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Erziehungswissenschaftler über Autorität„Autoritäres Verhalten ist immer ein Zeichen der Schwäche“

Autorität bedeutet nicht nur Unterdrückung, sagt Wissenschaftler Roland Reichenbach. Warum Autorität notwendig ist – und was sie von Macht unterscheidet.

Sehnsucht nach Autoritäten: Russische Veteranen verneigen sich vor Wladimir Putin Foto: Alexander Zemlianichenko/AP

Interview von

Finja Schmidt

taz: Herr Reichenbach, ist Autorität eigentlich nur schlecht?

Roland Reichenbach: Auf keinen Fall. Sie wird zwar mit Recht kritisiert, allerdings sollte man zwischen den verschiedenen Autoritätskonzepten unterscheiden. Es ist ein Phänomen im Leben der Menschen, das sowieso existiert. Egal, wie man darüber nachdenkt.

Bild: privat
Im Interview: Roland Reichenbach

63, ist Schweizer Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich und forscht zu Bildungs- und Erziehungsphilosophie.

taz: Ab wann ist Autorität legitim?

Reichenbach: Der Begriff Autoritas kommt ursprünglich aus der Antike und bezeichnete den Rat der Älteren. Dieser hatte zwar nicht die Macht, etwas umzusetzen, jedoch war er wie ein Berater. Jüngere sollten ihm zuhören und vor allem auf seine Erfahrung achten. Autorität ist die Anerkennung von Anderen, die mehr Wissen und Erfahrungen haben. Zunächst bezeichnet sie eine Beziehung, in der jemand den anderen akzeptiert und die Autorität in einem bestimmten Bereich legitimiert.

taz: Ist Autorität etwas Notwendiges oder Problematisches?

Reichenbach: Es ist etwas Notwendiges, damit wir den Menschen, die glaubwürdig sein sollten, auch Vertrauen schenken können und deren Autorität „anerkennen“. Es wird dann problematisch, wenn die Anerkennung nicht mehr erhalten wird. Dann werden die Menschen in der Regel autoritär. Das autoritäre Verhalten ist immer ein Zeichen der Schwäche und ist deswegen problematisch. Wenn Eltern und Vorgesetzte autoritär werden, erkennen Kinder und Mitarbeitende sie nicht mehr als Führungsautorität an.

Es scheint ein großes Bedürfnis nach Autoritäten zu geben, ansonsten wäre der vorherrschende starke Autoritarismus in dieser Welt kaum nachvollziehbar

taz: Warum neigen Menschen dazu, sich Autoritäten trotzdem zu unterwerfen, selbst wenn diese ihnen schaden?

Reichenbach: Leider ist der Unterschied zwischen geführt werden und verführt werden nicht ganz klar. Es scheint ein großes Bedürfnis nach Autoritäten zu geben, ansonsten wäre der vorherrschende starke Autoritarismus in dieser Welt kaum nachvollziehbar. In der Politik und in einer funktionierenden Demokratie ist Autorität auch gar nicht wegzudenken, denn die Begriffe bedingen sich. Das autoritäre Verhalten ist im Gegenzug undemokratisch. Denn wenn zum Beispiel die Regierung autoritär wird, dann hat sie Angst vor ihrem Volk und will die Anerkennung herstellen. Aber das funktioniert nicht, denn ein Teil dieser positiven Anerkennung der Autorität muss freiwillig sein.

taz: Zum Beispiel?

Die Autorität meines Arztes akzeptiere ich, aber er kann mir nicht anderen Bereichen sagen, wie ich das Leben zu führen habe. Bei den Eltern ist das evolutionär bedingt, dass wir die Bereitschaft von Geburt an haben, uns führen zu lassen. Wir müssen den Erfahrenen vertrauen, anders können wir nicht überleben.

Podiumsdiskussion

Psychoanalytischer Salon „Autorität“ mit Roland Reichenbach und Torsten Maul, 11. Februar, 19 Uhr, Mojo Club, Reeperbahn 1, Hamburg

taz: Also ist Autorität eine gesellschaftliche Organisationsform?

Reichenbach: Letztendlich schon, aber nicht geführt von einzelnen Personen, sondern von der Bürokratie und den Gesetzen selbst. Diesen unpersönlichen Autoritäten unterwerfen wir uns, ob wir wollen oder nicht. Jedoch können unpersönliche Autoritäten wie die der Wissenschaft, der Macht oder der Medien auch problematisch werden, da sie große Wirkung haben. Wir müssen diese Regelsysteme dulden und können sie nicht beeinflussen.

taz: Wie unterscheiden Sie zwischen Autorität und Macht?

Reichenbach: Macht beschreibt ein asymmetrisches Verhalten, denn Menschen sind abhängig voneinander. Man kann nicht genau sagen, wo die Macht liegt, denn letztlich sind auch Eltern abhängig vom Kind und Lehrende sind abhängig von ihren Schülern. Autorität ist das Mittel, das diese Asymmetrie legitim erscheinen lässt.

taz: Welche Missverständnisse über den Begriff Autorität sind am meisten verbreitet?

Reichenbach: Die Autoritätskrise der modernen Welt ist die, dass wir eine Gleichheit voraussetzen, die so nicht existiert. Wir kommen asymmetrisch auf die Welt und selbst wenn dein Arbeitgeber sagt „Wir haben das zusammen beschlossen“, dann ist dies unwahr. Man musste zustimmen, weil man Mitarbeitende ist. Autorität bestimmt, wer gehorchen muss.

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