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Essay zu Tech-Narzissmus Palantir, Genesis und Apokalypse

Trumps Modell der Omnipotenz ist spätestens seit den Midterms ein Auslaufmodell. Die Tech-Narzissten Thiel, Karp und Musk denken über Raum und Zeit hinaus. Ihr Ziel ist nicht Macht, sondern Allmacht.

taz FUTURZWEI | Leben wir, wie es Ende der 1970er-Jahre Christopher Lasch diagnostizierte, im Zeitalter des Narzissmus? Mit Blick auf Leute wie Trump kann man dem nur zustimmen. „Er handelt so, als ob es für ihn eigentlich gar keine Regeln gäbe“, bescheinigt Der Spiegel. „Trump macht“, so der Text, „was ihm gefällt.“

Und eben dies gefalle seinen Anhängern. Der oberste Vertreter dieses regellosen Verhaltens erscheint in dieser Darstellung geradezu als die Ikone jenes „chaotischen, impulsgetriebenen Charakters“, der narzisstische Persönlichkeiten auszeichnet: Menschen, die, so Lasch, „über ein Gefühl innerer Leere (klagen). Zugleich unterhalten sie Fantasien eigener Allmacht und die feste Überzeugung, andere ausbeuten zu dürfen und ein Recht auf die Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben.

Im Über-Ich dieser Patienten überwiegen archaische, strafende und sadistische Elemente, und sie fügen sich gesellschaftlichen Regeln mehr aus Angst vor Strafe als aus Schuldgefühlen.“ Interessant angesichts der Prominenz, die Leuten wie Trump zukommt, ist die bislang übersehene Tatsache, dass sein Modell der Omnipotenz im Zeitalter der Tech-Revolution bereits weitgehend veraltet ist. Es ist faktisch ein Auslaufmodell. Amerika wieder groß machen? Aus Sicht der neuen Tech-Narzissten lächerlich!

Die Selbsterhebung zum Schöpfer

Ihr Vorstellungskosmos ist ganz anderer Art. Er orientiert sich nicht mehr an den traditionellen politischen Handlungsszenarien, sondern an den grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz – und stellt sie infrage. Das basale Modell allen menschlichen Handelns ist seine Einordnung in das Koordinatensystem von Zeit und Raum. Dieser grundlegende Handlungsrahmen wird in den Fantasien der Tech-Narzissten praktisch abgeschafft. So ist etwa der Blick von Elon Musk nicht mehr auf die öde alte, uns vorgegebene Welt gerichtet, sondern ein ganz neuer Lebensraum muss geschaffen werden. Warum nicht den Mars besiedeln?

Wer solche Projekte vorantreibt, ist kein Entdecker oder utopischer Denker mehr, sondern ein Schöpfer: der Schöpfer einer neuen Welt, die mit der alten nichts mehr zu tun hat. Dasselbe gilt für die Zeit. Der Tod gehört abgeschafft, das kurze Menschenleben ins Unendliche erweitert. Es geht um nichts weniger als Unsterblichkeit. Peter Thiel hat ebenso wie Jeff Bezos und Mark Zuckerberg Millionen in die Forschung für ein ewiges Leben investiert. Man muss diese Fantasien einer grundlegenden Veränderung der existierenden Welt ernstnehmen, um das Verhalten und die emotionalen Antriebskräfte dieser Weltenerneuerer zu begreifen. Es geht bei diesen narzisstischen Fantasien um die Schaffung einer neuen Welt: buchstäblich um Schöpfung.

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Dazu aber ist Selbstschöpfung die notwendige Bedingung. Diese Schöpfungsfantasie geht, wie man im Fall Thiel sehen kann, auf Erfahrungen zurück, die mit dem gängigen Modell narzisstischer Größenfantasien nicht mehr zu begreifen sind. Um das genauer zu verstehen, ist ein kleines psychoanalytisches aside notwendig. Wenn wir alltagssprachlich von„Narzissmus“ sprechen, so haben wir jene übersteigerte, für Kränkungen empfindliche Selbstliebe im Blick, die in der Psychoanalyse als „sekundärer Narzissmus“ bezeichnet wird. Der von Freud hypostasierte „primäre Narzissmus“ besagt, dass der Säugling, bevor er fähig ist, Objektbeziehungen einzugehen, sich selbst mit seiner ganzen Libido besetzt, was letztlich darauf hinausläuft, alleiniger Herr im eigenen Haus zu sein. Selbst das versorgende Objekt, also die Nahrung spendende Mutter, existiert für die Selbstwahrnehmung nicht. Es gibt in diesem Zustand nur ein Objekt: das sich selbst schöpfende Subjekt.

Das sich selbst schöpfende Subjekt

Die neuen Narzissten, so scheint es, kehren in gewisser Weise zu diesem Zustand zurück: als Ausgangspunkt, um daraus die Welt neu zu erschaffen. Dazu freilich ist es nötig, die vorgegebenen Lebenswege zu verlassen, sie gewissermaßen zu zerstören. In Peter Thiels Buch „Zero to One“ gibt es eine aufschlussreiche Passage, die dies illustriert. „Mein Weg war fest vorgezeichnet“, schreibt er im Rückblick auf seine Lebensgeschichte. Und erläutert das an der sich anbahnenden Berufskarriere. „Das große Los für angehende Juristen, das nur einigen Dutzend der jährlich zigtausenden Absolventen zuteil wird, ist ein Referendariat am Obersten Gerichtshof.“

Dr. Christian Schneider

Christian Schneider wurde 1951 in Hannover geboren. Studium der Philosophie, Soziologie und Psychologie. Promotion 1979 bei Oskar Negt. 1992 Approbation als Psychotherapeut. Danach Lehr- und Forschungstätigkeiten in Frankfurt, Italien und Kassel. Seit 2001 hat er eine Praxis für psychoanalytisches Coaching. 2009 realisierte er den Film „Herrenkinder“.

