Ex-Obdachlose über Leben auf der Straße: „Ohne Wohnung zu sein ist teuer“

Caroline M. berät Obdachlose in Berlin, sie war selbst eine von ihnen. Ein Gespräch darüber, was es heißt, als Frau keine feste Bleibe zu haben.

Caroline M., fotografiert am Bahnhof Lichtenberg in Berlin

Caroline M., fotografiert am Bahnhof Lichtenberg in Berlin Foto: Stefanie Loos

Ein Mittwochvormittag vor dem Bahnhof Lichtenberg im Osten Berlins. Die Temperatur liegt knapp über null. In Arbeitskleidung, den orangenen Rucksack geschultert, kommt Caroline M. zum Gesprächstermin. Sie wird begleitet von ihrer Schwester Ute M. Die beiden waren selbst eine Zeit lang wohnungslos, inzwischen arbeiten sie als Obdachlosenlotsinnen für den gemeinnützigen Träger Karuna, sie helfen anderen Menschen auf der Straße. Sie grüßen die Männer, die mit Flasche in der Hand am Bahnhofseingang stehen. Laute Musik schallt aus einer Box. Auf einer Bank erzählt Caroline M. ihre Geschichte.

taz am wochenende: Frau M., kann man sich an Kälte gewöhnen?

Caroline M.: Wenn man nirgendwohin kann, geht es nicht anders. Als wir auf der Straße waren, sind wir oft in Cafés und Shoppingmalls. Die haben ja gerade zu, die Obdachlosen gehen im Moment eher in Tagesstätten. Wir sind manchmal auch S-Bahn gefahren, um nicht draußen zu sein. Nachts waren wir immer in Notunterkünften.

Auf der Straße zu leben kostet sicher viel Kraft.

Der Mensch

Caroline M., 47, ist gelernte Schneiderin. Sie wohnt derzeit in Berlin-Charlottenburg und arbeitet zusammen mit ihrer Schwester für den Verein Karuna als Obdachlosenlotsin.

Das Projekt

Die Obdachlosenlotsen sind Teil des sogenannten Solidarischen Grundeinkommens, eines Lieblingsprojekts des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen hat das Modell nichts zu tun, tatsächlich geht es um Beschäftigungsmaßnahmen. 1.000 Stellen hat der Senat geschaffen, sie sind sozialversichert und fair bezahlt. Die TeilnehmerInnen verrichten dabei gemeinnützige Arbeiten etwa in Kitas, als FahrgastbegleiterInnen oder im sozialen Bereich.

Wir waren todmüde. Wenn man obdachlos ist, kann man sich nie zurückziehen, man hat keinerlei Privatsphäre. Es gibt keine Pause und kein Wochenende. Jeden Tag muss man schauen, wo man bleibt. Und im Winter sitzt einem die Kälte in den Knochen. Das ist körperlich total anstrengend.

Es soll in diesem Winter in Deutschland schon über 20 Kältetote gegeben haben.

Das ist schlimm. Wir haben bei Karuna auch einen Bus, um Leute einzusammeln. Aber manche wollen einfach nicht in die Notunterkunft. Man kann sie nicht zwingen.

Wenn Sie jetzt zur Arbeit gehen, ziehen Sie sich warm an?

Ich habe heute eine Leggings drunter, eine zweite Jacke. Und einen Pullover. Ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber besser, als zu frieren.

Sie und Ihre Schwester machen bei einem Beschäftigungsprogramm des Senats mit. Sie sind seit September als Obdachlosenlotsinnen in der Stadt unterwegs. Was genau ist Ihr Job?

Bis Dezember sind wir Streife gelaufen, vor allem in Berlin-Lichtenberg. Das geht seit dem Lockdown nicht mehr. Auch wir müssen Kontakte reduzieren. Jetzt sind wir in Bereitschaft. Wenn Bürger anrufen und uns bitten, nach Obdachlosen zu schauen, dann fahren wir dort hin. Wir haben Erste-Hilfe-Sachen im Rucksack, wir verteilen Masken, Flyer oder warme Socken, wenn jemand sie braucht.

Erzählen Sie den Menschen, dass Sie selbst wohnungslos waren?

Dies ist ein Text aus der taz am Wochenende. Jeden Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Wenn ich mit ihnen ins Gespräch komme, schon. Man trifft sich dann auf einer anderen Ebene. Ich weiß ja, wie sich der- oder diejenige fühlt. ­Manchmal tut es schon gut, wenn man sich nur mit den Leuten unterhält. Hier in der Nähe gibt es ein Abbruchhaus, da wohnen Obdachlose. Vor dem ­Lockdown haben wir sie besucht, haben ­Kaffee mitgebracht und nach ihnen ­gesehen. Eine Klientin ist dort auf den Betonboden gestürzt und hat sich die Hüfte verletzt. Wir haben den ­Rettungswagen geholt, aber sie wollte nicht mit. Sie sitzt immer noch im ­Rollstuhl, kann nicht laufen. So ein Besuch geht aber gerade nicht, wegen Corona.

Welche Folgen hat die Pandemie für die Obdachlosen?

Es haben in Berlin einige Tagesstätten aufgemacht, die es vorher nicht gab, damit sich die Leute dort aufhalten können und nicht als Gruppen draußen rumstehen. Im Hofbräuhaus am Alexanderplatz ist jetzt ein Tagestreff. Das ist ganz schön da. Es haben auch mehr Notunterkünfte geöffnet.

Das klingt, als habe Corona für Obdachlose sogar Vorteile.

In Berlin ist das zum Teil schon so. Aber wirklich geschützt sind die Obdachlosen vor Corona nicht. Ich selbst war im Frühjahr in einer Notunterkunft, da ­haben sie die Bettenzahl halbiert. Wir waren trotzdem zu zweit in einem Zimmer.

Die Sozialsenatorin Breitenbach schlägt vor, Obdachlose in Notunterkünften frühzeitig impfen zu lassen.

Das kann man versuchen, aber es ist gut möglich, dass viele das nicht wollen.

Haben die Leute keine Angst vor Ansteckungen?

Viele machen sich gar keinen Kopf, die haben andere Sorgen. In einer ­Not­unterkunft kam ich zum Abend­essen, da sehe ich, wie eine Dame isst. Sie hat sich mit demselben Löffel, den sie vorher in den Mund gesteckt hat, aus der Schüssel nachgenommen. Ich habe sie angesprochen, dass das nicht geht wegen dem Virus, aber der war das egal.

Sie haben einen süddeutschen Akzent. Wo kommen Sie ursprünglich her?

Aus Münchberg in Oberfranken, das ist zwischen Hof und Bayreuth. Meine Eltern hatten dort eine Obst- und Gemüsegroßhandlung. Wir waren fünf Geschwister und hatten eine schöne Kindheit, in einem großen Haus.

Haben Sie einen Schulabschluss ­gemacht?

Natürlich, einen Hauptschulabschluss, danach eine Lehre zur Bekleidungsschneiderin. Ich habe in der Firma auch lange gearbeitet. Aber nicht als Schneiderin. Ich war für die Schnitte zuständig.

Wieso sind Sie weggegangen?

Bei uns war früher Textil ganz groß, aber die Fabriken wurden alle ins Ausland verlagert. Jobmäßig gab es keine Perspektive. Mein Vater ist schon lange tot. Dann ist meine Mama verstorben, zu ihr hatte ich ein gutes Verhältnis. 2014 habe ich meine Sachen gepackt und bin nach Berlin, da war ich 39. Von Bayern aus habe ich mir vorher über Ebay ein Zimmer zur Untermiete gesucht, in Biesdorf im Osten. Als ich ankam, musste ich feststellen: Der Typ wollte alles, nur keine Untermieterin.

Er wollte Sex?

Ja, natürlich. Da war ich eine Weile, aber da konnte ich nicht bleiben. Eine Zeit lang habe ich bei einer Bekannten gewohnt. 2015 ist auch meine Schwester mit ihrem Mann nach Berlin gekommen, zur Untermiete bei jemandem. Dann gab es da auch Probleme. Ende 2015 landeten wir zu dritt auf der Straße.

