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Die WahrheitHände unter der Decke

Kuscheln im Winter hat viel zu tun mit unseren ureigensten körperlichen Greifwerkzeugen, nein, nicht die Füße: Frontbericht aus dem Bett.

W enn es draußen so richtig kalt ist, erwachen meine Hände im Winter unter der Bettdecke zum Leben. Nicht, was Sie jetzt vielleicht denken. Zu diesem Teil des Lebens erwachen sie nicht. Meine Hände beginnen ein schönes Leben, eingehaucht durch die pure Gemütlichkeit, die es mir bereitet, sie unter der Decke zu verstecken.

In den ersten Wochen streunen sie wild unter der Bettdecke umher, erkunden alle Ecken und verkriechen sich in allen Ritzen. Manchmal, wenn eine der Hände besonders mutig ist, kommt sie hoch, drückt kurz meine kalte Nase, während die andere besorgt auf sie wartet. Dann verkriechen sie sich schnell wieder, jetzt wohlig schaudernd, ins Warme. Andere Male können die Hände ihre Neugierde nicht zügeln und lugen an den Seiten der Bettdecke heraus. Bevor sie die Kälte richtig spüren, hat sie meist schon der Anblick der unfassbaren Weite der Welt in die Sicherheit ihrer wohligen Behausung zurückgetrieben. Erschöpft kuscheln sie sich, wo sie gerade zufällig sind, aneinander und schlafen friedlich ein.

Ein paar Wochen geht das so, dann haben sie sich an ihr neues Leben gewöhnt. Sie werden ruhiger, bleiben länger still an ihrer Lieblingsstelle liegen, bevor sie Finger an Finger unter der Decke umherstreifen. Sie kennen natürlich alle Orte schon aus ihrer Jugend, aber jeden Abend entdecken sie sie neu: Gemeinsam betrachten sie ehrfürchtig das zentrale Bergmassiv, gemeinsam genießen sie, eng aneinandergeschmiegt, den kalten Wind, der vom Kopfende der Decke nach unten zieht. Hin und wieder ringen die Hände, spielen Fangen oder Verstecken, aber die Gewissheit der Nähe der anderen macht sie gelassener. So zieht es sie manchmal auch allein in eine Ecke, wo sie dem nachhängen, was ihnen gerade so unter den Nägeln brennt. Allein zu Bett gehen sie allerdings nie.

Morgen ist der Platz eh wieder verwurstelt

Sind so ein paar weitere Wochen oder Monate friedlich ins Bett gezogen, ist das Leben der Hände größtenteils berechenbar geworden. Geht die Linke ihrem Hobby nach, das freie Stück Matratzenbezug zwischen Bergmassiv und Bettdecke gewissenhaft zu glätten, schaut die andere ihr von ihrem hochgelegenen Lieblingsplatz dabei zu und fragt, was das denn solle, morgen sei der Platz doch eh wieder verwurstelt. Immer öfter spazieren sie allein durch die Weite der Bettlandschaft, doch nie, ohne sich bei einer zufälligen Begegnung zärtlich über den Rücken zu streichen.

Am Ende des Winters zieht es die Hände wieder stärker zueinander. Immer seltener verlassen sie ihr Nest an der warmen Flanke des Bergmassivs, immer öfter erzählen sie von ihren Streifzügen an den Rand des Bettes oder ans Ende der Berge. Und wenn sie merken, dass die Luft außerhalb der Bettdecke immer wärmer wird, schlafen sie eng umschlungen ein. Bis zum nächsten Winter.

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