: Erinnerung an die Literatur der Selbstbefragung
Könnte es wieder eine Zeit der aus der Mitte heraus in Nahbeziehungen wühlenden Romane werden?
Von Dirk Knipphals
Vielleicht ist es ganz gut, einmal ein paar Schritte von der aufgeheizten aktuellen Debattenlage zurückzutreten und, zum Beispiel, auf die deutschsprachige Literatur der 1970er Jahre zu schauen, auch wenn sie nicht nur einen guten Ruf hat. Zwar hat sie einige Klassiker hervorgebracht (die ersten Bände der „Jahrestage“, „Malina“, Handke-Bücher, Uwe Timm) und einige Subkulturhelden auch (Rolf Dieter Brinkmann, Bernward Vesper), aber dieser Literaturepoche wurde auch Nabelschau vorgeworfen, ein Bohren in Gefühlen und im Alltäglichen. Neue Innerlichkeit wurde das genannt oder härter: Authentizitätsterror. Spätestens der Generation Golf waren das alles sowieso Hippie-Issues.
Doch lässt es sich auch anders erzählen. Folgendermaßen: Die politischen 68er hatten die Literatur insgesamt in Frage gestellt. Als 68 aber als Revolution gescheitert war und die Kader einen Backlash analysierten, begann die Literatur tiefer zu schürfen. Große, schmerzhafte Auseinandersetzung der Nachgeborenen mit den Nazivätern, ein Umgraben der Geschlechterverhältnisse und familiärer Nahbeziehungen – es war eben kein Rückzug ins Private, sondern ein verschärfter Blick darauf. Und zugleich der Versuch, damit nach einer neuen Autorität für die Literatur zu suchen in unterschiedlichen Konstellationen von Gesellschaftsbeschreibung und Psychologie, Beziehungsarbeit und Familienaufstellungen.
Nun gibt es, wenn man tatsächlich von weit weg auf die aktuelle Lage schaut, gegenwärtig gewisse Ähnlichkeit mit der Situation nach 1968. Was damals marxistisch grundierter politischer Protest war, ist in dieser Sicht #MeToo und Woke 1.0: eine Infragestellung der gesellschaftlichen Strukturen von Grund auf. Der Furor beider Bewegungen erklärt sich aus der Massivität ihrer Gegner. „Eine leisere Sprache versteht die Macht nicht“, hat Rainald Goetz dazu gesagt. Und, weitere Analogie, so wie schließlich damals lässt sich auch heute ein Backlash identifizieren. In neuer Gestalt schlagen die alten Autoritäten zurück.
Und was macht die Literatur? Könnte jetzt wieder eine Zeit der in Nahbeziehungen wühlenden Romane anbrechen? Teilweise sind sie längst da und heißen Autofiktion. Viele dieser Bücher drehen sich um die Herstellung von Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen. Was seine Berechtigung hat. Doch man kann auch den Eindruck haben, die Mehrheitsgesellschaft würde die in der Moderne notwendige Selbsthinterfragung an diese Gruppen delegieren. Die Literatur der 1970er Jahre jedenfalls trieb noch ein anderer Glutkern an: Selbsthinterfragung auch und gerade aus einer Position heraus, die heutzutage als „Mitte“ beschrieben wird. Diese Selbsthinterfragung machte erst die Aufhellung der reaktionären Strukturen möglich. Impulse dazu gibt es auch in der Gegenwart („Lasst mich durch, ich bin Arztsohn“). Es ist vielleicht Zeit, die gesellschaftliche Selbstbefragung als literarisches Projekt der gesellschaftlichen Mitte neu zu entdecken.
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