Entwicklung der Corona-Zahlen: Die dritte Welle ist da

Die Infektionszahlen steigen wieder stärker an. Alle Hoffnungen ruhen auf den Impfungen. Die laufen schneller, doch es drohen neue Verzögerungen.

Einer Frau wird ein Corona-Abstrich genommen.

Schnelltest in Hagen: Wie stark die neuen kostenlosen Angebote die Zahlen beeinflussen, ist offen Foto: Oliver Berg/dpa

BERLIN taz | Lange wurde davor gewarnt, jetzt ist sie offenbar da: die dritte Welle der Corona-Infektionen. War die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen von Weihnachten bis Mitte Februar im Wochenmittel von knapp 26.000 auf gut 7.000 Fälle und somit fast auf ein Viertel gesunken, gab es in den letzten drei Wochen wieder einen leichten Anstieg. Und der hat sich in den letzten beiden Tagen stark beschleunigt: Am Donnerstag und Freitag lag der Wert jeweils 20 Prozent über dem entsprechenden Tag der Vorwoche; im Wochenmittel gibt es mit täglich gut 9.000 Fällen fast 10 Prozent mehr als vor einer Woche.

Auch Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), ist sich sicher: „Jetzt stehen wir am Anfang der dritten Welle.“ Und diese betreffe deutlich jüngere Altersgruppen als zuvor. Vor allem bei den Unter-15-Jährigen steige die Inzidenz derzeit „sehr rasant“, warnte Wieler. Und: „Wir sehen auch wieder mehr Kita-Ausbrüche.“

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Was der Grund für den plötzlichen starken Anstieg der Infektionszahlen in dieser Woche ist, bleibt unklar, weil sich mehrere Effekte überlagern. Zum einen breiten sich seit Jahresbeginn die Virusmutanten aus Großbritannien und – in geringerem Umfang – aus Südafrika immer stärker aus. Und zwar nicht nur vom Anteil an der Zahl der Gesamtinfektionen her, sondern auch absolut. Weil diese Mutationen jetzt schon mehr als die Hälfte der Neuinfektionen ausmachen, überwiegt ihr Anstieg inzwischen den leichten Rückgang der ursprünglichen Coronavirusvariante.

Doch diese Entwicklung lässt eher einen langsamen Anstieg erwarten, wie er in den Tagen zuvor zu beobachten war. Für den starken Anstieg in dieser Woche braucht es eine weitere Erklärung. Sehr wahrscheinlich ist, dass die in der letzten Woche von Bund und Ländern beschlossenen Lockerungen des Lockdowns dazu beigetragen haben.

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Zwar sind viele davon, etwa die Öffnung von Geschäften und die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts in diversen Bundesländern – erst in dieser Woche in Kraft getreten, sodass sie sich in den Infek­tions­zahlen bisher kaum widerspiegeln können. Erfahrungsgemäß führt aber bereits die Ankündigung solcher Lockerungen dazu, dass die Einschränkungen insgesamt etwas weniger ernst genommen werden, weil die politischen Beschlüsse in Verbindung mit dem längeren Sinken der Infektionszahlen als Zeichen der Entwarnung wahrgenommen werden.

Möglich ist zudem, dass die seit dieser Woche vielerorts verfügbaren kostenlosen Schnelltests für einen Teil des Anstiegs verantwortlich sind. Deren Ergebnisse gehen zwar nicht direkt in die Statistik ein, wohl aber, wenn ein positiver Schnelltest anschließend – wie empfohlen – durch einen PCR-Test bestätigt wird. Wenn vermehrt Menschen ohne Symptome oder Kontakte getestet wurden, deren Infektion sonst unerkannt geblieben wäre, würde das die Zahl der gemeldeten Infektionen erhöhen.

„Es ist sicher, dass die Schnelltests sich bei den Infektionszahlen auswirken“, sagte SPD-Gesundheitexperte Karl Lauterbach der taz. „Doch weil es keine Zahlen gibt, wissen wir nicht, wie stark.“ Tatsächlich ist derzeit völlig unklar, wie viele Antigenschnelltests durchgeführt werden und welcher Anteil davon positiv ist – selbst bei den kostenlosen Tests, die vom Staat vergütet werden.

