Erinnerung an US-Folksänger Phil Ochs: Poet der Nach­richten­­übermittlung

Am Samstag würde Phil Ochs seinen 80. feiern. Der Protestsänger führte die ­Bewegung gegen den Vietnamkrieg und schrieb Psychedelicsongs.

Phil Ochs bei einem Konzert im Mill Valley, Kalifornien 1968 Foto: Alice Ochs/Michael Ochs Archives/getty images

All the News that’s Fit to Sing“. Mit dem Titel seines Debütalbums hat Phil Ochs 1964 den Anspruch des Topical Songs auf den Punkt gebracht. Poesie als Nachrichtenübermittlung. Die minimale Abweichung vom Motto der New York Times erklärt, dass nur der Unterschied der Medien (Print/Gesang) den üblichen journalistischen Wahrheitsanspruch übertrifft, wenn die jungen Leute im Greenwich Village der frühen 1960er das Wort ergreifen: Für Zorn und Empathie steht der Gesang, den Rest besorgt die empörende Nachrichtenlage in den Südstaaten und in Vietnam.

Der Topical Song, also der gegenstandsbezogene, gewissermaßen journalistische Song meinte einerseits den Song einer Bewegung, der auf Demonstrationen und bei Streiks gesungen werden konnte, ohne einer Person, einem Autor zu gehören oder dessen individuelle Gefühle zu betonen; zum anderen aber den Resonanzraum dieser spezifischen politischen Öffentlichkeiten mit der emotionalen Ansteckung durch gesungene Worte zu verbinden, um politische Ereignisse und Zusammenhänge bekannt zu machen. Für diese Verbreitung brauchte man dann aber irgendwann das Aufnahmestudio, das Radio und in letzter Konsequenz Fernsehen und Plattenfirmen.

Dabei entwickelte der Topical Song eine besondere Dialektik: Der Überbringer der (politischen) Botschaft wird nun nicht nur wegen seiner Inhalte oder seiner Formen, sondern wegen seiner technisch aufgezeichneten Körperlichkeit geliebt: Stimme, Performance, Attitüde. Zwei Vertreter dieser oft Protestsänger genannten Szene verkörperten die beiden Alternativen: der coole, näselnde König großer Gesten und lakonischer Performance-Formeln Bob Dylan und der extrem gegenstandsbezogene, ernsthafte Aktivist und hochbegabte Handwerker nicht nur des Reims, sondern auch des musikalisch wohlgesetzten Pathos, Phil Ochs. Beide sind jüdische Intellektuelle aus der Provinz, beide sind Fans afroamerikanischer und anderer arbeiterbewegter Topical Songwriter (Woody Guthrie, Leadbelly, Cisco Houston) und sie bewundern einander.

Scharfsinnige Anklage der Liberalen

Aber ab 1965 gehen sie ziemlich getrennte Wege. Wo der eine seine durch globalen Massenerfolg glitzernd gespiegelte Subjektivität in langen entspannt, assoziierten Surrealismen zu elegant gleitenden Hammondorgelakkorden ausprobiert, lässt der andere keine noch so unbedeutende Gewerkschafts- oder Anti-Vietnam-Versammlung aus und klagt scharfsinnig all die in der Folk-Szene so zahlreichen „Liberals“ an, die mit John F. Kennedy einen „verlorenen Vater“ betrauern und zugleich meinen, Malcolm X hätte nur bekommen, was er sich selbst zuzuschreiben hatte. Ochs wird in dem Maße immer verwickelter mit den politischen Leidenschaften seiner Zeit, in dem Dylan zu rätseln und zweifeln beginnt. Der Gegenstand da draußen in der Welt, der Topic ist Dylan abhanden gekommen.

Auch Ochs zieht nach 1965 und zwei klassischen, musikhandwerklich makellosen Protestfolkalben und einem Live-Album auf Elektra andere Saiten auf. Während er politisch immer massiver in die Kämpfe seiner Zeit hineingerät, reagiert er künstlerisch mit einem anderen Schritt. Statt wie die Stars gewordenen (Ex-)Politicos auf seine individuelle Stimmcharakteristik, sein durchaus gewinnendes Äußeres oder seinen Stegreifhumor setzt er auf die Sorte Kunstlied, die von Acid und amerikanischer Klassik (Charles Ives), Great American Songbook und Musical beeinflusst sich als poe­tische Alternative zu E-Gitarren, coolen Schweineorgeln und dem Memphis Blues again entwickelt hatte.

Ochs wechselt zu Herb Alperts A&M Records und klingt nun in seinen komplexen, gerne an der Zehnminutengrenze schrammenden, tragisch-ratlosen Balladen mal wie der junge Tim-Buckley ohne dessen Primanerlyrik, mal wie die mäandernden Songdichtungen der neuen Warner-Brothers-Songwriter: Der Gott barocken Songwritings und postkolonialen Pops, Van Dyke Parks, wird zu seinem Produzenten, Arrangeur, Keyboarder und kriegt den Credit „Hero of the Revolution“.

