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Erica ZingherGrauzoneIn der Ukraine gibt es keine sicheren Orte mehr

Foto: Stefanie Loos

Mitte der Woche stolperte ich im Internet über einen Gedanken, den ich nicht mehr abschütteln kann: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, wird es alles zerstören, bis nur noch die Erinnerungen bleiben.“ Im vierten Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist so ein Satz keine Zuspitzung mehr, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung.

Mitten am Tag griff Russland am Dienstag mit Hunderten Drohnen an, darunter das historische Zentrum von Lwiw. Lwiw, eine Stadt näher an der polnischen Grenze als an der Front im Osten, die mehr als 1.000 Kilometer entfernt ist, Unesco-Weltkulturerbe, Symbol einer vielfältigen europäischen Geschichte. Nur durch Zufall gab es keine Toten, aber Verletzte. Ein Wohnhaus brannte, Trümmerteile flogen durch die Luft, zerstörten Autos und Geschäfte, auch die St.-Andreas-Kirche aus dem 17. Jahrhundert wurde beschädigt.

Es gibt nur eine plausible Erklärung für Angriffe solcher Art: Russland will töten, Erinnerung auslöschen. Seit 2022 hat Russland über 730 religiöse Gebäude beschädigt oder zerstört – Kirchen, Moscheen, Synagogen. Kulturelle Stätten werden gezielt angegriffen, weil sie Identität stiften. So wird das Fundament eines Landes beschädigt, bis nur noch Schutt und Asche bleiben.

Lwiw ist dafür in dieser Woche ein besonders schmerzhaftes Beispiel. Für viele ist die Stadt nicht nur ein Ort auf der Landkarte, sondern Teil einer oft weit verzweigten europäischen Familiengeschichte. Auch meiner. Wenn dort Gebäude zerfallen, verschwindet nicht nur ukrainisches Erbe, es verschwindet auch ein Teil von uns.

Joseph Roth beschrieb 1924 in einer Reisereportage über Lwiw die Schwierigkeit, eine Stadt zu fassen. Man müsse „Farbe, den Duft, die Dichtigkeit“ der Luft beschreiben, das, was man „Atmosphäre“ nennt. Wie riecht eine Stadt im Krieg? Wie klingt es, wenn ein Haus in sich zusammenfällt, als wären es die Bauklötze eines Kindes? Wie wird diese „Atmosphäre“ spürbar? Die Ukrainer wissen das.

Spätestens jetzt zerbricht eine Illusion, die sich im Westen hartnäckig hält: die Vorstellung „relativ sicherer“ Orte. Der Westen der Ukraine wurde lange als Rückzugsraum wahrgenommen. Lwiw zeigt: Das stimmt nicht. Es gibt keinen sicheren Ort.

Vor diesem Hintergrund fiel es mir schwer, die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu hören. Er sprach am Tag der Angriffswelle beim 75. Jubiläum des Auswärtigen Amtes über die großen Linien der gegenwärtigen Außenpolitik.

Hier ­erscheinen zwei Kolumnen im Wechsel. Nächste Woche: „Geraschel“ von Doris Akrap

Steimeier verurteilte den Krieg in der Ukraine, zugleich aber auch – mit großer moralischer Pose – den US-amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran. Das lässt sich argumentieren. Doch er entschied sich ebenfalls, seine eigene politische Vergangenheit kaum zu reflektieren. Als Außenminister war er Verantwortlicher jener Russlandpolitik der Annäherung, deren Fehleinschätzungen bis heute wirken. Statt das klar zu benennen, fand er Erklärungen, Entschuldigungen.

Von einem erfahrenen Politiker hätte ich mehr erwartet: zum Beispiel den Zusammenhang zu benennen, dass der Krieg im Nahen Osten Folgen für die Ukraine hat. Aufmerksamkeit verschiebt sich, ebenfalls Ressourcen. Russland füllt seine Kriegskassen wieder, nachdem die USA Sanktionen auf russisches Öl teilweise ausgesetzt haben. Zugleich leiden Menschen im Iran unter dem mörderischen Regime. Beides ist wahr.

Diese Zusammenhänge zu sehen, Antworten zu geben und aus ihnen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln – das ist die schwere Aufgabe.

Russland will töten, Erinnerung auslöschen

Denn sonst gilt für die Ukraine am Ende womöglich nur das, was der Satz am Anfang beschreibt: Erinnerung. Und ich fürchte, dass auch sie irgendwann verblasst.

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