„Inwiefern die Zunahme der Antigentests die Fallzahlen beeinflusst, kann auf Grundlage der dem RKI vorliegenden Daten noch nicht ausreichend beantwortet werden, da Angaben zur Testhäufigkeit nur in begrenztem Ausmaß zur Verfügung stehen“, teilte das Robert-Koch-Institut am Donnerstag auf Anfrage mit. RKI-Präsident Wieler legte sich am Freitag trotzdem fest: „Der Anstieg hängt nicht damit zusammen, dass mehr getestet wird“, sagte er. Wie eine solche Aussage möglich ist, wenn es keine Daten zur aktuellen Entwicklung der Tests gibt, blieb offen.

Stagnation auf den Intensivstationen

Schlechter als zuvor ist auch die Entwicklung auf den Intensivstationen. Die Zahl der behandelten Co­ro­na­pa­ti­en­t*in­nen ist zwar noch nicht gestiegen, aber der Rückgang wird immer mehr zu einer Stagnation. Mit 2.754 war die Zahl am Freitag weniger als halb so hoch wie beim bisherigen Höchststand im Januar, aber nur noch minimal geringer als vor einer Woche – und parallel zu den steigenden Infektionszahlen ist auch auf den Intensivstationen wieder mit einem deutlichen Anstieg zu rechnen.

Anders sieht es bei der Zahl der Menschen aus, die im Zusammenhang mit Corona sterben. Diese ist weiterhin stark rückläufig: Mit rund 220 ist die Zahl der täglichen Covid-19-Toten im Wochenmittel aktuell rund 75 Prozent niedriger als Mitte Januar. Und es ist zu erwarten, dass sie auch bei einem Anstieg der Infektionszahlen zunächst weiter sinkt. Denn unter älteren Menschen, für die das Risiko, an Corona zu sterben, besonders hoch ist, treten immer weniger Infektionen auf. Hier machen sich die zunehmenden Impfungen in dieser Altersgruppe bereits bemerkbar.

Denn neben den vielen negativen Entwicklungen gibt es derzeit auch eine erfreuliche: Das Impftempo hat in letzter Zeit deutlich zugelegt. In der letzten Woche wurden im Schnitt 230.000 Impfungen am Tag durchgeführt, fast doppelt so viele wie einen Monat zuvor. Und wenn die Impfstofflieferungen wie geplant kommen, könnten schon im Juli alle impfbereiten Erwachsenen tatsächlich geimpft sein. Dafür müssten im Sommer dann aber mehr als fünfmal so viele Impfungen pro Tag durchgeführt werden wie derzeit. Um das zu erreichen, sollen nicht nur die Impfzentren erweitert werden, sondern spätestens ab Mitte April auch Haus- und Betriebsärzte einbezogen werden.

Kritik an ausgesetzten AstraZeneca-Impfungen

Allerdings ist unklar, ob tatsächlich alle Lieferungen wie geplant kommen. Sowohl bei Astra­Zeneca als auch beim Hersteller Johnson & Johnson, dessen Mittel am Freitag in der EU als vierter Impfstoff offiziell zugelassen wurde, wird mit Verzögerungen gerechnet. Denn diese Impfstoffe stammen teilweise aus den USA, und diese blockieren derzeit den Export in andere Länder. Die erste Lieferung von Johnson & Johnson wird darum erst für Ende April erwartet; bei AstraZenca könnte die fürs zweite Quartal geplanten Lieferungen deutlich geringer ausfallen als geplant.

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Ein weiteres Problem wird sich in Deutschland dagegen voraussichtlich nicht auswirken: Mehrere europäische Länder haben die Verwendung des AstraZeneca-Impfstoffs am Donnerstag ausgesetzt, nachdem es Berichte über tödlich verlaufene Thrombosen gab. Sowohl der Hersteller als auch die Europäische Arzneimittelbehörde wiesen dies aber zurück.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte am Freitag, es gebe keine Grundlage für die Entscheidung, die Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca auszusetzen. „Mit dem, was wir bisher wissen“, so Spahn, sei der Nutzen des Impfstoffs „bei weitem höher als das Risiko“. Das sieht SPD-Mann Karl Lauterbach genauso: Insgesamt seien bei 3 Millionen geimpften Menschen 22 Thrombosefälle aufgetreten, sagte er. „Das liegt voll im Rahmen dessen, was ohnehin zu erwarten wäre.“ Das Aussetzen der Impfungen sei daher ein Fehler, so Lauterbach.

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