Die Schwester mischt sich ein.

Ute M.: Es geht so schnell, dass man auf der Straße landet, das glaubt man gar nicht.

Caroline M.: In der ersten Nacht auf der Straße haben wir uns in die Ringbahn gesetzt. Es war spät, wir waren total kaputt und sind alle drei eingeschlafen. Als wir aufwachten, waren die Koffer weg. Mit der Ute ihrem Ausweis. Wir haben alles verloren, was wir hatten. So sind wir in die Obdachlosigkeit eingestiegen.

Wann war das?

Im Winter 2016. Wir haben ungefähr ein Jahr zu dritt auf der Straße gelebt. Wir waren immer zusammen, haben uns nie getrennt. Alleine auf der Straße, das ist gefährlich in Berlin. Deshalb haben die Leute oft so große Hunde oder sind in Gruppen. Selbst zu dritt sind wir beleidigt worden, wir wurden in der Notunterkunft beklaut. Man muss mit dem Geld oder dem Handy in der Tasche schlafen, sonst ist es am anderen Tag nicht mehr da.

Wovon haben Sie gelebt?

Ich habe Hartz IV bekommen. Wenn man auf der Straße lebt, braucht man viel mehr Geld, als wenn man eine Wohnung hat. Das klingt blöd, aber ist wirklich so. Wenn man sich irgendwo hinsetzt, muss man was bestellen. Man kann nichts kochen, sondern muss immer was kaufen. Obdachlos zu sein ist teuer. Manchmal habe ich kleinere Jobs gemacht, habe Flyer verteilt oder geputzt. Zusammen haben wir auch als Probanden Studien mitgemacht an der Uni, so psychologische Tests.

Und, haben Sie was über sich erfahren?

Nö. Aber das war gut bezahlt, 20 bis 40 Euro. In der Notunterkunft kann man morgens und abends essen. Geduscht haben wir dort auch.

Sie wendet sich an ihre Schwester.

Haben wir ausgeschaut wie Obdachlose?

Ute M.: Nee.

Caroline M.: Ich denke auch nicht. Man bekommt in Berlin immer was zu essen und Kleidung, man kann sich waschen. Und trotzdem gibt es so viele, die dreckig sind und nicht gut riechen. Die haben sich aufgegeben. Und das vor langer Zeit. Bis man so riecht, das dauert. So war das bei uns nicht. Und wissen Sie, viele Obdachlose reisen ja mit Taschen und schwerem Gepäck. Wir haben nur das besessen, was wir wirklich brauchten. Klamotten, Taschentücher, Schminke, einen Kamm, Deo, mehr hatten wir nicht.

Was haben Freunde oder die Familie in Bayern dazu gesagt, dass Sie auf der Straße lebten?

Freunde in Bayern hatte ich nicht mehr. Die Familie hat gesagt: Kommt wieder heim.

Aber das wollten Sie nicht?

Nein.

Warum?

Weil ich Berlin liebe. Das Leben hier ist so ganz anders als bei uns. Bei uns ist alles eng, kleinbürgerlich, spießig. In Berlin kann man sein, wie man will. Die Menschen sind hier viel toleranter.

Sie waren lieber wohnungslos, als zurückzugehen?

Ja. Ich würde nie mehr zurückgehen.

Caroline M. dreht sich eine Zigarette, Raucherpause. Eine junge Frau mit Hund kommt vorbei, die Schwestern kennen sie. Bis vor Kurzem hat ein Mann unter der Bahnhofsbrücke geschlafen, die junge Frau hat ihm geholfen, in ein Wohnheim zu kommen, und kümmert sich jetzt um seinen Hund. Sie erzählt von der Entlausung. Dem Hund gehe es besser, dem Mann auch, er trinke viel weniger. Nach einer Zigarette verabschiedet sie sich.

Viele Obdachlose sind alkoholkrank oder nehmen Drogen. Wie war das bei Ihnen?

Damit hatten wir nichts zu tun. Wir waren auch nicht mit anderen Gruppen zusammen.

Sie haben andere Wohnungslose ­gemieden?

Wir haben uns nicht zu ihnen gesetzt. Natürlich kannten wir Leute aus den Notunterkünften. In der Storkower gab es eine Frau, die war sogar schwanger. Die hat immer am Alex gebettelt, die haben wir gegrüßt, wenn wir sie dort gesehen haben. Aber viel mehr Kontakte hatten wir nicht.

Haben Sie selbst gebettelt?

Wir haben es ein Mal probiert, am Rathaus Neukölln mit einem Becher. Das war so schlimm. Total beschämend. Die Leute sind nur an uns vorbei. Nach einer Stunde haben wir aufgehört, 30 Cent haben wir eingenommen. Manche können das ja sehr gut. Vielleicht waren wir zu sauber gekleidet. Das haben wir nie mehr gemacht.

Viele Leute machen einen Bogen um Obdachlose.

Ja, Tunnelblick geradeaus. Die meisten wollen mit solchen Menschen nichts zu tun haben. Neulich in der S-Bahn am Zoo kam die Sicherheit. Hinter mir saß ein Mann, der hat geschlafen. Sie haben ihn geweckt und rausgeschickt, er sollte auch den Bahnhof verlassen. Sie hatten einen Anruf bekommen, eine Person im Zug rieche übel. Ich kann schon verstehen, dass es unangenehm ist, wenn jemand riecht. Aber wo sollte er denn hin?

Vor einem Jahr hat die Senatsverwaltung in einer Januarnacht die Obdachlosen in Berlin versucht zu zählen, viele Teams waren unterwegs. Sie kamen auf knapp 2.000.

Wie wir die Zahl gehört haben, haben wir gleich gedacht, das kann nicht passen. Es sind in Wirklichkeit viel mehr. Vielleicht haben sie sich versteckt. Es gibt ja mehr Osteuropäer als früher in Berlin. Die verstehen die Sprache nicht und haben vielleicht Angst, was man von ihnen will.

Gibt es unter den Menschen auf der Straße eine Hierarchie?

Schon. Wir sind manchmal zum Essen zur Bahnhofsmission am Zoo. Da sind viele Polen. Einer von ihnen ist so groß und kräftig, vor dem haben alle Angst.

Es zählt die körperliche Überlegenheit?

So ist es. Je stärker, desto mächtiger. Ganz primitiv.

Die Schwester beugt sich herüber.

Ute M.: Als mein Mann noch bei uns war, hat uns niemand was getan. Aber als er weg war, waren wir Freiwild für die.

Ihr Mann war weg?

Ute M.: Die Familie meines Mannes kommt aus Rumänien. Er musste eine Zeit lang dort hin. Caro und ich ­blieben zusammen in Berlin. Solange mein Freund noch dabei war, war alles okay.

Caroline M.: Mein Schwager ist sehr stark, ein richtiger Bulle. Da hat sich niemand an uns rangetraut. Aber wie der weg war, ist uns das passiert. Mit Leuten, die wir schon kannten. Da war ich naiv und blauäugig, aber wer denkt von vornherein an so was.

Es kam zu Übergriffen?

Ute M.: Genau, mit K.-o.-Tropfen und lauter so Zeug.

Caroline M.: Da gab es jemanden, der hatte eine Wohnung, er hielt sich aber im Tagestreff für Wohnungslose auf. Er hat uns abends zum Essen ein­geladen. Das war ganz schlimm, da möchte ich gar nicht drauf eingehen. Heute würde ich nie mehr zu jemandem, wo ich nicht ganz genau weiß. Ich würde nie mehr was entgegennehmen, was ich nicht selber aufgemacht habe.

Es gibt heute mehr obdachlose Frauen als früher.

Ute M.: Selbst als Mann ist es schwer auf der Straße, als Frau schon zehnmal. Mein Mann kam zurück und hat dann bald zu arbeiten angefangen, wir haben auch eine Wohnung gefunden, eine schöne Wohnung, das war ein großes Glück.

Caroline M.: Ich habe ein paar Monate bei meiner Schwester und meinem Schwager in der Küche übernachtet. Aber das geht auf Dauer auch nicht. Ich war in Notunterkünften für Frauen. Ich habe auch Männer kennengelernt, bei denen ich auf der Couch übernachten konnte. Aber das ging irgendwann nicht mehr.

Dann passiert es wahrscheinlich, dass man nur mit jemandem zusammen ist, weil man dort schlafen kann, oder?

Das hat es auch gegeben. Manche ­Typen haben einen schon gequält.

Hat die Zeit auf der Straße Ihr Menschenbild verändert?

Auf jeden Fall. Ich bin vorsichtiger geworden. Wenn man keine Wohnung mehr hat, ist man ganz unten. Eigentlich würde man denken, dass es zwischen den Leuten auf der Straße irgendwie einen Zusammenhalt gibt. Den gibt es aber nur ganz selten. Die Obdachlosen besitzen fast nichts und beklauen sich trotzdem untereinander.

Wie sind Sie von der Straße weggekommen?

Sie glauben nicht, wie viele Wohnungen ich mir angeschaut habe, bestimmt über 100. Es heißt ja immer, dass die Vermieter es gut finden, wenn das Geld vom Jobcenter kommt, weil es dann sicher ist. Im Gegenteil: Wenn die gehört haben, Hartz IV, dann haben die abgelehnt. Ab Oktober 2018 war ich in einem Hotel in Friedrichshain. Ein Zimmer, 15 Quadratmeter, mit Dusche und Toilette. Das hat das Amt bezahlt. Dann habe ich beim Arbeitsamt von dem Job als Obdachlosenlotsin gehört. Ich wollte eigentlich im Juni 2020 anfangen. Aber das ging nicht.

Wieso nicht?

Das Hotelzimmer kostete pro Tag 35 Euro. Das sind im Monat rund 1.100 Euro. Wenn ich gearbeitet hätte, hätte ich die Miete selbst zahlen müssen. Dann hätte ich weniger Geld gehabt als mit Hartz IV. Ich konnte da also nicht bleiben. Als ich angefangen habe zu arbeiten, war ich in einer Notunterkunft. Meistens ist es ja so: Man braucht einen Job, um eine Wohnung zu finden. Und eine Wohnung, um einen Job zu finden. Aus der Spirale kommt man kaum raus.

Sie haben es geschafft.

Aber es war schwierig. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Seit ich das Arbeiten angefangen habe, hat sich alles zum Guten gewendet. Ich habe inzwischen auch eine Wohnung, allerdings befristet.

Jetzt beraten Sie andere Menschen auf der Straße.

Wir wären froh gewesen, wenn uns jemand gesagt hätte, wo was ist. Wir versuchen wirklich zu helfen. Wie viel Elend wir sehen, Läuse, Krätze, das tut in der Seele weh. Manche wollen trotzdem keine Hilfen. Sie sind aggressiv und fauchen uns gleich an. Mir geht das nach. Ich kann oft auch nach Feierabend nicht abschalten, das hab ich noch nicht im Griff.

Jetzt verdienen Sie so, dass Sie gut davon leben können?

Ich bekomme 1.590 Euro, die Steuern sind da schon abgezogen. Ich zahle auch Kirchensteuer. Wenn ich einkaufen gehe, rechne ich aus Gewohnheit, wie teuer es wird. Dabei muss ich eigentlich nicht mehr auf jeden Euro gucken.

Das EU-Parlament hat kürzlich eine Resolution verabschiedet: Bis 2030 soll die Obdachlosigkeit in der EU ­abgeschafft sein. Was halten Sie davon?

Ein schönes Ziel. Aber ich glaube nicht, dass es umsetzbar ist. Es gibt viele Obdachlose, die wollen so leben. Eine Wohnung ist für sie auch eine Verpflichtung. Die wollen draußen übernachten und vogelfrei sein.

Wie geht es bei Ihnen weiter?

Am 1. Mai muss ich raus aus meiner Wohnung. Ich muss bald wieder anfangen mit der Suche. Jetzt kann ich die Gehaltsabrechnungen vorweisen, dann klappt es hoffentlich besser. Ich hoffe, dass ich eine Wohnung finde nicht zu weit weg von meiner Schwester, wo ich endlich ankommen kann. Wo ich zu Hause bin.

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