Erfolg der Linken in Kolumbien: Keine Revolution, aber Meilenstein

Mit Gustavo Petro könnte Kolumbien dieses Jahr zum ersten Mal einen linken Präsidenten bekommen. Doch im Parlament droht eine Blockade.

Gustavo Petro auf einer Bühne mit Mikrofon

Gustavo Petro nach dem Wahlergebnis am 13. März Foto: Luisa Gonzales/reuters

Einige Tage ist es nun her, dass die Kolumbianerïnnen einen neuen Kongress wählten und die Präsidentschaftskandidaten der drei aussichtsreichsten Parteienbündnisse bestimmten. Gus­ta­vo Petro, der linke Kandidat des „Historischen Pakts“, gewann bei den Wahlen haushoch. Auch in Senat und Repräsentantenhaus hat das linke Bündnis deutlich zugelegt, das Parteienspektrum ist außerdem insgesamt vielfältiger und weiblicher geworden. Kolumbien könnte dieses Jahr also mit Gustavo Petro zum ersten Mal einen linken Präsidenten bekommen. Das ist ein Meilenstein, aber keine Revolution.

Das Wahlergebnis ist in dem konservativen Land ein Riesenschritt, weil soziale und linke Bewegungen traditionell stigmatisiert, im Falle der Partei Unión Patriótica systematisch ausgerottet wurden. Vereinfacht gesagt: In Kolumbien gilt bereits als „links“, was in Deutschland unter „Sozialstaat“ fällt – und „links“ wird von Teilen der Gesellschaft bis heute mit „Guerilla“ gleichgesetzt, die das Land ein halbes Jahrhundert lang traumatisierte.

Im Ergebnis der Wahlen spiegeln sich aber nun die monatelange Proteste wider. Diese begannen im April 2021 und richteten sich gegen die Morde an Aktivistïnnen und demobilisierten Farc-Guerilleros, aber auch verschiedene Formen sozialer Ungerechtigkeiten von Steuer- bis Bildungssystem. Die Coronapandemie hat Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit massiv verstärkt.

Kein Linksruck

Von einem Linksruck zu sprechen, ist jedoch übertrieben. Der Erfolg der Linken ist zum einen auch der Krise der Rechten geschuldet. Präsident Iván Duque sprengt alle Unbeliebtheitsrekorde. Die Politik seiner Regierung ist massiv in der Kritik. Seine Partei, das Centro Democrático, ist gespalten, wie sich an der Kandidatenkür ablesen ließ. Der rechte Uribismus, benannt nach dem Ex-Präsidenten und immer noch mächtigen Übervater der Partei, Álvaro Uribe, ist längst nicht tot. Auch wenn er es jetzt relativieren möchte, um ein breiteres Publikum zu erreichen: Der derzeit zweitaussichtsreichste Präsidentschaftskandidat, Federico Gutiérrez, ist auch der Kandidat Uribes.

Derzeit läuft die offizielle Nachzählung für Repräsentantenhaus und Senat noch. Bei allen Parteien werden sich noch Verschiebungen ergeben (zumal das schlecht geschulte Personal der Wahlbehörde erwiesenermaßen Fehler beging). Doch schon jetzt steht fest: Selbst wenn der Linke Gustavo Petro am 29. Mai Präsident wird, wird er nicht im Parlament durchregieren können – denn es gibt dort für kein Bündnis eine ausreichende Mehrheit. Er wird dementsprechend auch Abgeordnete aus dem nichtlinken Spektrum überzeugen müssen. Kolumbien droht also eher eine Blockade als eine Revolution.

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stammt aus dem Bayerischen Wald und berichtet seit 2017 überwiegend aus Kolumbien. Sie ist Mitglied des Reporterinnen-Teams von #tazFolgtDemWasser und Mitgründerin des Magazins „Südamerika+Reporterinnen“ auf der genossenschaftlichen Journalismus-Plattform-„RiffReporter“.

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