Enttarnte Meckermutter auf Social Media

Eimerweise Insta-Trolls

Eltern auf Instagram sind ein eigenes Genre: gebildet, schön und ausgeruht. In Wirklichkeit sind die Stars der Szene genauso wie du und ich.

Katze in Eimer

Cat-Content ohne Kotze Foto: Marina Khrapova/unsplash

Es gibt Menschen, die sind gut drauf, gebildet, schön, erfolgreich, aber nicht gestresst, viel unterwegs, aber auch mal besorgt und geben Schwächen zu. Diese Menschen wohnen auf Instagram. Clemmie Hooper auch. Zumindest ist sie da gemeldet. Sie wurde aber lange nicht mehr gesehen.

Clemmie Hooper ist dort „Mother of Daughters“ (mit noch gut 650.000 Abonnent*innen) und sie ist die perfekte Mutter-Bloggerin: Die Britin hat vier Töchter, sie ist Hebamme, sie ist korrekt und aufmerksam, sie hat einen lustigen und eloquenten Mann („Father Of Daughters“ bei Instagram, eine Million Abonnent*innen), sie hat Ausstrahlung, ohne dabei so angsteinflößend übermenschlich und oberflächlich schön zu sein, sie ist die perfekte Projektionsfläche, sie ist die beste Freundin bei Insta.

Und weil sie die beste Freundin und Mutter und Hebamme bei Insta ist, hat sie auch Bücher geschrieben und einen Podcast und einen Werbedeal mit der Kaufhauskette Marks & Spencer und eine Schmuckkollektion – und neben all diesen Verpflichtungen hat sie noch die Zeit gefunden, online anonym andere Bloggerinnen und sogar ihren Mann zu mobben. Uuups.

In einem Forum, in dem sich Menschen versammeln, die alle diesen Influencer*innen folgen, um sich dann gegenseitig zu versichern, wie scheiße sie die Influencer*innen bei Insta finden (also ungefähr so wie „Tatort“-Zuschauer*innen sonntagabends bei Twitter, nur aggressiver), hat sich Clemmie Hooper wohl unter dem Namen „Alice in Wanderlust“ über ihren Mann („ein Arschloch … ich weiß nicht, wie sie es mit ihm aushält“) und sehr viel über andere Mummy-Bloggerinnen, die sie teilweise rassistisch beleidigt, und deren Ehen und deren Aussehen und so weiter ausgelassen. Was man halt so macht als Troll.

Hooper hat um Entschuldigung gebeten und geschrieben, dass sie das Forum infiltrieren wollte und dann in diese Onlinewelt gesogen worden sei und dann sei die Situation eskaliert. In Germany we call it „mausgerutscht“.

Und ich merke, wie mich das beruhigt. Nicht falsch verstehen: Ich finde Onlinemobbing falsch und schlecht und feige. Menschen aber sind halt nicht wie bei Insta. Eltern schon gar nicht. Ich kann nicht immer ruhig und gelassen sein. Manchmal werde ich so wütend, dass meine Töchter sich erschrecken. Aber was soll ich machen, wenn erst das eine Kind in die Küche kotzt (okay), ich das aufwische und dann die andere Tochter meint, über den Eimer mit dem Warmes-Wasser-Kotze-Gemisch springen zu müssen, dabei das eigene Sprungtalent überschätzt, den Eimer umkippt und ich die Blenden unter den Küchenschränken abmontieren muss, um die verflüssigte Kotze aus den wirklich hinterletzten Ecken rauszuwischen?

Da gibt’s halt ’nen Anschiss. Das tut mir später leid, aber in dem Moment ist es die ehrlichste Reaktion, die ich draufhabe. Nur: Mit Kotze kein Kaufhaus-Deal. Mit Anschiss kein Empowerment-Podcast. Tja. Muss ich wohl weiter hier Kolumne schreiben. Tut mir leid.

Einmal zahlen
.

Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben