Europameisterschaften im Turnen: Gegen das Gefühl der Nacktheit

Turnerin Sarah Voss zieht im Ganzkörperanzug die Blicke auf sich. Die jüngsten Misshandlungsvorwürfe werfen einen Schatten auf die EM.

Turnerin Sarah Voss beim Sprung über dem Balken

Im Wohlfühloutfit: Sarah Voss bei der EM hoch über dem Balken Foto: Georgios Kefalas/dpa

BASEL taz | Blicke bekommt man im Turnen in der Regel für herausragende Leistungen oder auch für bemerkenswerte Stürze. Ansonsten lässt diese Sportart mit ihrem strikten Reglement kaum Spielraum für Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen. Als die Niederländerin Céline van Gerner 2018 für ihre Bodenkür zur Musik von „Cats“ mit einem Make-up auflief, das in jeder Musicalvorführung beeindruckt hätte, wurde kurzerhand ein Paragraf ins Reglement aufgenommen, der für die Zukunft untersagte, was man in der Funktionärsriege offenbar als ein Übermaß an Individualität betrachtete.

Im Qualifikationsdurchgang der Turn-Europameisterschaft am Mittwoch in Basel gelang es Sarah Voss, Blicke auf sich zu ziehen – und zwar mit ihrem Turnanzug. „Ich habe so lange wie möglich die Jacke anbehalten, da sah es so aus, als hätte ich einfach noch eine lange Hose drunter“, sagte sie nach ihrem Wettkampf. Als sie dann vor dem Schwebebalken stand, in einem schwarz-roten Ganzkörperanzug, hatte sie alle Blicke sicher. Alle Blicke der anderen Delegationen zumindest, denn Zuschauer sind coronabedingt nicht zugelassen.

Sportlich hat es nicht so geklappt: Mit zwei Stürzen landete die WM-Finalistin von 2019 auf Rang 79 am Balken und verpasste knapp das Sprungfinale. Die Ursachen dafür sind jedoch keineswegs beim neuen Outfit zu suchen: Sie habe sich „sehr wohl gefühlt“, sagt Voss, sie sei „froh und auch stolz“, diesen Anzug zu tragen. Es war vielmehr eine zweiwöchige strikte coronabedingte Quarantäne, die Voss eine – wie sie formulierte – „holprige“ Vorbereitung beschert hatte. Teamchefin Ulla Koch zollte ihrer Athletin „Respekt“ dafür, dass sie entschieden hatte, überhaupt in Basel anzutreten.

Zurück zur Bekleidung: Die Reaktionen waren laut Voss positiv. Mitstreiterinnen aus Schweden hoben den Daumen, andere lächelten anerkennend und lobten den „schönen“ Anzug. Auch Ulla Koch beobachtete die Reaktionen. „Ich glaube, die meisten wissen gar nicht, dass wir lang tragen dürfen“, sagt die Cheftrainerin. Sie hatte den Impuls für die deutsche Initiative gegeben, nachdem ihr eine ihrer Athletinnen erzählt hatte, sie fühle sich in dem knappen Dress „manchmal fast nackt“. Da habe sie gedacht: „Da muss man auch als Trainerin reagieren.“ Es sei schließlich wichtig, dass die Athletinnen sich im Wettbewerb auch wohlfühlten. Also begann im Team während der ersten Coronaphase ein kreativer Prozess, wie denn ein solcher Ganzkörperanzug aussehen könnte.

Umstrittene Trainer

Die sonst so strikten Regularien der Turnwelt lassen dies bereits seit 2009 zu. Eine Änderung, zu der der Weltverband sich durchgerungen hatte, seit vermehrt auch Turnerinnen aus muslimisch geprägten Ländern, in denen der klassische Turnanzug zum Teil auf laute Kritik von Traditionalisten gestoßen war, auf internationaler Bühne auftreten. Es gab also in den vergangenen Jahren durchaus vereinzelte Auftritte von Athletinnen im Langdress. Auch sie bekamen Blicke, an zustimmende Anerkennung oder gar positive Kommentare kann sich allerdings niemand erinnern.

Ulla Koch, Bundestrainerin

„Ich glaube, die meisten wissen gar nicht, dass wir lang tragen dürfen“

Eine Frage des Kontextes also. Auf den war Sarah Voss bestens vorbereitet: Sie sprach über Eleganz, darüber, dass man größer, die Beine länger wirken würde; und vor allem darüber, sie wolle ein Vorbild für andere Turnerinnen sein, jenen Mut geben, die sich vielleicht auch im knappen Dress unwohl fühlen. Man würde hiermit gern einen Trend setzen, erklärte die 21-Jährige selbstbewusst.

Im Frauenturnen ist bekanntlich auch ohne Wettkämpfe im vergangenen Jahr viel passiert – Stichwort: die Netflix-Doku Athlete A, die internationale Bewegung #gymnast­Alliance, die Vorwürfe von Pauline Schäfer, die in Basel abiturbedingt fehlt, gegen ihre Chemnitzer Trainerin, Suspendierungen und Untersuchungskommissionen in etlichen Ländern. Das Thema ist auch in Basel präsent, und nicht nur unterschwellig.

So liefen die britischen Turnerinnen ohne ihre noch suspendierte Cheftrainerin auf. Die Bel­gie­rin­nen hingegen mit Trainerehepaar Marjorie Heuls und Yves Kieffer, das nach Veröffentlichung einer Untersuchung, die ihnen für die Vergangenheit „grenzüberschreitendes Verhalten“ bescheinigt, letzte Woche ein eher skurriles Entschuldigungsvideo veröffentlicht haben. Vincent Wevers, Vater und Trainer der Zwillinge Sanne und Lieke, sieht sich Beschuldigungen ausgesetzt, durfte aber seine Töchter in Basel betreuen. Auch sie bekamen Blicke am Mittwoch: Die 29-Jährigen qualifizierten sich mit beeindruckenden Vorträgen für das Balkenfinale am Sonntag.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben