Epidemien als Fortschrittsmotor: Tödliche Gefahr Nachbar

Epidemien können auch Fortschritt befördern und Zeitenwenden einleiten. Zum Beispiel eine Abkehr vom Neoliberalismus.

Eine Frau steht vor der einer bunte bealten hausfassade

Die Fassade „One Wall“ von der Künstlerin Emily Eldridge thematisiert Solidarität und Miteinander Foto: Carsten Koall/dpa

Lasst uns in dieser für alle schweren Zeit mit etwas Leichterem beginnen, mit der Mode und zeitgenössischen Schönheitsidealen. Schlankheit ist ja eines der vorherrschenden Schönheitsideale. Bei Frauen: dieser anorexische Kate-Moss-Typ mit dem verschleierten Blick. Aber auch bei Männern: dieses Dürre, Schlaksige, Verhuschte, der halbverhungerte Künstlertyp mit Blick ins Leere und verwuschelter Frisur. Es sind diese Typologien, die wir in jedem Modemagazin finden.

Skurrilerweise gehen sie auf das Wüten der Tuberkulose zurück, eine der schlimmsten, tödlichsten Epidemien, die aber anders als die Pest oder die Pocken nicht zu schnellem, sondern schleichendem Tod führte und deren Symptome auch nicht so äußerlich entstellend waren – so dass die Tuberkulose nicht nur als Terror im kulturellen Gedächtnis blieb. Sie traf viele Menschen in ihrer Blüte, machte vor wohlsituierten Menschen nicht halt und wurde als Künstlerkrankheit sogar romantisiert und ästhetisiert. Wer von ihr befallen war, verschwand allmählich, verfiel ins ­Geisterhafte. So prägte sie das kulturelle Gedächtnis.

Epidemien und Pandemien können den Lauf der Geschichte beeinflussen, im Großen und im Kleinen. Sie können zu einem Mentalitätswandel beitragen. Ratten empfinden die meisten von uns immer noch als unsympathische Tiere. Die nette, kochende Ratte im Zeichentrickfilm „Ratatouille“ bleibt da ein Sonderfall, genauso wie die einstige Mode der Punks, sich Ratten zu halten. Vielleicht haben sich die Punks ja nur Ratten gehalten, weil die Ratten so „außerhalb der Gesellschaft“ standen, wie das die Punks auch gern wollten. Und das hat natürlich mit den Ratten als Wirtstiere jener Flöhe zu tun, die die Pest übertrugen.

Übrigens, keine Sorge: Die heute bei uns heimischen Ratten sind antisoziale Tiere und daher als Krankheitsüberträger unwahrscheinlich. Die zutraulichereren und daher gefährlichen alten Pest-Ratten wurden von den heute heimischen Ratten ausgerottet.

Frank M. Snowden, ein amerikanischer Wissenschaftler, hat ein grandioses Buch über die Bedeutung von Seuchen für die gesellschaftliche Entwicklung geschrieben: „Epidemics and Society“. Eine Erkenntnis aus diesem Buch ist, dass Epidemien ganz ambivalente Auswirkungen haben. Sie sind nicht gerade eine Schule der Solidarität. Auch wenn wir jetzt alle versuchen, unseren betagten oder immungeschwächten Nachbarn beim Einkauf zu helfen und wenn die systemrelevanten Arbeitnehmer, von den Verkäuferinnen im Supermarkt über die Pflegedienste bis zu den Lkw-Fahrern, Ärztinnen und Hilfsorganisationen jetzt die wirklichen Helden sind – ganz generell spornen Epidemien nicht dazu an, dem Nächsten beizustehen. Der ist nämlich ansteckend, ergo: potenziell tödlich. Wenn einer hustet, sucht man das Weite. Es gibt Katastrophen, bei denen solidarisches Handeln leichter fällt – bei Erdbeben kann man Leute bei sich zu Hause aufnehmen.

Aber Pandemien sind sehr wohl auch Motor solidarischer Gesellschaften und des gesellschaftlichen Fortschritts. Ordentliche Wohnungen, ein Gesundheitssystem, zu dem alle Zugang haben, Wasser- und Abwassersysteme – sie sind historisch eine Folge von Epidemien. Denn auch die Reichen haben verstanden, dass sie nur dann sicher sind, wenn auch die Schwächsten sicher sind. Ein Gesundheitssystem, das nur für die Reichen funktioniert, funktioniert für niemanden – das haben Pandemien gelehrt. „Die Kapitalistenherrschaft kann sich nicht ungestraft das Vergnügen erlauben, epidemische Krankheiten unter der Arbeiterklasse zu erzeugen; die Folgen fallen auf sie selbst zurück, und der Würgengel wütet unter den Kapitalisten ebenso rücksichtslos wie unter den Arbeitern“, wusste Friedrich Engels schon vor 150 Jahren.

Manche erleben auch leise Panik. Normalerweise verstehen wir unter Panik, dass Leute aufgeregt kopflos herumlaufen. Kommt eher selten vor dieser Tage. Man sitzt daheim und allenfalls flattern die Nerven. Gibt es so was wie stoische Panik?

Der Neoliberalismus mit seiner Marktgläubigkeit und seiner Staatsverachtung hat für das Erste ausgedient. Dafür drohen andere Gefahren. Pandemien waren immer schon gute Gelegenheiten, harsche obrigkeitsstaatliche Maßnahmen zu verhängen. Notfallmaßnahmen sind die am meisten missbrauchten Gesetze in der Politik. Was aber nicht heißt, dass der Notfall nicht existiert. Der Notfall existiert, und deshalb erlaubt er, Regelwerke zu verabschieden, die sonst nie akzeptiert würden.

Wohl auch bei uns wären die Bürgerinnen und Bürger jetzt davon zu überzeugen, Tracking-Software im China-Style auf ihre Handys zu laden. Auch in Demokratien sind Ausnahmezustände wie diese die Stunde der Exekutive, und man braucht schon wirkliche Vollblutdemokraten an der Regierungsspitze, dass die nicht in Versuchung kommen, diese zu missbrauchen.

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Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.

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