Thiel hatte beste Aussichten, diesen Platz zu ergattern, und er wusste: „Wenn ich diese Stelle bekam, so dachte ich, dann wäre meine Karriere gesichert. Doch es sollte nicht sein. Damals war ich am Boden zerstört.“ (S. 41) Thiel beschreibt diese Niederlage als einen Nullpunkt, der sein ganzes, ihm vorbestimmtes Leben aus den Angeln hob. Er hatte nur eine Chance: Es neu zu schaffen. In seiner Selbstdarstellung ist es der Beginn seiner persönlichen Schöpfungsgeschichte. Von diesem Zeitpunkt an galten die konventionellen Vorstellungen von Leben nicht mehr. Rückschläge dieser Art erleben viele Menschen. Was Thiels Umgang damit unterscheidet, ist die Radikalität, die Realität durchzustreichen. Am Boden zerstört sein bezeichnet bei ihm den – selbstgeschaffenen – Nullpunkt, von dem aus ein totaler Neuanfang möglich ist: Zero to One.

Palantir und die Frankfurter Schule

Eine Selbstschöpfung, an deren Ende ein Instrument stehen wird, das die totale Macht über das Leben „der anderen“ sichern soll. Palantir – das herausragende Resultat des neuen Zero-to-One-Narzissmus. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Parallele in der Lebensgeschichte des heutigen CEO dieser Firma. Alex Karp musste eine ähnliche Kränkung erleben wie sein Freund Thiel.

Karp, ein linker Intellektueller, hatte sich nach Deutschland aufgemacht, um Anerkennung bei dem wichtigsten Denker der Gegenwart zu erfahren. Er wollte bei Jürgen Habermas promovieren: eine Art intellektueller Ritterschlag, der die günstigste Ausgangsbedingung für eine akademische Karriere schien. Karp, begabt und fleißig, lernte dafür in Rekordzeit Deutsch und eignete sich die umfangreiche Theorietradition der Frankfurter Schule an, deren letzter großer Vertreter Habermas war.

Doch der lehnte es nach ersten Einblicken in Karps Arbeit ab, ihn als Schüler anzuerkennen. In einer Art Nachruf auf den verstorbenen Habermas schrieb Karp in der Welt: „Seine Ablehnung war unmissverständlich. Ich hatte nahezu ein Jahrzehnt an seinem Kolloquium am Institut für Sozialforschung verbracht und jahrelang versucht, meine Sprachkenntnisse zu verfeinern. Seine Entscheidung traf mich vollkommen unvorbereitet und verletzte mich tief. Der Schmerz darüber sollte lange nachwirken. Und doch bleibt mir aus dieser Erfahrung eben der Verweis auf jene produktive Schonungslosigkeit, die mich immer wieder daran erinnert, was uns als Kultur verloren gegangen ist.“ Die Parallele zu Thiel ist unverkennbar.

Das Scheitern an der Universität führt zur Weltneuschöpfung

Karp gab mit dem Scheitern der Promotion bei Habermas die akademischen Pläne auf, die sein Leben bis dahin bestimmt hatten, und begann ein neues. Eines, das auf „Schonungslosigkeit“ gebaut war und die herrschende Kultur außer Kraft setzen sollte. Auch hier ist der Umgang mit der narzisstischen Kränkung mit einer Neuerfindung seiner selbst verbunden, einer Neuschöpfung, die die „schonungslose“ Zerstörung des Alten, auch und gerade des alten Eigenen zur Voraussetzung hatte: Disruption.

Vielfach ist gefragt worden, wie sich dies auf die von ihm immer noch behauptete linke Gesinnung Karps auswirken sollte. Palantir, dem gemeinsamen Kind mit Thiel, kommt hier eine Schlüsselposition zu. Nicht zuletzt, weil hier mit den beiden Chefs, Thiel und Karp, prinzipiell unvereinbare Positionen und „Philosophien“ aufeinandertreffen. Thiels rechtsradikale Anschauungen sind bekannt.

Karp dagegen bekennt sich nach wie vor als Linker in der Tradition der Frankfurter Schule. Diese konträren Weltbilder lassen sich auf der Grundlage des neuen Tech-Narzissmus spielend vereinigen: Man erkennt im vermeintlich anderen sich selbst. Schonungslos. Und das Spiegelbild ist alles überstrahlende Macht. Palantir steht für die aus dem neuen Narzissmus geborene Allmacht.

In ihrem Glanz spielen die „alten“ Orientierungslinien von rechts und links keine Rolle mehr. Es geht um eine Neuschaffung der Welt aus der technologischen Allmacht der Kontrolle. Trump hat uns vorgeführt, dass bei seinem politischen Handeln eine Orientierung an Richtschnüren wie Logik, Widerspruchsfreiheit, Ehrlichkeit und Ethik keine Rolle mehr spielt. Die Tech-Narzissten gehen einen entscheidenden Schritt weiter.

Sie konfrontieren uns mit der Logik einer auf Zerstörung basierenden Neuschöpfung der Welt, in der selbsterschaffene göttliche „Allwissenheit“, die sich als universelle Kontrolle entpuppt, das alleinige Gesetz allen Handelns ist.

Dieser neuaufgelegte „Primärnarzissmus“ des Zero-to-One kann nur eins sein: schonungslos. Alles andere wäre ein Rücksturz ins verachtete Alte. Was das politisch bedeutet, ist in Karps Buch über die Technological Republic nachzulesen.

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