Gewalt beim Turnen: Schläge und Essensentzug

Immer mehr Turnerinnen aus Großbritannien, Kanada und Australien berichten über Misshandlungen. Deutsche Athletinnen fehlen – noch.

Turnerin Becky Downie am Reck

Hat mit einem Tweet viel bewirkt: Vizeweltmeisterin Becky Downie aus Großbritannien Foto: Imago/Zuma

Es hätte so schön sein können dieser Tage: Superstar Simone Biles, die viele Goldmedaillen umgehängt bekommt und lächelt. Vielleicht eine Deutsche in einem olympischen Finale, das in diesen Tagen in Tokio stattgefunden hätte. Turnen ist eine jener Sportarten, die nur alle vier Jahre, bei den Olympischen Spielen eben, viel Aufmerksamkeit erfährt. Davor und danach schaut kaum jemand hin, und genau das wäre momentan einigen Verantwortlichen sicher lieber.

Doch seit der Veröffentlichung der Dokumentation „Athlete A“ über den Missbrauchsskandal um den US-amerikanischen Teamarzt Larry Nassar vor gut einem Monat gibt es fast täglich neue Schilderungen über den Trainingsalltag: Sie handeln von Erniedrigung und Beleidigung, Kontrolle und Druck, von ständigem Wiegen, Essensentzug, Training mit Verletzungen, Wettkämpfen mit Ermüdungsbrüchen und vereinzelt von Schlägen.

Den Anfang machte die Britin Becky Downie, 28, aktuell Vizeweltmeisterin am Barren, mit einem Tweet, in dem sie eine „Kultur, die nicht die Gesundheit und das Wohlbefinden des Athleten an die erste Stelle setzt“, verurteilt. Was sich seitdem unter dem Hashtag #gymnastAlliance sammelt, ist im Grunde nicht neu, aber in dieser Massivität beispiellos: Ehemalige und Aktive, darunter viele hochdekoriert, berichten von einer „Kultur der Angst“ – und das von Großbritannien über Kanada bis Australien.

Deutschland ist auf dieser Karte noch ein weißer Fleck. Bundestrainerin Ulla Koch ist, auf die Schilderungen der Britinnen angesprochen, nicht grundsätzlich überrascht. Aber doch über den Zeitpunkt: „Ich hab gedacht, dass solche Dinge dort der Vergangenheit angehören.“ Sie glaubt schon, „dass es immer wieder Menschen gibt, die verbal ihre Macht ausüben, um Druck auszuüben und Leistung zu fordern“. Aber das sei eben die Differenz zwischen besseren und schlechteren Trainern. Diese brauchen, sagt sie, „Fingerspitzengefühl“ und „Vernunft“. Doch für viele sei der Druck hoch, mit befristeten Verträgen und in einem System, das „nur Gold, Silber, Bronze belohnt“.

Die Freude am Turnen erhalten

Koch kennt die Kultur auch aus eigener Anschauung: „Ich kannte es früher gar nicht anders. Wenn man als junger Trainer damals auf die deutsche oder die internationale Bühne gegangen ist, da herrschte schon ein anderer Ton. Aber das ganze Erziehungssystem, ich bin jetzt 45 Jahre in dem Beruf, hat sich verändert.“

Koch ist seit 2005 Bundestrainerin, die erfolgreichste seit der Wiedervereinigung – mit Olympiabronze, einem WM-Titel und dem sechsten Teamrang bei den Spielen 2016. Heute sei sie überzeugt, dass es vor allem darum geht, dass ihren Athletinnen die Freude und der Spaß, der sie als Kinder irgendwann zum Turnen gebracht hat, erhalten bleiben. Zumindest in der aktuellen deutschen Generation scheint das funktioniert zu haben: Kim Bui ist 31, Elisabeth Seitz 26, Pauline Schäfer und Sophie Scheder 23 Jahre alt, kurzum: das komplette Team von Rio ist noch dabei.

Weltweit haben Verbände nun reagiert, sich überrascht und bestürzt gegeben und Untersuchungskommissionen versprochen. Der Weltverband FIG übt sich in Sonntagsreden: „All voices matter“, ließ Präsident Morinari Watanabe, IOC-Mitglied aus Japan, wissen und verwies auf die 2019 gegründete Ethik-Stiftung, an die man sich wenden könne.

Auch der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat – gewissermaßen vorsorglich – reagiert und sein Präventionskonzept zum Schutz vor sexualisierter Gewalt früher als ursprünglich geplant vorgestellt. 67 Seiten mit vielen wohlklingenden Sätzen, aber auch mit einem konkreten Interventionsleitfaden und unabhängigen Ansprechpartnern für die rund fünf Millionen Mitglieder des zweitgrößten deutschen Sportverbandes.

Alfons Hölzl, DTB-Präsident und selbst A-Trainer, sagt, er wisse darum, dass ein papierenes Konzept allein keine schlechte Praxis zum Verschwinden bringt: „Wir müssen sehr wachsam sein.“ Er wolle mit dem Konzept auch eine „Kultur des Hinschauens schaffen“. Im Moment immerhin schauen viele hin.

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