Erweitertes Klimahaus: Windkraft-Lobby ist zu Besuch

Das Klimahaus in Bremerhaven bekommt ein „Offshore Center“. Das von öffentlicher Hand finanzierte Projekt soll für die Windenergie-Branche werben.

Soll bald möglich sein: Mit dem Helikopter zum virtuellen Windpark-Rundflug. Bild: Erlebniskontor/ Klimahaus

BREMEN taz | Als ein „doppeltes Bekenntnis zur Offshore-Windenergie und zum lokalen Tourismusstandort“ bezeichnete Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz den Baustart des „Offshore Centers. Meer – Wind – Energie“ in der vergangenen Woche. Die an das „Klimahaus Bremerhaven 8° Ost“ angeschlossene Ausstellung soll im Herbst eröffnet werden. Sie soll nicht nur über die technischen Errungenschaften der Industrie informieren, sondern sie ausdrücklich auch bewerben.

Bauherr Nils Schnorrenberger von der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung sprach von der Faszination durch Technik und versteht darunter vor allem große Zahlen: 160 Meter hoch sind die Windmühlen der Offshore-Parks, ihre Verankerungen sind 40 Meter tief im Meeresboden. Ihre Gondeln erreichen fast die Größe von Einfamilienhäusern. Die Vermittlung solcher Größenordnungen will die neue Ausstellung leisten. So soll etwa ein virtueller Helikopterflug die Klimahaus-Gäste raus aufs Meer zu einem Rundflug über einen Windpark führen.

Verunsicherte Branche

Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost besteht seit 2009 und ist neben dem Nordsee Science Center das zweite naturwissenschaftliche Ausstellungshaus in Bremerhaven. Initiiert wurde das Haus im Hinblick auf den Klimawandel. Themen wie Klima, Klimawandel und das Wetter werden in den vier Ausstellungsbereichen Reise, Elemente, Perspektiven und Chancen näher beleuchtet. Eine Entdeckungsreise entlang des 8. Längengrads Ost soll den Besuchern die Möglichkeit geben, die wichtigsten Klimazonen der Erde zu erleben. Bemüht ist das Klimahaus Bremerhaven darum, die Menschen für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Rund 500.000 Menschen besuchen das Museum pro Jahr.

Solch positive Publicity kann die Branche gut brauchen, die durch anhaltende Diskussionen über die Höhe der Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien verunsichert ist. Lokale Firmen unterstützen das Informationszentrum zur Windenergie auf hoher See mit Fachwissen und Geld. Sie wollen die Räume später auch selbst als repräsentativen Veranstaltungsort für Empfänge oder Verhandlungsgespräche nutzen.

Bremerhavens Bürgermeister Grantz sagte mit Blick auf diese Investoren, dass das Tief zwar noch nicht überwunden, die Lage aber zumindest perspektivisch gut sei: Ab 2015 werde die Industrie wieder mit Hochdruck an neuen Parks in deutschen Gewässern bauen. Auch für den Export der Technik sehe es gut aus. Es ging Grantz aber nicht nur ums Geld. „Ohne Offshore ist die Energiewende nicht zu haben“, sagte er. Technischer Fortschritt und Umweltschutz werden hier zusammen beworben.

Dabei ist die ökologische Begeisterung für die Offshore-Technologie nicht unproblematisch. Die Umweltverbände Nabu und BUND hatten erst im April gemeinsam gegen bereits erteilte Genehmigungen für den Bau von vier Windparks geklagt. Diese Parks liegen in Gebieten, in denen Schweinswale leben, die massiv unter dem Bau- und Betriebslärm leiden, so die Umweltschützer. Probleme, die auf der Ausstellung im Klimahaus an zwei Mitmachstationen erläutert werden.

Überhaupt setzt die 340 Quadratmeter große Ausstellung auf Eigeninitiative: An den 17 Stationen müssen jeweils eigene Zugänge gefunden werden. Bei der Einstimmung im Bereich „Vision“ etwa laufen Audiokollagen, die assoziativ ins Thema Offshore einführen. Später auf dem Rundweg lassen sich Filmclips zur Konstruktionsweise der maritimen Windparks betrachten. Auf einem Stadtplan Bremerhavens sind die ortsansässigen Firmen verzeichnet. Der Bereich „Auf See“ informiert über die Schwierigkeiten, die Anlagen zu montieren und zu warten – hier wird dann auch der Helikoptersimulator zu finden sein. Der letzte Bereich – „Zahlen und Fakten“ – soll Daten zu verschiedenen Parks vermitteln.

Strukturschwache Region

An der „Windlounge“ wird derweil noch gearbeitet. Das wird eine 95 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche mit einem Fensterdurchbruch hinunter ins Foyer des Klimahauses. 300.000 Euro steckten private Förderer in das gesamte Projekt, ein Vielfaches steuert die öffentliche Hand bei: 1,7 Millionen Euro geben Land Bremen und die EU. Diese Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung sind für den Ausbau strukturschwacher Regionen gedacht – außerdem arbeiten in Bremerhaven mittlerweile mehr als 3.000 Menschen in der Windkraftbranche.

Grantz hofft, dass vom Offshore Center etwas Identitätsstiftung ausgehen wird. Schnorrenberger ergänzt: Wenn öffentliches Geld genutzt werde, um über eine kontrovers diskutierte, ökologisch und wirtschaftlich relevante Technologie zu informieren und die jährlich 500.000 Besucher des Klimahauses anzusprechen, sei das eine „Win-win-Situation, über die man sich glücklich schätzen kann“.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de