Schillernde Bitterkeit

Ochs ist nach Kalifornien gezogen, nachdem „New York explodiert und gegen meinen Kopf geknallt“ war, wie es in „A Tape From California“(1968) heißt. Der Umzug bleibt ein Quell der schillernden, wenn auch anfangs sehr produktiven Bitterkeit, die nun mehr und mehr an die Stelle des gerechten Zornes tritt: „The World Began in Eden and Ended in Los Angeles“. Deren Gipfel markiert schon 1967 der Jahrhundertsong „Crucifixion“. Noch mal geht es um JFK, auch dessen Bruder und Martin Luther King, auch Dylan, für den es nun auch lebensgefährlich sei, eine Bühne zu betreten, und um eine strukturelle Neigung Amerikas, sich Konsens per Heldenverehrung zu erschaffen, um sich für dessen Misslingen an den Personen zu rächen, die diesen verkörpern sollen.

Und damit wäre Ochs genau bei dem neuen, auf Körper, Stimmen, Look und Appeal aufgebauten lebensgefährlichen Ruhm angelangt, mit dem die massenmedial übertragenen Körper der Sixties-Pop- und Politstars ausgestattet wurden – doch er spricht hier auch von sich selbst: Ein unglücklicher Messias, der sein Volk nicht wirklich erreicht, Glanz und Glorie der medialen Effekte mit politischen Missverständnissen bezahlt.

Mit immer gediegenerem Songhandwerk wie mit theatralen Gesten versucht Ochs dieser Eigendynamik des Medialen beizukommen, die ihm politisch wie psychologisch unheimlich ist. Auch dafür steht „Crucifixion“, wenn der Vintage-Minimalist, emersonianische Elektroniker (Ralph Waldo! Nicht Keith) und Soundtüftler Joseph Byrd (bekannt von The United States of America und Joe Byrd & The Field Hippies) sein elektronisch-verzweifeltes Möwenkreischen auf das antike Klagen von Phil Ochs loslässt.

Sarkasmus mit Elvis-Zitat

Die letzten beiden Studiowerke sind dann Konzept­alben in einem merkwürdigen Sinne: Mit „Phil Ochs Greatest Hits“ (1970) – die keine Greatest Hits enthält, sondern nur hochambitioniertes Neues – zitiert er das später auch von Blumfeld aufgegriffene Cover der Elvis-Compilation mit dem Goldlamé-Anzug („50.000.000 Elvis-Fans Can’t Be Wrong“, 1959) und schreibt sarkastisch auf die Rückseite „50 Phil-Ochs-Fans Can’t Be Wrong“. Dabei macht er sich nicht einfach über Kulturindustrie und Massenproduktion und den kapitalistischen Terror der großen Zahl lustig: Er hat Elvis geliebt, diverse Tollen ausprobiert und wäre mit seinen hochkunstvollen, durchargumentierten Balladen auch gerne auf Nummer eins gelandet. Er sang für das Volk.

Auf „Rehearsals For Retirement“ (1969) steht sein eigener Grabstein im Mittelpunkt des Covers, gestorben ist er demzufolge 1968 in Chicago – als sein Engagement auf dem Höhepunkt war. Und genau dieses Engagement, das mit kognitiven Dissonanzen nicht umgehen konnte, war sein Dilemma. Er wollte, ganz zu Recht, zwei Dinge zugleich: die coole Verführung seiner Rock-beeinflussten Posen und die ultraaufrichtige Wahrheitspeinlichkeit seiner Yeats verehrenden Polit-Balladen, Dylan und Joan Baez, das Kunstlied und den goldenen Lamé – das alles aber in einem Denk- und vor allem Gefühlsstil, der Wahrheit nur als einstimmige, aufrichtige, widerspruchsfreie Haltung kannte.

Beim Parteitag der Demokraten in Chicago im August 1968 – seinem „Todesdatum“ – besorgte er das Schwein Pigasus, das die Spaßlinksradikalen der Yippies um Abbie Hofman und Jerry Rubin zum Präsidentschaftskandidaten nominierten. Aber Ochs hatte auch ganz realpolitisch für den demokratischen Kandidaten Eugene McCarthy gekämpft, dem er zutraute, nicht nur das US-Parteiestablishment zu überzeugen, sondern auch tatsächlichen den Krieg in Vietnam zu beenden. Und dieser Krieg war sein Mittelpunkt. In Aaron Sorkins vor Kurzem auf Netflix angelaufenen „The Trial of the Chicago Seven“ (mit Sacha Baron Cohen als Abbie Hofman) kommt Ochs leider nicht vor, dabei hatte er in genau dem Prozess einige denkwürdige Auftritte. Er konnte sein, was er immer wollte: ein Zeuge.

Benefiz für Greenpeace-Gründung

Seine Zerrissenheit hat ihn umgebracht, aber er musste dafür erst ein Alter Ego finden und zu seinem Mörder ernennen, einen Nachfolger für den frühvollendeten Gerechten und den vergeblich ruhmsüchtigen Tollenträger. In den 1970ern war er noch an Aktionen wie dem Gründungsbenefiz für Greenpeace beteiligt, agitierte mit John Lennon, Yoko Ono und Joan Baez, immer wieder auch im Goldlamé-Anzug. Zugleich hatte er sich in Kämpfe in Afrika und Südamerika persönlich hineinbegeben. Als er in Tansania überfallen wurde, verlor er einen Teil seiner Stimme; in Allendes Chile freundete er sich unter anderem mit Victor Jara an. Dessen Ermordung durch das Pinochet-Regime hatte ihm sehr zugesetzt.

Als der alles bestimmende Vietnamkrieg dann 1975 wirklich vorbei war, dreht er durch, bewaffnete sich und trat ein paar Mal als John Butler Train auf – Train, so Ochs, habe Ochs ermordet und würde ihn nun ersetzen. 1976 nahm er sich das Leben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben