduziert wird, Beschäftigte mit Migrationshintergrund eher in Kurzarbeit oder Teilzeit oder in die Arbeitslosigkeit geschickt werden als MitarbeiterInnen ohne diesen Hintergrund, was ja ein Fall von Diskriminierung wäre.

Wie wirken sich Einkommensverluste auf die persönlichen politischen Einstellungen aus?

Befragte, die Einkommen eingebüßt hatten, machten sich nicht nur weitaus häufiger Sorgen um ihre eigene wirtschaftliche Situation, sondern sehen auch größere Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie in Deutschland – und sie beurteilen die Coronamaßnahmen kritisch. 40 Prozent dieser Personen äußerten Bedenken, dass die „Einschränkungen der Grundrechte“ nach der Krise nicht vollständig zurückgenommen werden.

Heißt das, dass Leute mit Einkommensverlusten sich häufiger als Opfer fühlen und sich dann auf die Suche nach Schuldigen begeben?

Unter den Befragten mit Einkommensverlusten stimmten 45 Prozent der Aussage zu, dass die Pandemie möglicherweise von den Eliten benutzt werde, um die Interessen von Reichen und Mächtigen durchzusetzen. Unter denen, die keine Einbußen erlitten hatten, stimmten nur 36 Prozent diesem Satz zu. Das bedeutet für mich, dass die Empfänglichkeit für Verschwörungsmythen erhöht ist. Solche Einstellungen können gesellschaftlich destabilisierend wirken. Bei Maßnahmen der Krisenbewältigung muss man daher die Wahrnehmung der sozialen Gerechtigkeit immer auch im Blick haben.

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Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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